Margarete Susman

 

Frauen der Romantik

 

Mit zahlreichen Abbildungen

und einem Nachwort von Barbara Hahn

insel taschenbuch

 

 

 

 

 

Inhalt

 

 

 

Vorwort zur Ausgabe von 1931 .......................................................................9

 

Vorwort zur Ausgabe von 1960 .....................................................................12

 

 

 

Caroline .......................................................................................................15

 

Dorothea ......................................................................................................54

 

Rahel ...........................................................................................................98

 

Bettina .......................................................................................................133

 

Karolina von Günderode ............................................................................168

 

Die Weltanschauung der Romantik ............................................................201

 

 

 

Ferne Spiegel .............................................................................................221

 

           Nachwort von Barbara Hahn

 

Zu dieser Ausgabe .....................................................................................236

 

 

 

 

 

 

 

 

Vorwort

zur Ausgabe von 1931

 

 

 

Es war mir bei der Darstellung der fünf Frauengestalten, die in diesem Buch vereint sind, vor allem daran gelegen, ihr Leben als ein aus gemeinsamem geschichtlichem Wurzelgrund aufsteigendes zu fassen – als das Leben von Gestalten, die nur in diesem einen Raum- und Zeitpunkt möglich sind – jedes in seiner Weise Zeugnis der geheimnisvollen Einheit, die das Einzelleben in seiner Besonderheit und Einzigartigkeit dennoch zum Ausdruck des gesamten geschichtlichen Daseins werden läßt, dem es entsteigt.

Ein Wesentliches der deutschen Romantik selbst sollte also durch diese Frauengestalten verdeutlicht werden. Sucht man nach einem Gestaltungsprinzip meiner Darstellung, so kann es darum nicht in einer Idealisierung persönlicher Art gefunden werden, sondern allenfalls in einer Art von geschichtlicher Idealisierung, die sich bei aller Verschiedenheit der einzelnen Persönlichkeiten und Lebensläufe durch das Leben aller dieser Frauen hindurchwirkt, diesen Namen geben will.

Und zwar schien mir die Herausarbeitung der Idee der Romantik gerade für unsere Zeit besonders bedeutsam. Keine Lebensstimmung vielleicht liegt dem heutigen Menschen ferner als die der Romantik. Abkehr von ihr in jeder Gestalt ist geradezu Parole der heutigen Zeit geworden. Aber eben durch diese grundsätzliche Ablösung scheint mir heute der Augenblick gekommen, wo das romantische Leben und Denken vollkommen überschaubar und damit im Grunde erst ganz sichtbar geworden ist. Und dies ist für unsere Zeit darum von Bedeutung, weil die Abwendung von einer Epoche notwendig zugleich die Gefahr ihrer Verkennung in sich birgt – während sich doch für das eigene Leben von niemandem Entscheidenderes lernen läßt als von einem wirklich erkannten, ehrlich gewürdigten Gegner.

Das Wort Romantik hat an sich einen unendlich weiten, nie zu Ende gedeuteten Sinn. In diesem ganz weiten Sinne durchzieht ein Strom von Romantik, bald hoch anschwellend, bald verebbend und versandend, die ganze europäische Geistesgeschichte. Hier aber, in dem kleinen abgesonderten Kreis der romantischen Schule, im Deutschland des vergangenen Jahrhunderts, in der kurzen Epoche, die wir im engeren Sinne die Romantik nennen, ist ein einziges Mal der weltweite Sinn dieses Wortes zusammengepreßt und verdichtet, ist er nicht nur durch das Sein der Zeit ausgegossen, sondern wie in einem festen funkelnden Kelch in ihrem Sein und Bewußtsein zugleich gesammelt. Die Erfüllung der Romantik enthüllt sich so als Selbstanschauung der Romantik; Selbstanschauung wird auf ihrem Gipfel als der Sinn der Romantik überhaupt sichtbar. Darin liegt die unerhörte geistige Intensität, darin aber auch die tiefe menschliche Problematik der eigentlichen romantischen Bewegung. Denn in der Selbstanschauung, in der sie zu sich kam, indem sie sich selbst begriff, hat die Romantik auf der Höhe ihres Lebens sich zugleich ihr Todesurteil gesprochen. Was ins Bewußtsein getreten ist, kann nicht mehr ganz gelebt werden. An diesem Punkt aber war es, wo die Frau mit ihrer unmittelbaren Lebensintensität einsprang und die geistige Vision der Romantik dennoch erfüllte. Darin, daß sie, ganz dem Geist erschlossen, doch ihm nicht verfiel und so das eigentlich nicht mehr Lebbare lebte und zur Form gestaltete, liegt die Größe der romantischen Frau.

Damit wird aber zugleich deutlich, daß dies auf der schwanken Spitze höchster Geistigkeit schwebende, ganz und nur persönlich gestaltete Leben einzig in jenem kurzen Augenblick lebbar war, in dem es eine geistesgeschichtliche Aufgabe ersten Ranges, die gedanklich nicht rein zu bewältigen war, durch das Leben selbst löste. Darum stehen für uns heutige Menschen, denen andere härtere Aufgaben gestellt sind, jene lebendigen Gestalten alle eigentümlich am Rande des Lebens, sind sie, indem sie ein Äußerstes leben, von uns aus gesehen schon beschattet von ihrem Tod. Aber das bedeutet, daß sie als geschichtliche Gestalten gerade ganz und gar lebendig sind: nicht tote Vergangenheit, sondern wirkliches sterbliches Leben – nach uns zu nicht abgeschlossen, sondern lebendig geöffnet für das ewige „Erkenne die selbst“ des geschichtlichen Menschen.

Und indem wir uns an ihnen und sie an uns erkennen, werden wir erfahren, wie diese Gestalten einer vergangenen Epoche, von der wir uns endgültig abgewandt haben, uns nicht nur fremd, sondern bei aller Schärfe der Trennung doch auch innerlich vertraut sind – überschaubar für uns durch ihre Fremdheit, identisch mit uns durch den Strom lebendiger geschichtlicher Wirklichkeit, der in ihnen wie in uns pulst und aus dem ihre Erschließungskraft für unser eigenes Dasein quillt. In dieser Doppelstellung alles geschichtliches Leben ist vielleicht keine Zeit für uns fruchtbarer und aufschlußreicher als die deutsche Romantik.

Ich schicke diesem Buch diese Worte voraus, weil ich das bisherige Anfangskapitel, das als Darstellung der gedanklichen Vorraussetzungen ihres Lebens den Rahmen für die fünf Frauengestalten bildet, in der neuen Auflage an den Schluß gestellt habe. Ich entschloß mich dazu aus der Erwägung, daß vielleicht durch das Leben der Frauen selbst die Geisteswelt der Romantik so weit sichtbar werden wird, daß es einen Zugang auch zu deren dunkler und komplizierter gedanklicher Ausgestaltung zu eröffnen vermag, durch den sie sich dem Verständnis leichter erschließt.

 

 

 

Vorwort

zur Ausgabe von 1960

 

 

Als 1929 dies Buch zum ersten Mal erschien, war unsere Stellung zur deutschen Romantik noch eine andere als heute. Einerseits ist sie uns ferner und fremder durch die Verlorenheit, Skepsis und Nüchternheit unserer Zeit, andererseits ist sie uns auch in einer bestimmten Weise wieder ein wenig näher gerückt. Zwar als der erste Weltkrieg vorüber war und alle bisherigen Werte bis in die Tiefe der Sprache hinein verändert und zerrüttet hatte, war noch ein leiser Funke von Romantik in der damaligen Jugendbewegung erhalten. Es war aber auch noch etwas anderes aus dem ersten Weltkrieg übrig geblieben, ein neues vertieftes Wissen um den Tod.

Mit dem Tode hat jede große Philosophie, alle große Dichtung begonnen, aber stets als mit der tragischen Seite des Lebens. Es blieb der deutschen Romantik, vor allem Novalis, vorbehalten, den Tod in trunkenen Hymnen als Quelle des Lebens zu besingen. So überwältigend schön und ergreifend diese Hymnen und Todesgesänge sind – es erfaßt uns ein Schauer, wenn wir von ihnen aus auf unsere Geschichte blicken, wie sie seitdem sich entwickelt hat und wie sie ohne das leidenschaftlich Irrationale und das Todeswissen aller Romantik niemals möglich gewesen wäre. Das Rätselhafte, Geheimnisvolle, wie es vor allem in den mystischen Romanen des Novalis und in den Märchen Tiecks und Brentanos, dann später zur Unheimlichkeit gesteigert in den Erzälungen E.T.A. Hoffmanns hervortritt, ist nur eine Überform des Irrationalen, das die ganze Romantik durchherrscht. Das letzte, unauflösbar Irrationale aber ist der Tod.

Schon in die erste Romantik, von der dies Buch Zeugnis abzulegen versuchte, strömten durch die Übermacht des Irrationalen von vielen Seiten zugleich gottfremde dämonische Mächte ein. Das bestürzende Wort des blutjungen Friedrich Schlegel „Die Wahrheit ist nicht schön, sondern häßlich“, das sich aller bisherigen deutschen Philosophie, der prästabilierten Harmonie eines Leibnitz, dann dem Wahren, Guten und Schönen Kants in schmerzlicher Verdüsterung entgegenwendet leitet eine neue Zeit, die unserer eigenen Epoche, ein, wie sie auch in aller großen Kunst unserer Zeit gespiegelt ist.

Die Romantik hat also nicht nur die süßen Klänge, nicht nur die Weichheit und sanfte Milde, die auf den ersten Blick ihr Wesen sind,  — sondern auch den bitteren Kern des Schegelschen Wissens, daß die Wahrheit nicht schön, sondern häßlich und damit im Grunde unlebbar ist. So wird die Romantik in all ihren schönsten Gestaltungen zur Flucht aus der Gegenwart in die Vergangenheit, vor allem in das Mittelalter, seine große Kunst und seine historisch geprägten Formen. Nur hier findet sie das in der Gegenwart Verlorene wieder. „Zurück, nicht vorwärts!“ lautet hier alles.

Die zweite, spätere Form der Romantik, die nicht mehr in diese Betrachtung gehört, schließt doch an das Todeswissen der ersten an und geht noch weiter in die Vergangenheit zurück, indem sie in dem Werk Wagners die längst versunkene germanische Götterwelt der Edda und der Nibelungen wieder heraufbeschwört und damit in dem ihr völlig fremden Großstadtpublikum den wildesten Nationalismus auslöst. So milde daneben die erste Romantik erscheint, ihr ganzes lauschendes Denken und Sinnen ist doch schon durch ihre Flucht in die Vergangenheit tief mit dem Nationalismus Wagners verbunden. Schon Heinrich Heine hat in der sanften lyrischen Hülle der Romantik den ganzen schonungslosen deutschen Nationalismus prophetisch erkannt, der dann in die grauenhafte Katastrophe gemündet ist, wie wir sie alle miterlebt haben: vor allem in der letzten und höchsten Aufgipfelung des Irrationalen, im Heraufkommen eines besessenen, gespenstischen Wesens, dem Millionen von Toten keine Gewissenslast bedeuteten, und dem sich die große Mehrheit der Deutschen beugte: dann durch den verruchten Weltbrand eines zweiten verheerenden Krieges, der die schönsten, ehrwürdigsten deutschen Städte in Trümmer und Asche legte und schließlich zur Bedrohung der menschlichen Existenz überhaupt führte.

Durch all dies, was sich zwischen das Damals und das Heute geschoben hat, ist dies Buch unter einen anderen Stern getreten.

 

 

Caroline

 

Es liegt unendlich viel außer und über den

Grenzen dieser Moral, nicht allein alles, was

freies Leben ist in Natur und Kunst, sondern

ebenso auch die Göttlichkeit der Gesinnung,

welche unsere Erlösung ist vom Gesetz und

die Versöhnung mit dem Göttlichen, da wir

zuvor Unterworfene waren. –

Nicht alle sind ohne Zweifel dieser Ansicht

fähig, welche ewig zu den Mysterien der

höheren Menschheit gehören mag.

Schelling

 

 

Caroline ist die geschichtliche Frau der Romantik. Geschichtlich in dem Sinne, daß in ihr das in jenem Augenblick ins Bewußtsein tretende Lebensideal seine Verwirklichung gefunden hat. Was Romantik ist, das sagt uns nicht weniger klar als die tiefen ringenden Definitionen Friedrich Schlegels, als die Hymnen, Romane und Märchen des Novalis das Lebensbild Carolinens. Nur daß jene gewissermaßen entzifferten und in Bildern und Symbolen aufschrieben, was Caroline mit ihrem Leben unmittelbar enthüllte.

Denn ihr gesamtes Leben erscheint als die reine Ausfaltung einer im Weltgrund selbst ursprünglich angelegten Form. Wenn man sich das Weltganze vorstellt unter einem Lieblingsbild des Novalis: als eine in allen Lebensformen ausgebreitete geheimnisvolle Schrift, zu der dem Menschen der Schlüssel fehlt, so wäre im menschlichen Inneren diese Schrift am tieftsten und unenträtselbarsten verschlungen. In einem noch dunkleren und geheimnisvolleren Sinne, als Schelling es von jeder Pflanze sagt, ist dann jedes menschliche Innere ein verschlungener Rätselzug der Natur. Aber dieser tiefere und verworrenere Rätselzug ist auch zugleich als einziger von allen Zeichen der Natur einer allmählichen Entwirrung fähig: was in den Pflanzen stumm und verschlossen dasteht, ist bestimmt, im menschlichen Leben offenbar zu werden.

Doch sehr selten nur löst sich das verschlungene Rätsel eines Lebens auf; unendlich selten tritt die Schrift als klares Bild zutage. Denn durch unser in unzählige fremde Zusammenhänge eingewirktes bewußtes Dasein verwirren und verwischen wir immer wieder die ursprüngliche Schrift bis zur Unkenntlichkeit. Je mehr dies geschieht, um so mehr gleicht unser Leben einem Chaos; je mehr aber unser bewußtes Dasein der Entfaltung der unmittelbar in uns vorgezeichneten Lebensgestalt dient, um so mehr wird es zu einem klaren erkennbaren Bild.

Das Lebensbild Carolinens, verworren, stürmisch und trüb in seinen einzelnen Schicksalen, hat dennoch wie selten ein Leben durch alle seine wechselnden Inhalte hindurch einzig der Sichtbarmachung des mit ihrem Dasein ursprünglich angelegten Wesenszuges gedient. Es war die unantastbare Ruhe einer rein pflanzlichen, im Keim vorbestimmten Entwicklung, in der sie ihn mit einer durchdringenden Bewußtheit und Geistigkeit entfaltete.

Caroline wagte einzig aus sich selbst zu leben: aus dem ihr immer gegenwärtigen Sinn ihres ganz persönlichen Wesens – ohne daß je ein Fremdes, Einzelnes, ihr Übermächtiges sie bestimmte oder ablenkte. Nie – von früher Jugend an – hat sie für irgendeine Tat, irgendeine Entscheidung ihres Lebens nach Gründen, nach Maßstäben, nach etwas außerhalb ihrer selbst Liegendem gefragt; jeder, auch der verzweifeltsten und schuldvollsten Lage gegenüber, hat sie sich noch auf sich selbst, auf ihr eigenes Innere gestützt und berufen. Ihr beispielloses, fast mystisch sich gebendes Zutrauen zu sich selbst macht, daß sie nie daran gedacht hat, etwa Fehler abzulegen, sich zu ändern, gegen sich zu kämpfen. Weder Kampf noch Reue haben in ihrem Leben Raum. Sie kannte in Wahrheit keine Konflikte; ihr unendliches Zutrauen zu dem belebenden und beseelenden Grund ihres Inneren, der immer wieder aus sich selbst alles Dunkle, Falsche, Verwirrende zerstreuen müsse, löste alle Geschehnisse und Situationen ihres Lebens, auch die, die in jedem anderen Leben zu unlösbarem, grauenvollem Konflikt hätten führen müssen, in der tiefen Stille eines in seinem Grunde unberührbaren Gewissens auf. Ruhig bildete dieser unantastbare Mittelpunkt ihres Wesens Ring um Ring um sich her, und alle Erschütterungen und Verwundungen dienten ihm nur, um gleichsam neue Wachstumsformen der einen Gestalt aus sich heraus zu spinnen. Denn diese Gestalt selbst veränderte sich nie; eine Entwicklung im eigentlich menschlichen Sinne hat Caroline nicht gehabt. Von Anfang an sehen wir sie als dieselbe, die trotz der strömenden Lebendigkeit, mit der ihr Geist allen Eindrücken geöffnet ist und mit der sie alle auf sich selbst bezieht, dennoch sie von sich aus ordnet und bestimmt, niemals sich durch sie bestimmen läßt. Dieses Wesen schloß den Irrtum im eigentlich menschlichen Sinne: als Staffel der Entwicklung von sich aus. Selbst ihre Irrtümer waren schon von Anbeginn vor dieser seltsamen Festigkeit ihres Inneren gerechtfertigt. Mit einer geradezu nachtwandlerischen Sicherheit ist Caroline durch alle wechselnden und zerstörenden Schicksale ihres Lebens gegangen. Aber einem Nachtwandler gleich, den man anriefe und der nun erwachend erst recht jeden seiner im Traum begonnen gefahrvollen Schritte mit einer souveränen wachen Bewußtheit lenkte. Alles in ihrem Leben war selbstverständlich. Sie hatte keine Probleme, stellte keine Fragen; was sie bedurfte, war ihr gegenwärtig. Und ihre tiefe innere Sicherheit wurde durch ein fast wunderhaftes Zusammentreffen von inneren Anlagen und äußeren Bedingungen unterstützt.

Schon alles, was ihr ursprünglich ins Leben mitgegeben war, begünstigte sie auf dem ihr eigentümlichen Wege. Als Tochter des Orientalisten Michaelis in Göttingen 1763 geboren, erwuchs sie in einem Kreise, der ein gewisses geistiges Niveau der Hochbegabten als selbstverständliche Lebensbasis bot. Eine Kulturhöhe, die soviele andere bedeutende Menschen, und gerade Frauen, sich erst in mühseligen Kämpfen erringen mußten, war ihrem Leben Voraussetzung. Von früh auf fand sie sich unter ausgesprochenen und selbständig denkenden Persönlichkeiten. Ohne diese geistige Atmosphäre ihrer Jugend wäre die eigentümliche Mühelosigkeit ihres Geistes so wenig wie ihre relativ große soziale Unbekümmertheit denkbar.

Und auch ihr Äußeres mußte ihr dienen. Caroline war nicht schön, aber leicht, zierlich und voll Anmut. Ihre Erscheinung war so, daß sie ihr nie durch eine Auffälligkeit irgendeiner Art im Wege war und daß sie sie doch, sobald sie wollte, zu jeder Wirkung nutzen konnte. Sie ließ nichts Bestimmtes von ihr erwarten und konnte dann doch in den näheren Begegnungen zu allem werden, was geistiger und weiblicher Liebreiz vereint sein können.–

Die wechselndsten Inhalte und Interessen hatten von Anfang an in Carolinens Leben Raum – alles, insofern sie es auf ihr inneres Leben beziehen und von sich aus ordnen kann. Sie durchlebte ihre Jugend wechselnd zwischen leichten, ja leichtsinnigen Erlebnissen und ernsten Studien; schon ihre frühesten Briefe verraten einen für ein junges Mädchen völlig ungewöhnlichen Reichtum an Kenntnissen neben einer klaren und bestimmten geistigen Erfassung alles sie Umgebenden – seien es Bücher, Menschen oder Schicksale.

Caroline hat uns kein Werk hinterlassen – nur das persönliche Zeugnis ihrer Briefe. Aber immer, von Anfang an zeigt sich in diesen Briefen der große einzige Reiz und Zauber ihres Geistes: die erstaunliche Schärfe und Präzision, mit der er arbeitet und ihren intensiven und feinen Wahrheitssinn allen Lebensbeziehungen aufgeprägt. Niemals von allem Anfang an – das bewirkt das lebendige Interesse, das sich an jede, auch an sich unbedeutende Mitteilung Carolinens heftet – treffen wir in ihren Briefen auf ein angelerntes oder auch nur vag erfaßtes Wort; niemals spricht sie aus, was nicht zuvor ganz ihr Eigentum geworden ist. Und so zeichnet sich zugleich von früher Jugend an deutlich die Linie ihres ganz persönlichen Lebens: jene mit voller Bewußtheit erstrebte Entwicklung ihres gesamten Schicksals aus ihrem eigenen Inneren – durch eine Kraft, die weit mehr ist als Wille.

In einem Brief der eben Fünfzehnjährigen an ihre Freundin heißt es noch halb kindlich und doch schon so voller wahrhafter Selbsterkenntnis: „Ich habe wahres, festes Vertrauen auf Gott, ich bitte ihn so sehnlich, mich glücklich zu machen, aber ich habe so verschiedene Wünsche, wodurch ich das zu werden suche, daß, wenn er sie alle nach meiner Phantasie erfüllen wollte, ich notwendig unglücklich werden müßte. Du, mein Gott, der Du mein Herz kennst, der Du mich schufst, erfülle keinen Wunsch, der Dir mißfällig, ich verlasse mich auf Dich.“ Nicht Glück also ist – trotz allers jugendlichen Glückssehnsucht – ihr eigentliches Gebet – sondern eine die Vielheit ihrer Wesensanlagen klärende göttliche Lenkung ihres Geschicks.

Solche Bitten, die der Mensch ebensosehr an sich wie an Gott richtet, pflegen erhört zu werden. Und dies feste Vertrauen auf eine göttliche Entwirrung ihres so reich und vielfältig angelegten Daseins ist Caroline, da es ihr immer neu bestätigt wurde, ihr Leben lang geblieben. Nur daß sie es später nicht mehr als Gottvertrauen erlebte – sondern als Vertrauen auf den Gott oder Dämon in ihrer eigenen Brust. Und gerade dadurch, daß diese geheimnisvolle Macht, der sie sich vertraute, sie niemals im Stich ließ, scheint sie in ihrem Leben immer mehr die Züge eines Dämons anzunehmen; denn es ist, als ob von ihr eine unheimliche dämonische Wirkuung selbst in das Äußere ihres Geschicks ausgestrahlt wäre. In allem und jedem – selbst in dem Schwersten und Furchtbarsten, das sie erlitten hat, ist Caroline wie von den Mächten des Lebens selbst gestützt und bewahrt. Immer ist sie wie von Geistern umwaltet und bedient, die ihr helfen müssen, allen Schicksalsschlägen zum Trotz und durch sie, das Gesetz ihres Lebens zu verwirklichen.

Erfüllt sich so: in dieser geheimnisvollen magischen Einheit äußeren und innerenLebens, die tiefste Ahnung der Romantik von Menschen- und Frauentum – so standen alle die Menschen ihrer Zeit, die dem romantischen Kreise und seiner Gesinnung innerlich fern standen, auch Caroline ablehnend und feindlich gegenüber. Alle Menschen, die nach Normen, nach Ideen, nach irgend Feststehendem und Übergeordnetem lebten oder suchten, mußten Carolinens Lebensform ablehnen; sie mußte ihnen fremd, unverständlich, unsittlich, ja diabolisch erscheinen. Charlotte Schillers Bezeichnung „Dame Luzifer“ faßt alle nachteiligen Urteile ihrer Zeitgenossen über sie in der schroffsten Form zusammen. Überhaupt waren es vor allem Frauen, die sich gegen sie, gegen die eigentümliche kristallene Unangreifbarkeit ihres Wesens empörten und sie als hart, lieblos, kokett und intrigant verurteilten.

Und es ist klar, daß diese vollkommen unsoziale, geheimnisvoll in sich geschlossene und um sich selbst kreisende, zwischen Naturwesen und Pythias in der Mitte stehende Frau auch von sich aus keine reale Beziehung zu anderen Frauen haben konnte; daß nur durch die unmittelbar in das Zentrum des Lebens treffende erotische Beziehung zu ihr ein Zugang zu gewinnen war. Freundschaft stammt aus der Idee oder aus der schlichten menschlichen Wärme; beide waren keine wirkenden Kräfte in Carolinens Leben. Nur zwei Frauen haben in ihrem Leben eine Rolle gespielt: ihre Freundin Luise Gotter, die ihr zeitlebens in dienender Freundschaft ergeben blieb, und Therese Heyne, deren bedeutende, stark und eigensinnig auf sich bestehende Persönlichkeit zweifellos einen starken Einfluß auf Carolinens eigene Entwicklung geübt hat und die sie, trotz des Rivalitätsverhältnisses, in dem sie immer zu ihr stand, wie ein mächtiges Naturschauspiel anstaunte und bewunderte, ohne daß je im Ernst das Wort Freundschaft auf diese Beziehung gepaßt hätte.

Carolinens erste Jugend freilich wurzelt mit ihrer Auffassung von Liebe und Freundschaft deutlich noch in der Epoche der Empfindsamkeit. Aber bereits ihre frühesten Briefe an die Jugendfreundinnen verraten doch neben der lebhaften Empfindung, mit der sie alles ihr Begegnende auffaßt, eine eigentümliche Bewußtheit, Besonnenheit und fast unjugendlich kritische Schärfe, mit der sie den überkommenen Gefühlswerten entgegenarbeitet und alle ihre Beziehungen – höchst unempfindsam – auf den Boden der Wirklichkeit zu stellen sucht. Immer wehrt sie sich gegen alles Überkommene, Herkömmliche, nicht ganz und gar selbst Erfahrene und Erkannte. Alle romanhafte Schwärmerei weist sie von sich – schon in frühester Jugend. Wohl nie hat ein sechzehnjähriges Mädchen so kühl abwägend über seine erste Liebe gesprochen. „Ich bin nicht romanhaft genug zu sagen, daß ich nie einen anderen heiraten wolle wie ihn, nein ich überlasse mich so ganz, mit so ruhiger Seele der Führung Gottes, daß ich ohnmöglich unglücklich werden kann. Was soll ich mir in der Blüte des Lebens ängstliche Stunden machen? Ich will meinen Frühling genießen, erst sechzehn Jahr und mir vor Sorgen und Kummer graue Haare wachsen lassen, das ist meine Sache nicht.“

Nein, gewiß, dies war niemals, war auch viel später und in weit schwereren Schicksalen nicht Carolinens Sache. Intensiv zu leiden hat sie immer abgewiesen. Diese erste Liebe freilich gehört zu den „Hirngespinsten“, von denen sie nicht lange darauf sagt, daß sie ihnen mit so weniger Mühe entsagte. Aber wenn dies junge Menschenkind die Ausdehnung und Stärke seiner Liebe schon, mitten in ihr befangen, so klar überblickt und mit ruhiger Selbstbesinnung in die noch unaufgeschlossene Gesamtheit seines Lebenszusammenhanges einstellt, so ist dies dennoch schon ein deutliches Präludium zu der Art, wie Caroline ihr ganzes Leben hindurch sich dem Schicksal gegenüberstellte. Und wieder finden wir auch hier als Untergrund dieser Haltung das eigentümliche Vertrauen in eine sichere Führung – von dem wir hier bereits erkennen, daß es aus dem ruhigen, unzerstörbaren Leichtsinn eines Wesens fließt, das im Innersten fühlt, daß es nie dem Schicksal Macht über sich zugestehen wird.

Daß Caroline wirklich in jeder Lage dem Schicksal gewachsen blieb, stammt aus dem erstaunlich sicheren Wirklichkeitssinn, der jeden ihrer Schritte regelte. Nie nahm sie den Anlauf zu irgendeiner Wirklichkeit zu kurz oder zu lang; selbst wo sie einsehen mußte, daß sie geirrt hatte, erkannte sie rückblickend die Notwendigkeit ihres Irrens und blieb mit sich und mit der Wirklichkeit versöhnt. Alles Irreale, nicht Auftreffende, Vergebliche war ihr in der Seele zuwider. Ein genaues Gegenbild des Don Quijote-Typus, dessen Auge am Blick in die Idee für die Wirklichkeit erblindet. Wie in Don Quijote der edelste Wahn des Menschengeistes gestaltet ist, so in Carolinens Leben das Wunder des Wirklichen ohne allen Wahn und Traum. Von ihr geliebt zu werden, mochte wohl einer Rechtfertigung vor dem Leben selbst gleichkommen; denn Caroline liebte ohne Wahn.

Selbst auf dem noch mit der Sprache der Empfindsamkeit geschilderten Höhepunkt leidenschaftlichen Jugendglücks, an dem Tag, an dem, wie sie selbst sagt, die Seligkeit fast in Schmerz übergeht, als der zärtlich geliebte Bruder sie seinem Freund als Braut zuführt, wehrt sie sich gegen jede Schwärmerei und Übertreibung. „Nur keine Minute der Schwärmerei, denn ich fühlte nur, was ich sah.“

Wir wissen wenig von dem ersten Gatten Carolinens, dem Bergmedikus Böhmer, dem sie mit einundzwanzig Jahren nach Klausthal im Harz folgte. Gewiß ist, daß sie ihn aus Liebe heiratete. Aber sehr bald schon ging offenbar die festliche Farbe dieser Liebe im Alltag des vielbeschäftigten Arztes, in der Düsterkeit der Landschaft und in einer Caroline völlig unangemessenen Umgebung kleinstädtischer Menschen in ein stilles eintöniges Grau über. Und so sehr sie in sich selbst zu leben suchte, so drückend empfand sie in diesen Jahren doch bald ihr Abgeschnittensein von der Welt, das ihren Geist, der noch zu unendlichem Austausch fähig und bereit war und dem der ihres Mannes offenbar in keiner Weise genügen konnte, so ganz in sich zurücktrieb. Bücher und immer wieder Bücher verlangt sie als Ersatz für das entgleitende Leben, und oft entfahren ihr in diesen Jahren schwermütige Klagen.

Zwei Kinder wurden Caroline in dieser Ehe geboren; an beide heftete sie sich mit der größten Zärtlichkeit. Aber trotzdem wurde die Gleichförmigkeit ihres Daseins ihr auf die Dauer immer unerträglicher. Wer kann sagen, wie diese Ehe geendet hätte? Aber das Schicksal selbst kam Caroline, wie stets in ihrem Leben, so hier zum erstenmal in harter Form zu Hilfe. Böhmer starb nach noch nicht vierjähriger Ehe. Und Caroline schreibt an Louise Gotter die eigentümlichen, für sie so bezeichnenden Worte: „Sanft zu leiden ist die größte Anstrengung, deren ich jetzt fähig sein kann, die notwendigste; denn die Ausbrüche meines Kummers schaden mir unmittelbar. Man gewinnt doch viel, wenn man sie unterdrückt, man gerät in eine traumähnliche Betäubung.“

Sich dem Schmerz hinzugeben, wehrt sich Caroline auch jetzt. Sie empfindet ihn; aber sie fürchtet – welch eigentümliche Ironie für eine tieftrauernde Witwe – daß er ihr schaden könne. Und so meistert sie ihn fast wie in einem exercitium spirituale.

Caroline war wieder allein – allein mit ihren beiden kleinen Kindern. Die junge fünfundzwanzigjährige Frau mit der ruhigen Seele und dem unruhigen Herzen war auf sich selbst gestellt und ihr Geist und Herz wieder der Welt lebendig geöffnet.

In Göttingen, wohin sie zunächst zurückkehrte, trat sie sogleich in mancherlei Beziehungen. Sie erneuerte vor allem die Freundschaft zu F.L.W. Meyer, diesem eigentümlichen Menschen, von dem sie in einem ihrer frühesten Briefe sagte: „Er ist, wie du selbst sehen wirst, ein sehr gefährlicher Mensch, seine edle Seele drückt sich auf seinem Gesicht so sehr aus und macht einen so sicher.“ Um kaum einen anderen Menschen hat Caroline so nachhaltig, mit soviel Wärme und leidenschaftlicher Freundschaft geworben wie um diesen Mann, dessen Seele sie zu sehen glaubte und gegen den kaum eine der Frauen seines Kreises gleichgültig geblieben zu sein scheint. Die Briefe, die sie in den folgenden Jahren an diesen von ihr so sehr geschätzten und geliebten und im letzten Grunde so wenig zuverlässigen Freund richtet, gehören zum Wesentlichsten, was wir an Selbstzeugnissen von ihr besitzen.

Ihm berichtet sie später auch über ihre Leidenschaft zu einem gemeinsamen Freund, der ihr gleichfalls in Göttingen nähertrat: zu Tatter, dem Freund und Vertrauten des Königs von Hannover. Es war ein Mann mit ungewöhnlichen Vorzügen, aber doch ihrem Wesen und Leben im Grunde fremd – mit dem sie eine Zeitlang eine ebenso leidenschaftliche wie quälende Liebesbeziehung verband.

Aber auch noch einen anderen und für ihr Leben entscheidenderen Freund gewann Caroline in dieser Göttinger Zeit: August Wilhelm Schlegel. Als sie schon im Frühling des folgenden Jahres Göttingen verließ, um nach Marburg zu ihrem Bruder überzusiedeln, trat sie mit Schlegel in einen lebhaften Briefwechsel, stieß ihn, der sie von Anfang an liebte und dem sie sichere Hoffnungen gemacht hatte, dann aber, weil es ihr Inneres nun anders verlangte, in verletzender Weise zurück. – Aus dem Anfang der Marburger Zeit stammen die Worte an ihre Schwester: „Schlegel und ich! ich lache indem ich schreibe! Nein, das ist sicher – aus uns wird nichts!“

Man kann sich in der Tat kaum einen größeren Gegensatz zwischen zwei Naturen bei so gleichem Interessen- und Anschauungskreis vorstellen als den zwischen Caroline und August Wilhelm Schlegel. Caroline, die in sich selbst ruhende, unablässig strömende Quelle lebendiger Erneuerung – und dagegen Schlegel, die feine, exakte, pedantische Gelehrtennatur, unromantisch im Wesenskern, der Romantik verbunden nur durch seine hell leuchtende Intelligenz, die, einer Eidechse gleich, in alle Öffnungen und Ritzen fremden Geistes hineinschlüpfte, durch seine eminente „Kraft, in die innere Eigentümlichkeit eines großen Geistes einzudringen“, der wir auch das unsterbliche Werk der Shakespeare-Übersetzung verdanken. Durch diese Kraft und durch die innige Beziehung zu seinem Bruder Friedrich reichte er freilich so weit hinüber in die eigentlich romantische Welt, daß er ein freieres, wahreres Leben als das des bloßen Gelehrten begriff und sein Leben lang zu führen strebte. Dennoch, und trotz seiner mannigfachen Beziehungen zu allen großen Geistern der Zeit und zu wahrhaft bedeutenden Frauen, mußte ihm die Realisierung eines solchen Lebens im letzten Grunde mißlingen; der Abfolge seiner Erlebnisse fehlte gleichsam die verbindende innere Melodie; sie lagen lose, willkürlich, ja leichtfertig nebeneinander. Ganz fehlte ihm bei einer Unmenge von Erlebnissen die tiefe Erlebnisfähigkeit Carolinens. Trotz aller unablässigen und feinsten geistigen Annäherungen stand er mit seinem ganzen Wesen immer vor den Toren des Lebens, das Carolinens Heimat war, und gerade dies mag seine wirklich tiefe Liebe zu ihr: die tiefste, deren seine Natur fähig war, hervorgerufen haben. –

Für das Leben in Marburg scheint Caroline ein einziges Mal von ihrem klaren, vorausschauenden Wirklichkeitssinn im Stich gelassen worden zu sein – geblendet wahrscheinlich durch die Liebe zu ihrem Bruder. Um so größer war die Enttäuschung. Sie fühlte sich in Marburg in jeder Hinsicht unglücklich. Die einst so überschwängliche Beziehung zu ihrem Bruder trübte sich immer mehr, bis es zum vollkommenen Bruch kam. – Aber noch in Marburg traf Caroline ein weit schwererer Schlag: ihre jüngste Tochter Therese starb plötzlich noch nicht dreijährig an einer kurzen Krankheit.

Durch die Art, wie Caroline dieses Schicksal trägt, blicken wir unmittelbarer noch als durch ihre früheren verwandten Äußerungen in ihr innerstes Verhältnis zu Schmerz und Zerstörung hinab. „Wo bist Du, Geist der Schlummernden? Die Frage trat mir nahe unter Bildern, unter Ideen, vor welchen die eingeschränkte Menschheit nur dumpfen Sinn hat – und wenn sich diese Dumpfheit mit Sehnsucht nach deutlicherem Wissen mischt – und in denselben Vorstellungen auch das Gefühl des Verlustes erwacht – meine Brust arbeitete entgegen mit der Gewalt – die ich wohl kenne – allein ganz so noch nicht übte.“

Dies Entgegenarbeiten ihrer Brust gegen die zerstörenden Gewalten des Schicksals war von jeher und blieb bis zu ihrem Ende die Art, wie Caroline den furchtbaren Erschütterungen, den zerrüttenden Geschehnissen ihres Lebens begegnete. Es war in ihr eine lebenerhaltende Kraft, ein Drang zur Selbstbewahrung ohnegleichen, ein eigentümlicher Gleichgewichtssinn, der unmittelbar alles Zerstörende bannte, alles, was der Gestalt und Bildung des Lebens widerstrebte, von sich wies.

Hierin erscheint sie als eine Goethe verwandte Natur. Das Formlose, Maßlose, Grenzenlose, das sie wohl kannte, widerstrebte ihr, entsetzte sie. Sie rief alle gestaltbildenden Kräfte ihres Wesens auf, sie aus dem Chaos zurückzuziehen, sie wieder in die Klarheit des Lebens einzubilden. Sie lebte in der Gestalt und wollte die Gestalt. Nichts Auflösendes war in ihrem Wesen – auch da nicht, wo sie sich ganz hingab; niemals fehlte ihr der Zauberspruch, um die Geister, die sie rief – und oft mit welcher Entschiedenheit rief – wieder los zu werden. Von Anfang an war Caroline weder Dienerin noch Gehilfin des Lebens, sondern seine Meisterin.

So erwies sie sich auch in der Festigkeit und Klarheit, mit der sie nach dem Zusammenbruch des Marburger Lebens allen Bitten ihrer Freunde und selbst eigenen schweren Bedenken zum Trotz, ihren neuen Aufenthaltsort wählte: Mainz. Was sie dorthin zog, war dasselbe, was ihre Bedenken erweckte: ihre Jugendfreundin Therese Heyne, die sie wegen des Ausmaßes, der Größe der Natur und der Leidenschaften bewunderte wie sonst nie eine Frau, die sie aber gerade deswegen zum näheren Zusammenleben auch fürchtete. Therese lebte in einer ihr unangemessenen Ehe mit dem bedeutenden edeln Georg Forster, und Caroline hoffte, dort irgendwie helfen, ordnen, vermitteln zu können – allerdings durchaus ohne dabei ihre eigene Unabhängigkeit aufzugeben. Äußerst bezeichnend für sie ist die fast zynische Klarheit, mit der sie sich ihr Verhältnis zu Therese und ihre eigenen Pläne zum Bewußtsein bringt. „Auf ihre Freundschaft habe ich nie gerechnet – es gibt keine unter Weibern – ich zweifle selbst daran, daß sie mir recht aufrichtig gut ist – doch muß sie mich achten, und das tut das nämliche – ich bin eine Art von Nebenbuhlerin, ohne meine Rechte geltend zu machen – das ist heilsam – und ich liebe sie, weil sie mir merkwürdig ist und es bleiben wird, wenn sie mir auch nicht mehr neu ist. Außerdem ist Mainz eine Stadt, wo ich unbekannt leben, und neben einer gewissen Einsamkeit Vergnügungen des Geistes und der Sinne genießen kann.“

Mit so klar gefaßtem Plan und in so unverschleierter Gesinnung trat Caroline in diesen ihremWesen fremden Lebenskreis ein. Forsters Ziele waren vor allem ethisch-politische; er war überzeugter Demokrat und begeisterter Anhänger der französischen Revolution, in deren Dienst er später seinen Tod fand. Therese dagegen konnte, obwohl sie an seinen Bestrebungen teilzunehmen schien, doch letztlich nur sich selbst leben und hatte darum zu seinen Gedanken und Zielen keinen wirklichen Zugang.

Anders Caroline. Es waren unruhige Zeiten, in die ihr Mainzer Aufenthalt fiel. Der kluge, maßvolle und edle politische Enthusiasmus Forsters steckte sie an; sie, die unpolitischste Natur, gewann doch durch ihre Sympathie für ihn und durch ihr unmittelbar auf alles Lebendige, alles Wirkliche und Große antwortendes Gefühl eine Beziehung zu seinen politischen Ideen, und sie konnte dies darum, weil Forsters Ideen keine Traumbilder und Utopien waren, sondern weil sie sie im vollen Strom der Verwirklichung erlebte.

Zweifellos war dabei nur ihre Phantasie erregt und tätig; ihre revolutionäre Begeisterung war ihrem ganzen Wesen nach gewiß nicht eine sittlich-politische; allgemeine Ideen und Grundsätze lagen Caroline ebensosehr wie eine ins allgemeine gehende Liebe zu den Menschen fern. Was sie überwältigte und mitriß, war nur der Rausch, der einen durch und durch lebendigen Menschen mitreißt, wenn er fühlt, daß er ein großes Stück Geschichte, einen Umschwung und eine Erneuerung des Lebens miterlebt und die Möglichkeit hat, sich lebendig an dem Werden dieses Neuen zu beteiligen.

Anders als aus dieser politisch schäumenden Atmosphäre, aus der ihr dadurch widerfahrenen inneren Auflockerung ist überhaupt alles da, was Caroline in Mainz in so schwere und drohende Schicksale verwickelte, nicht zu begreifen.

Aber noch ein anderer Umstand kam hinzu, um die Auflockerung ihres Wesens zu vollenden, in die sie in der letzten Mainzer Zeit geriet. Die Beziehung zu Tatter war für sie immer qualvoller geworden. Sie begann, wie sie sich ausdrückt, die „Abhängigkeit, die das Herz auferlegt“ mit solcher Gewalt zu fühlen, daß sie den rebellischen Gedanken, ja den Wunsch äußerte, sich ihr zu entziehen. Noch besuchte Tatter sie für einige Tage. Kurz darauf wurde Mainz im Namen der Revolution von den Franzosen besetzt.

Von Anfang an hatte der spirituellere Typus der französischen Männer Caroline angezogen, und sicher hatte auch das freiere, leichtere und leidenschaftlichere Wesen der Franzosen, der größere ritterlichere Zug in dem Leben der zugleich gesellschaftlich kultivierteren und durch die Verwirklichung der revolutionären Idee für sie geadelten Nation sie in diesen Menschen etwas finden lassen, was den in persönlichen Dingen bedenklicheren, politisch rückständigeren, schwerfälligeren, engeren und komplizierteren Deutschen ihrer Bekanntschaft, was vor allem Männern wie Tatter und Meyer, was aber auch Wilhelm Schlegel fehlte. Dazu kam der jähe Umschwung des Lebens im Wechsel der politischen und damit jeder menschlichen Situation überhaupt. Das fremde Wesen der Stadt Mainz unter dem Bürger Custine riß Caroline bis an den Rand aller Möglichkeiten des Lebens hin.

Therese Forster hatte im Augenblick der Besetzung ihren Mann und Mainz mit einem anderen Mann verlassen. Caroline, in deren Gefühl für ihn sich Verehrung und Verachtung um seiner grenzenlosen Liebe zu seiner Frau willen seltsam und charakteristisch mischten, blieb bei ihm, halb aus Bewunderung, halb aus Mitleid, um ihm beizustehen, für seine Kinder zu sorgen, seinen Haushalt zu leiten. Als sie sich dann bei seinem Aufbruch nach Paris endlich entschloß, Mainz zu verlassen, wurde sie gegen alle ihre Erwartung von der kurfürstlich mainzischen Regierung festgenommen und als Gefangene nach Königstein im Taunus gebracht. Ihre nahe Verbindung mit dem Forsterschen Hause und ihre eigene Unvorsichtigkeit – denn sie glaubte sich in keiner Weise gefährdet – hatten sie politisch kompromittiert und in diese Lage gebracht. –

In der Gefangenschaft, wohin sie ihre kleine Tochter Auguste mitnahm, sehen wir sie zum erstenmal fast die Fassung verlieren. Sie wendet sich in fieberhafter Erregung nach allen Seiten, von wo sie irgend Hilfe erwarten kann, um ihre sofortige Befreiung zu erwirken. Ihre Lage war eine doppelt schlimme, weil nicht nur ihr politischer Ruf, sondern auch ihr ganz persönlicher guter Name schwer gefährdet war, wenn sie nicht bald vom Schauplatz der Öffentlichkeit, auf den sie so gewaltsam geworfen war, abtreten und in Ruhe und Verborgenheit leben konnte. Caroline erwartete, was niemand damals ahnte, ein Kind.

In einer Zeit, wo ihr Wesen von außen und innen, durch allgemeines und persönliches Schicksal gleichermaßen aufgewühlt war, wo in der berauschenden Buntheit und Fremdheit einer jäh von Grund auf umgewandelten politischen Situation zugleich mit dem rascheren Atem der Zeit, dem revolutionären Rausch und Taumel die unbfriedigte Liebe zu dem sie immer wieder begehrenden und doch auch verschmähenden Mann in ihr wogte, von dem sie sich endlich unter Qualen gelöst hatte – hatte Caroline sich in der leidenschaftlichen Erregung einer Ballnacht einem blutjungen französischen Offizier hingegeben.

Es war ein Rausch – und wir wissen nichts von diesem Erlebnis. Kein Wort, das unmittelbar davon spricht, das auf Erwachen oder gar auf Bereuen, keines aber auch, das auf eine wirkliche Beziehung deutet. Aber es ist sicher falsch, in dieser flüchtigen rauschhaften Hingabe, wie es fast immer geschehen ist, eine bloße Verirrung zu sehen. Caroline war keine Frau, die sich verführen ließ. Sie tat, was sie tat, und wenn es das Leichtsinnigste, Verwegenste war, nicht ohne Besinnung. Caroline wollte leben, wollte jenseits aller Bande der Konvention ihr Leben genießen. Man kann sie überhaupt nur verstehen, wenn man in ihrem Lebensbilde das Bewußte und Planhafte trotz aller scheinbaren Abirrungen festhält und wenn man als den wesentlichsten Zug dieses Bildes die Linie gewahrt, die ihre zahlreichen, so unendlich ungleichen erotischen Erlebnisse trotzdem untereinander verbindet. Was Caroline dem romantischen Lebensideal so einzig konform zeigt, das ist vor allem andern die Art, wie sie mit leidenschaftlicher und zugleich stiller Sicherheit ihre Liebe in jeder Gestalt als das ewig zentrale menschliche Erlebnis allen anderen Forderungen und Entscheidungen des Lebens voranstellte.

Ohne jemals gegen die gesellschaftliche Konvention in revolutionärer Gesinnung sich aufzulehnen, gestand sie doch nie der Konvention die Herrschaft auch nur über das geringste ihrer Liebeserlebnisse zu – gerade hier auf dem schwankendsten unsichersten Grund sich wieder ganz allein auf den Rat und die Stimme ihres Inneren verlassend.

Darin, wie Caroline von Liebe zu Liebe, von Leidenschaft zu Leidenschaft mit einer anders gearteten Naturen unbegreiflichen Leichtigkeit und schonungslosen Wahrhaftigkeit ging und die eine um der anderen willen vernichtete, wie sie jeder ihr Recht gab und sich in keiner verlor und aufgab, bewies sich am klarsten der ihr eigene, spezifisch romantische Sinn für das Unendliche: dieser Sinn und Rhythmus des ewigen Don Juan, dem alles Menschliche vergängliche Gestalt seines eigenen Traumes ist, den sein Dämon geschlossenen Auges an den Forderungen des anderen Lebens vorbeiführt, der – unbekümmert um die lebendige Seele der an ihm vorüberfliehenden Gestalten, die ihm als Liebendem anvertraut ist – in seiner Liebe nur den Rhythmus seines Wesens, seines Traumes, das unerbittliche Gesetz seines eigenen Daseins lebt.

Um diesen gefahrvollen Weg gehen zu können, gerade als Frau gehen zu können, ohne sich zu verlieren, um ihr Leben in dieser Hinsicht so bewußt und fest gestalten zu können, mußte Caroline eben dieser Mensch sein, dessen schmiegsame Weichheit das Gewand einer stählernen Härte war, dessen Seele, bei aller Beweglichkeit des Herzens, wie in einem Stahlbad ursprünglich gehärtet, dessen inneres Wesen im Tiefsten unverwundbar war. Sie mußte dieser Mensch sein, der sich in keiner Liebe letztlich aufgeben, im Leiden wie im Glück sich nie auflösen konnte; sie mußte das ihr eigentümliche Maß, den geheimen Gleichgewichtssinn besitzen, der sie nie nach einer Seite hin hinabsinken ließ; niemals durfte in ihr, wie in den ergreifenderen Gestalten einer Rahel, einer Günderode, die Liebe stärker werden als sie selbst.

So blieb Caroline auch jetzt, in der Angst und Not der Gefangenschaft, Meisterin über ihr Schicksal. Das Bewußtsein, daß sie nur der inneren Stimme, niemals einem Äußeren gefolgt war, gab ihr auch in dieser verzweifelten, selbstgeschaffenen Lage, in der nicht das Gefühl, für eine festgegründete Überzeugung zu leiden, sondern wieder einzig ihr eigenes Innere sie trug, die Gewißheit ihres Weges und ihrer Schuldlosigkeit im Letzten. „Gib’ mir morgen Ruhe und Verborgenheit“, schreibt sie dem Freund mitten aus ihren Qualen und Befürchtungen, „so bin ich wieder glücklich“.

Zwei furchtbare Monate verbrachte Caroline, die Freiheitgewohnte und Freiheitsbedürftige, im Gefängnis. Als sie endlich durch die Bemühungen ihres jüngeren Bruders aus der Gefangenschaft befreit wurde, waren es weder Tatter noch Meyer, die beiden Freunde, nach deren Hilfe sie sich sehnte, sondern ein anderer, der ihr in ritterlicher Weise zu Hilfe kam, von seiner Hofmeisterstelle in Holland herbeieilte, sie aus der Gefangenschaft abholte sie nach Leipzig begleitete und ihr für das verborgene Leben der nächsten Monate eine Stätte bereitete: der von Caroline verschmähte, gekränkte und tief gedemütigte August Wilhelm Schlegel.

Mit dem Augenblick, wo August Wilhelm Schlegel derart entscheidend in ihr Leben eingriff, berührt ein neuer Lebenskreis schicksalshaft den ihren. Und die tiefe Dankbarkeit Carolinens für ihren Retter, die hohe Wertschätzung seines Charakters, die ihr aus seiner Handlungsweise erwuchs, waren gewiß nicht das Einzige, was ihr Verhältnis zu ihm umgestaltete. Wie seine ritterliche Hilfe ihre fiebernden Lebenskräfte, so entspannte sicher die geistige Seite dieses Verhältnisses ihr Herz. Und als sie dann bald darauf durch Wilhelm auch seinen jüngeren Bruder Friedrich kennenlernte, dessen Schutz Wilhelm sie bei seiner Rückkehr nach Holland übergab, da öffnete sich ihr ein derart tiefer lebendiger Hintergrund des Lebens, daß man versteht, wie alle ihre reichen Kräfte sich willig von diesem Neuen und ihr doch Vertrauten, das ihr durch die Gemeinschaft mit den beiden innig befreundeten Brüdern aufging, hinnehmen ließen.

Die Beziehung zwischen Caroline und Friedrich war eine jener wahrhaft fruchtbaren, deren es in der Geistesgeschichte nur einige wenige gibt, in denen im Geben und Nehmen eine neue Gestalt des Geistes sich bildet. Der damals kaum einundzwanzigjährige Friedrich war im Gegensatz zu Wilhelm ernsthaft gründlicher und zugleich graziöser, schmiegsam leichter und feiner, lebendig vermittelnder Geistesart, zu der bedächtig ordnenden Breite seines Wesens, ein dunkler, schwerer, leidenschaftlicher, rein aus der Tiefe lebender Geist, in dem eine vom geschichtlichen Leben gestellte Aufgabe um ihre unmittelbare Lösung rang.

In ihm selbst: dem leidenschaftlichen Sucher einer neuen lebendigen Wahrheit – spielte sich eine geschichtliche Katastrophe ab: die beginnende Entzweiung von Wahrheit und Schönheit. – Mit Entsetzen erkannte er – und er zuerst in der deutschen Geistesgeschichte – daß die Wahrheit nicht schön und erlösend, sondern furchtbar und abschreckend ist und darum geflohen wird. „Was ist schrecklicher als die Wahrheit im allgemeinen und einzelnen?“ ist seine Frage – und „weswegen“, fragt er schmerzlich, „flieht man mich, als weil ich wahrer bin, als man sein darf?“

Jahrelang stand dieser zwischen den auseinanderstrebenden Kräften seines Wesens hülflos umgetriebene, vom Kampf der geschichtlichen Mächte ganz persönlich ergriffene junge Mensch stets am Rande des Selbstmords. Der Zerfall der in ihm selbst auseinandergefallenen Lebenshälften wurde ihm zum Grundproblem des Daseins überhaupt. Überall erkannte er darum in den Beziehungen der Menschen die Lüge, die Halbwahrheit; in allem Menschlichen sah er, daß etwas nicht stimmte, daß die Schönheit nicht mehr wahr, die Wahrheit nicht mehr schön war; und so stieß er mit einer Leidenschaft wie kein anderer Mensch seiner Zeit an das Problem der im Leeren hängenden Existenz. In seiner Fragestellung, seinem qualvollen Kampf um eine neue lebendige Wahrheit, war er durchaus unromantisch; mit ihr stieß er in eine spätere Zeit vor; die Lösung aber, die er erstrebte, war echt romantisch; denn er rang um eine Wiederversöhnung von Wahrheit und Schönheit in Denken und Leben. Aber während seine Gedanken unablässig an der Versöhnung von Wahrheit und Schönheit bauten, während er sie denkend im System, im Ideal finden zu können glaubte, wußte er sich im Leben von jeder Möglichkeit einer Erfüllung verlassen.

Da tritt ihm Caroline entgegen. Aus seinem schweren verzweiflungsvollen Jugendtraum schlug er die Augen auf und sah die göttlichleichte Erfüllung.

Was er in Qualen gesucht und in wachsendem Maße für unerreichbar gehalten hatte, das war hier leichtes selbstverständliches Leben. In Caroline waren Wahrheit und Schönheit, waren das Geistigste und das Sinnlichste kein Widerspruch; in ihr war die Schönheit wahr, die Wahrheit schön. Alles Geistige hatte in ihr sinnliche Gegenwart, wie alles Sinnliche in ihr zum Geist verklärt war. Und daß dies geheimnisvolle und erhabene Wunder nun zugleich so einfach war, daß Caroline jeder Überschwang, jedes Pathos so völlig fehlte, daß alles Große und Ewige bei ihr im Schleier schlichtester Gewöhnlichkeit einherging, daß sie den Sinn für alles Große mit so viel Anmut, Neckerei und Witz, ja mit mancherlei weiblicher Unart und Koketterie verband – daß so das Widersprechendstebei ihr von einem Mittelpunkt aus zu einer lebendigen Harmonie vereinigt war – dies alles mußte dem bald ruhelos aufwärtsdrängenden, bald dumpf unter sich hinabsinkenden Geist Friedrich Schlegels wie eine beseligende Erfüllung, wie ein fremdes und doch stets geahntes Lebenswunder aufgeben.

Nicht zum wenigsten tief berührt ihn, wie Caroline ihre Lage trägt. In diesem von aller Konvention abweichenden selbstgeschaffenen Schicksal, wie in ihrem unbekümmerten, jenseits von aller Moral schönen Aufnehmen alles noch so verstörenden Einzelnen in die übergreifende Gesamtheit ihres Lebens erkannte er sofort jene Form des neuen Menschentums, jenen romantischen Lebensrhythmus, den er als Sinn für das Unendliche verehrte.

Dieser und „ein ordentlich göttlicher Sinn für Wahrheit“ waren es, die ihn vor allem an ihr hinrissen. In diesem eigentümlichen Wahrheitssinn Carolinens, der kein objektiver – sondern insofern wirklich ein göttlicher war, als er das unmittelbare Erfassen eines Ganzen aus dem Ganzen war, war das Ideal romantischer Wahrheitserfassung fast wunderhaft verwirklicht. Caroline schien immer gleichsam im Mittelpunkt jeder Erscheinung zu wohnen, dem die Männer in mühevoller Gedankenarbeit von außen her sich zu nähern suchten. Das nie Schwankende, jenseits von Richtig oder Unrichtig Wahre in allen Urteilen Carolinens hat sie für die Männer ihres Kreises zu einer fremden Erschließung und Offenbarung, zu einer Sibylle oder Diotima werden lassen: zu einer Offenbarung aus jener Welt eines dunkleren Gesetzes, dessen Unmittelbarkeit mit göttlicher Ironie die nachträglichen männlichen Ordnungen und Begriffe auflöst.

Friedrich liebte Caroline, wie er nie vorher und wie er auch nie wieder eine Frau geliebt hat. Sie wurde, wie er es in der Lucinde ausgesprochen hat, seinem Geist ein fester Boden und Mittelpunkt einer neuen Welt. Seine Liebe zu ihr war von jener letzten Zartheit und Zurückhaltung, wie sie nur der großen Liebe eignet. Die Art, wie der so oft als zügellos und lieblos Gekennzeichnete seine Leidenschaft um des Bruders, um Carolinens willen zurückdämmte – zurückdämmte in dem Augenblick, als er fühlte, daß sie erwidert werden könnte – wie er ohne Schwanken die stark aufbrennende Flamme in eine wahrhaft brüderliche Liebe umschmolz, zeugt nicht nur von seiner Treue gegen den Bruder, sondern auch von einer Liebe zu Caroline, die tiefer und ernster gewesen sein mag als die seines Bruders zu ihr.

Wie ganz der junge Friedrich Carolinens seltsame und schwere Lage erfaßte, zeigtjeder seiner Briefe an den älteren Bruder, dieser ergreifenden Briefe voller Ermahnungen und Warnungen. Und tief empfand Friedrich für und mit Caroline alles Leiden, das sie nach der Geburt ihres Kindes bei ihrem Wiedereintritt in die Welt empfing. Ihr erster Schritt aus der Verborgenheit zu den alten treuen Gothaer Freunden, zu Gotters, die sie in ihr Haus eingeladen hatten, zeigte ihr erst die ganze Schwere ihrer Situation. Sie mußte die schonungslose Verachtung der Menschen kennenlernen, deren Bewunderung sie gewohnt war. Sie merkt, daß man sie für ein verworfenes Geschöpf hält. Sie ist der Mutlosigkeit nahe. „Der gewohnten Achtung entbehren ist das Härteste“, schreibt sie.

Aber wieder wurde ihr Leben durch einen Schicksalsschlag entwirrt. Ihr kleiner Sohn starb, kaum ein halbes Jahr alt, an einer Kinderkrankheit. Zum zweitenmal sehen wir das Unheimliche, daß der Tod eines geliebten Wesens von Carolinens Leben eine Fessel löst, sie, nachdem sie eine Bindung eingegangen war, die ihr verhängnisvoll wurde, von ihren Folgen wieder freimacht.

Caroline blieb mit ihrer heranwachsenden Tochter allein. Aber sie begann zu fühlen, daß sie in Deutschland nicht mehr leben könne. Sie will auswandern. In diesem Zusammenhang ist zum erstenmal von dem Gedanken einer Heirat mit August Wilhelm Schlegel die Rede, von der Caroline bekennt, daß sie alle Verlegenheit heben und alle Knoten ihrer verwirrten Lage zerschneiden würde. Diese Ehe, die von beiden Seiten keine volle Liebesverbindung mehr sein konnte, lag nicht in der großen Linie von Carolinens Liebesschicksalen. Aber sie schloß sie mit zu klarem Bewußtsein, als daß sie eine wirkliche Gefahr für ihr Leben hätte bedeuten können. Und bei aller Fragwürdigkeit dieser zweifellos vom Äußeren mitbestimmten Verbindung darf man nicht vergessen, daß Caroline durch August Wilhelm Schlegel doch nicht nur wieder eine Lebensstellung gewann, sondern daß sie durch ihn in ihre geistige Heimat kam.

Sie folgte Wilhelm nach Jena, und hier begann für sie ein ganz neues Leben. Der Jenenser Romantikerkreis, der eben zu jener Zeit sich als fester Kreis konstituierte, wandte gerade damals sich von dem Caroline so wesensfremden Schiller ab, während er sich immer entschiedener um Goethe als um seine Zentralsonne bewegte. Mit allen großen Männern Deutschlands sich vielfältig berührend, zog er zugleich die Geistesschätze aus allen Ländern und Zeiten, vor allem durch Friedrichs ringenden Geist und durch Wilhelms unermüdlichen Fleiß in sich. So entfaltete er einen funkelnden Reichtum von geistigen Inhalten, der wohl alle Kräfte und Fähigkeiten einer bedeutenden Persönlichkeit absorbieren konnte. Fruchtbarste gemeinsame Arbeit, gemeinsames Innewerden höchster Werte und dazwischen eine Geselligkeit, in der Ernst und Scherz, Weltprobleme und persönlichste Anngelegenheiten, Liebe und Bosheit bunt durcheinanderflatterten, in der Caroline gerade in dieser Mischung ihr Eigenstes geliebt und geehrt fühlte – dies alles muß für sie berauschend gewesen sein und erst den ganzen hinreißenden Zauber ihres Wesens zur Entfaltung gebracht haben. „Glücklich“ nennt sie sich in der intensiven Zusammenarbeit mit ihrem Mann und inmitten des ihr so gemäßen Kreises.

Daß Caroline auch damals, so ernsthaft sie an Wilhelms Arbeiten teilnahm, und obwohl sie nach seinem Zeugnis selbst alle Fähigkeiten gehabt hätte, als Schriftstellerin zu glänzen, diesen Ruhm verschmähte, das ist gewiß nicht allein aus der Einwurzelung in den überlegenen Kreis, in dem sie nun, auf der Höhe ihrer geistigen Reife lebte, verständlich. Weit entscheidender war sicher für Caroline das, was Friedrich einmal gegen Wilhelm als das Vorurteil der sich vorurteilslos glaubenden Caroline ausgesprochen hat: die Furcht, für unweiblich gehalten zu werden. Caroline wollte vor allem Frau sein, weil hier der Schwerpunkt ihres Lebens lag. Sie wollte nicht Werke schaffen; sie wollte ihr Leben leben. So hat ihr Dämon auch die Klippe einer überragenden geistigen Begabung, an der fast jedes bedeutende Frauendasein gescheitert ist, ruhevoll umschifft.

Carolinens heranwachsende Tochter Auguste war keine Last, sondern eine Bereicherung mehr für Wilhelm. Die Beziehung beider Schlegels zu ihr zeigt die ganze Zartheit und uneigennützig bildende Liebe, deren diese beiden übermütigen Menschen fähig waren. Die uns erhaltenen Briefchen Augustes verraten ein frühreifes, anmutiges und kindlich schnippisches Wesen. Voller Humor und Witz, ganz im Ton ihrer Mutter und der Romantiker, unbefangen auf Du und Du mit den bedeutensten Männern ihres Kreises, in die Beziehungen der Mutter mit hineingezogen und in ihnen wie ein Fisch im Strom munter schwimmend, ihrer Mutter fast mehr Freundin als Kind, anscheinend noch von keiner Tiefe berührt und doch gewiß nicht ohne die eigentümliche glasklare Tiefe der Mutter, ein lieblich plätscherndes Undinchen, wuchs sie unter all diesen starken geistigen Einflüssen früh Einflüssen reifend heran.

Nur Einen Schatten hatte das Leben in Jena, und dieser Schatten wuchs und wuchs. Es war der Klatsch, der wie der verzerrte Schatten aller bedeutenden Gestalten neben ihrem Leben herlief. Das in jedem Augenblick aufblitzende scharfe Licht der Kritik entlockte dem so durchdringend persönlichen Leben des Jenenser Kreises den geistreichen Klatsch, dessen höchste Blüte die Xenien Goethes und Schillers waren, der aber auch weit unangenehmere Formen annehmen konnte. Ohne diesen Klatsch wäre auch das Schicksal der Freundschaft zwischen Caroline und Friedrich nicht zu begreifen, das eines der traurigsten Kapitel in Carolinens Leben und das traurigste in dem Friedrichs ist.

In der ersten Jenenser Zeit blühte diese Freundschaft – trotz mancher mehr sachlicher Plänkeleien und Streitigkeiten – noch im Zusammensein und in Briefen in großer Schönheit fort – auch als Friedrich in Berlin eine neue dauernde Freundin, seine Lebensgefährtin Dorothea Veit, gefunden hatte, die eine Caroline wohl in allem genau entgegengesetzte Natur war. Als aber Friedrich dann die so anders geartete Frau Caroline zuführte, brach, obwohl man von beiden Seiten den besten Willen in die Beziehung mitbrachte und ein gutes Einvernehmen sich zuerst zwischen den beiden Paaren herzustellen schien, die Freundschaft schnell vollkommen auseinander.

Mit Schmerz sieht man, wie die Beziehung zwischen den beiden Frauen sich immer mehr verzerrt, wie auch die Männer in die zunehmenden Feindseligkeiten hineingezogen werden und die wundervolle Freundschaft zwischen Caroline und Friedrich in Kälte und Abneigung und später in bittere Feindschaft umschlägt. Caroline hat Friedrichs Verlust niemals verwunden; zu Anfang war er ihr so bitter, daß sie Wilhelm gegenüber in die für die leidenschaftliche Kälte ihrer Natur so bezeichnenden Worte ausbricht: „Mir ist selbst oft, als könnte ich nicht ruhig sterben, ohne mich mit ihm zu verstehen. Wenn sie nur jemand totschlagen wollte, ehe ich stürbe.“

Aber so schwer Caroline der Verlust Friedrichs traf – sie mochte ihn doch leichter tragen als er den ihren, dadurch, daß ein anderer, im Geiste Friedrich verwandter, aber geschlossenerer, klarerer und männlicherer Mann in ihr Leben getreten war, um den sich ihr ganzes Dasein bald in nie zuvor erlebter Intensität und Ausschließlichkeit sammelte.

Schelling war vierundzwanzig Jahre alt, zwölf Jahre jünger als Caroline, als er im Jahre 1800 in den Jenenser Kreis eintrat, doch weit über sein Alter hinaus reif, klar und fest – ein flammender, weit aufgetaner und doch streng in sich geschlossener Geist. Der Eindruck seiner Persönlichkeit muß, – wie man aus den Schilderungen aller, die ihn damals kennenlernten, entnehmen kann – überwältigend gewesen sein. Seine ganze begnadete Jugend muß aus seinen festen, hellen Augen gestrahlt haben, von denen alle seine Zeitgenossen reden. Sein starkes und fast unbändiges Gesicht, in dem sich die Kraftfülle seiner Natur ausprägte, wurde von diesen Augen wie von einem großen Licht aus anderem Reich überstrahlt. „Durch und durch kräftig, trotzig, roh und edel“, schildert Dorothea, und Caroline erfand für ihn den Namen, der ihm blieb: „Granit“.

Sein Gegensatz zu Friedrich war bei aller Verwandtschaft ein sehr tiefer. Während für Friedrich das Ich, das Selbsthafte die göttliche Grundform des Lebens war, war es für Schelling die Natur, die Welt der Formen, in der das Ich nur eine Form unter Formen, freilich die höchste, aber auch die am meisten von der Welt abgesonderte – und darum für ihn widergöttliche, abfallshafte war. Den abgründigen Gehalt der menschlichen Existenz hat Schelling nie wie Friedrich erlebt. Ihm löste sich alles Leben ursprünglich auf in ein formhaft Geschautes. Was Schelling so an fester gesicherter Objektivität des Weltbildes vor Friedrich voraushatte, das hatte dieser an Blitzen unmittelbarer genialer Menschlichkeit vor Schelling voraus. In der klaren Formwelt steht Schelling weit über Friedrich Schlegel. In der Welt der Seele, des Wissens um innere Probleme, Wahrheiten und Forderungen blickt Friedrich weit tiefer als Schelling.

Beide Männer antworteten auf eine Seite in Carolinens Wesen: Friedrich führte sie tief hinein in das Geheimnis ihres eigenen Inneren; Schelling aber führte sie aus dem Inneren hinaus in eine Welt, die sie nie besessen hatte und in der ihr Sein nun als eine ewige Form Wurzel schlagen durfte.

So aber führte er Caroline aus der Romantik heraus, und mit dem Augenblick , wo sie ihm folgte, ist auch der frühromantische Kreis gesprengt.

Sehr bald schon entwickelte sich zwischen Caroline und Schelling eine nahe Beziehung. Aber nicht nur zwischen ihm und Caroline; auch der reizvollen, schalkhafte, jugendlichen Auguste trat er näher. Die Anschauungen über seine Beziehungen zu ihr sind geteilt; doch geht aus den Briefen aller Beteiligten hervor, daß Schelling Auguste geliebt hat, daß sie in der zärtlichsten Beziehung zueinander standen; sehr wahrscheinlich ist es danach auch, daß sie sich als Verlobte betrachteten, und Caroline selbst hat offenbar dies Verhältnis gewünscht und begünstigt.

Eigentümlich mischt sich in Schelling die Liebe zu Mutter und Tochter. Beide umfassen ihn ihrerseits mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit, und jede ehrt die Liebe der anderen zu ihm als eine Selbstverständlichkeit. Bei einer längeren Abwesenheit schreiben beide Frauen ihm die zärtlichsten und sehnsüchtigsten Briefe. Wunderbar mutet es uns an, unter demselben Brief, in dem Auguste kindlich zutraulich mit dem vertrauten Kosenamen für den Freund jammert, daß nun niemand mehr abends mit ihr spazieren gehe – Carolinens Worte zu lesen: „Du weißt, ich folge Dir, wohin Du willst; denn Dein Tun und Lassen ist mir heilig, und im Heiligtum dienen – in des Gottes Heiligtum – heißt herrschen auf Erden.“

So faßte Caroline schon damals ihre Beziehung zu dem geliebten Mann auf, als sie zweifellos daran dachte, das Schicksal ihres Kindes in seine Hände zu legen. In ihrer Liebe zu diesen beiden Menschen, den einzigen, die sie wirklich ganz und gar geliebt hat, hatte offenbar keine selbstsüchtige Erwägung, aber auch kein Bedenken irgendeiner Art Raum. So sehr war Carolinens ganzes Wesen in diesem Gefühl aufgelöst, daß die Frage nach einer bestimmten Form dieser Liebe offenbar ganz vor ihrer allmächtig herrschenden Gegenwart zurücktrat.

Denn Caroline erlebte in der Liebe zu Schelling etwas, was ihr bis dahin trotz aller Erlebnisse und Schicksale fremd geblieben war und was nur den ganz Seltenen unter den Menschen überhaupt beschieden ist: daß über Glück und Unglück hinweg die tiefste Frage ihres Wesens in einer anderen Seele ihre Antwort fand. Nichts war in dieser Liebe vergeblich, nichts ging ins Leere. Kein Aneinandervorbeireden, Vorbeigehen, wie in fast jeder menschlichen Beziehung war in ihr: was der eine empfand und aussprach, fand seinen unmittelbaren reinen Widerhall im Herzen des anderen. Es war die wunderbarste wechselseitigste Erfüllung. Indem Carolinens Leben in der Welt Schellings Wurzel schlug, wurde diese Welt für ihn erst zur aus einem festen Mittelpunkt beseelten Welt. In Schellings Erkennen war Carolinens innerstes Wesen mit Namen genannt; in Carolinens Wesen war Schellings tiefste Ahnung vom Mysterium irdischer Göttlichkeit bestätigt.

Diese Liebe war nicht mehr Leidenschaft. Still und wie nach einem unabänderlichen Gesetz strömte aus Carolinens gereifter Seele die Fülle ihrer Liebe dem jungen Genius entgegen. Nicht anders als der verschlossene Keim im Leben der treibenden Pflanze das Licht sucht, war dies Geschehen.

Aber so ruhevoll und fest die Liebe der reifen Frau zu dem jungen Manne und trotz allem auch die seine zu ihr war – so unlösbar war doch in dieser Liebe die Schicksalsverschlingung, über die Caroline wie in einem großen seligen Traum hinwegsah. – Und wieder, und bevor noch Caroline die Schwere und Unlösbarkeit der Verschlingung sich ganz zum Bewußtsein gebracht hatte, geschah das Furchtbare: abermals, zum drittenmal griff der Tod entscheidend – und dieses Mal am entscheidensten – in Carolinens Leben ein und zerhieb, indem er ihr das Teuerste entriß, den unlösbar verschlungenen Knoten ihres Schicksals. Aber er zerhieb ihn mit solcher Gewalt und unter einem solchen Andrang von Qual, daß Caroline darunter zusammenbrach und sich nie mehr davon erholte. In dem Badeort Boklet, wohin Mutter und Tochter zu Erholung Carolinens von einer längeren Krankheit gereist waren, erkrankte die junge blühende Auguste und starb nach wenigen Tagen.

Dies Schicksal traf den schon auseinanderstiebenden Freundeskreis mit so furchtbarerer Gewalt, daß daraus die Bedeutung, die die jugendliche Auguste für all diese außerordentlichen Menschen hatte, klar hervorgeht. Wilhelm Schlegel schreibt an Tieck: „Auf die erste Nachricht habe ich geglaubt, wahnsinnig zu werden.“ Tränen und Gedichte und wunderbare Gedenkworte der Freunde ergießen sich über das frühe Grab des lieblichen und so sehr geliebten Kindes.

Caroline war an Körper und Seele gebrochen. Und dennoch: schauerlich hat selbst der Tod dieses letzten und liebsten Kindes, der ihr eine nie wieder heilende und qualvoll vergiftete Wunde schlug, der Entfaltung ihres Lebens, der Wanderung zu ihrem letzten und wahrsten Ziel dienen müssen. Wer wäre an diesem Felsen, den das Schicksal ihr statt einer Lösung entgegenwarf, nicht zerschellt? Wessen Seele hätte sich hier nicht umnachtet? Wer hätte – gebrochen und vernichtet wie diese zarte Frau – die übermenschliche Kraft der innersten Richtung bewahrt wie Caroline?

Schelling kehrte nach Jena zurück, und nun beginnt ein herzzerreißender Briefwechsel, der in den uns erhaltenen Briefen Carolinens den Abgrund eines Schicksals aufdeckt, das uns erbeben läßt.

Wir besitzen Schellings Briefe aus jener Zeit nicht: die ihren an ihn sind ein einziges Ringen um seine Seele. Furchtbar erhebt sich offenbar jetzt erst, nach dem Tode der Braut, vor Schellings wahrhaftiger Seele die Pflicht und Qual der unvermeidbaren Entscheidung. Das Gefühl, dem geliebten toten Kinde die Treue gebrochen zu haben, bringt ihn zur Verzweiflung. Nach dem Abschied von Caroline will er Hand an sich selbst legen. Sie aber, die selbst Gebrochene, bietet alle Kräfte ihres Lebens und ihrer Liebe auf, ihn im Leben zu erhalten. Sie zwingt ihn zu sich und zu seiner Liebe zurück. Sie schreibt an Goethe und beschwört ihn, in dem sie den stärksten, den einzigen Bundesgenossen im Ringen um Schellings Leben sieht, ihr zu helfen. Und im tiefsten wehesten Jammer faßt sie doch zugleich schon mit unbeirrbar fester Hand die Fäden ihres und seines Schicksals und wirrt sie auseinander.

Erschütternd ist es zu sehen, wie sie, die Mutter, in all ihrem Gram um das gestorbene Kind den Gedanken an eine Untreue, der Schelling zerreißt, zurückweist, wie sie den Haß, den sie in seiner Seele gegen sich aufsteigen fühlt, mit der sanften Beharrungskraft ihres Wesens auflöst, wie auch hier noch inmitten eines Schicksals, das mit dem Grauen des schwersten Fluches droht, jene letzte innerste Festigkeit ihres Kernes sich gegen die von allen Seiten andrängende Zerstörung behauptet und sie besiegt.

So vermag sie mit zerrissenem Herzen den Geliebten zu trösten, vermag sie ihm zu trotzen: und klarer als in allen anderen Worten Carolinens enthüllt sich uns in diesen ihre Überzeugung von der Liebe als der einzigen unfehlbaren Richtschnur des Lebens: „Ach, störe mich nicht in meinem sanften Trauern, lieber Schelling, dadurch, daß ich bitterlich über Dich weinen muß. Das sollte nicht sein. Hättest Du Dir vorzuwerfen, dann ich tausendmal mehr; aber Gott weiß, es will nicht Raum in meiner Seele finden und haften. Ich habe Dich geliebt – es war kein frevelhafter Scherz, das spricht mich frei, dünkt mich.“

Und als sie sieht, daß trotz all ihres Flehens und all ihres stillen Beharrens auf dem Recht ihrer Liebe die zerrüttenden Gewissensqualen nicht von dem Freunde weichen wollen, greift sie zum letzten, schwersten Mittel: sie tut das erste Gelübde ihres Lebens: das heilige Gelübde, dem Geliebten als Geliebtem zu entsagen. „Ich scheide nicht von Dir, mein Alles auf Erden“, schreibt sie ihm, „das Mittel, das die Seele ergreift, um sich der Entweihung des Bundes zu entziehen, stellt alles her, ihn selbst in seiner ganzen Schöne und Zärtlichkeit, die ihn unterhält ... Als Deine Mutter begrüße ich Dich, keine Erinnerung soll uns zerrütten. Du bist nun meines Kindes Bruder, ich gebe Dir diesen heiligen Segen. Es ist fortan ein Verbrechen, wenn wir uns etwas anderes sein wollten.“

Unter diesem Brief steht: „Ich bete zu Gott, daß er diese Blätter segnen wolle.“

Gott hat diesen Segen nicht erteilt, nicht erteilen können; denn hier zum erstenmal war der Gott, den Caroline anrief, nicht der ihre. – Sie hat dies erste und einzige Gelübde ihres Lebens nicht gehalten, sie hat es nicht halten können. Auch hier wie überall war sie dem Ganzen ihres Lebens treuer, wenn sie ihm im Einzelnen untreu wurde. Das Gelübde war ein ihrer Natur fremder Schritt. Nichts Bestimmtes, Einzelnes – auch nicht ein Selbstauferlegtes – konnte sie festlegen; jede tiefere Welle einer unmittelbar in ihr aufquellenden Lebenswahrheit mußte es fortspülen. Liegt hier eine Untreue Carolinens vor, so liegt sie im Ablegen des Gelübdes, nicht in seinem Brechen. Auch dem Geliebten konnte sie nur treu sein, indem sie es sich selbst war. Ihre eigene Liebe aber forderte dies Opfer keineswegs. So wurde das Gelübde fraglos von der Liebe hinweggespült. Als Schelling und Caroline nach der Trennung eines halben Jahres in Jena sich wiedertreffen wollen, da heißt es in Carolinens letztem Briefe vorher: „Wenn Dir meine Sehnsucht Freude machen kann, so darfst Du triumphieren, denn sie zerreißt, sie verzehrt mich, ich muß eilen, dieses zu enden.“ – –

Caroline bangte nach all den zerstörenden Stürmen, die über sie hingegangen waren, nach Ruhe. Der schwerr gefaßte Entschluß zur Scheidung von Schlegel war der letzte Sturm in ihrem Leben. Vom Augenblick ihrer Verbindung mit Schelling an herrscht in ihm vollkommene Ruhe. Jeder ihrer Briefe drückt diesen Frieden aus. In Leben und Arbeit mit ihm in den Zusammenhängen seines Denkens, die ihr als Heiligtum am Herzen lagen, erblühte sie noch einmal zu ihrer letzten stilleren und überschwänglichsten Blüte.

Caroline tritt in der Zeit, seit sie Schelling fand, öfter das seit ihrer Kindheit nichtmehr gebrauchte Wort Gott auf die Lippen. Gewiß ist sie nicht im eigentlichen Sinne gläubig geworden. Aber ihr Leben war über seinen Rand getreten, und was auch die sterbliche Gestalt des Geliebten ihr nicht mehr an Trost und Versöhnung zu geben vermochte, das gab ihr seine Welt, sein Bekenntnis, seine Sprache. Wohl verläßt uns niemals das Gefühl, daß Caroline mit dem Bekenntnis zu Schellings Gott die ihr eigenste Sphäre des wahnlos Wirklichen verlassen hat. Dieser Gott war nicht ihr Gott. Dafür aber legt ihr Bekenntnis zu ihm Zeugnis ab, daß die beiden Seelen ineinander geströmt waren. Was Schelling Gott nannte, das vermochte auch sie so zu nennen, und mit diesem Worte traten sie gemeinsam unter eine Macht, der sie das Untragbare ihres Schicksals anheimgaben. Aber nicht allein die Liebe – auch der Tod brachte Caroline diesen Allgott, der nicht wie der ihre allein der Gott ihres Lebens war, näher. Sie hat seit dem Tod ihres letzten und liebsten Kindes nie mehr ganz im Leben Wurzel geschlagen. Und Schellings Liebe mag um so tiefer gewesen sein, als er fühlte, daß nur durch sie dies geliebte Leben auf Erden festgehalten wurde.

Caroline starb an derselben Krankheit wie acht Jahre zuvor Auguste im Herbst 1809. „Die ganze letzte Zeit“, schreibt Schelling an Luise Gotter, „war sie sanfter und lieblicher als je, ihr ganzes Wesen in Süßigkeit aufgelöst.“ Und süß und lieblich war auch ihr Scheiden, wie Schelling es schildert. Carolinens Tod ist kaum wie ein Riß oder Schnitt; so sanft einer welkenden Pflanze gleich scheint sie hinüberzublühen in die Welt, in der ihre Seele durch den Tod ihres Kindes heimisch war. Ruhig, kampflos hat sie den Kreis ihres stürmischen Schicksals vollendet; wie eine ewige Form, nachdem sie all ihre zeitlichen Möglichkeiten ausgewirkt hat, für das irdische Auge zerfällt.

Und auch Schelling stand wohl an ihrem Grabe ohne die sprengende Leidenschaft der Verzweiflung. Ihm, der noch im Aufgang des Lebens stand, mochte es scheinen, als bliebe nach dem Glück des zeitlichen Beisammenseins ihm die ewige Form, die sein Auge so rein erblickt hatte. An ihr blieb sein Blick hängen, und ihr Glanz mochte ihm noch lange verhüllen, was ihm in Wahrheit widerfahren war.

Was Caroline, die Wechselnde, Schweifende, ihm im Leben gewesen war, faßt er in die Worte zusammen: „Sie war ein eigenes einziges Wesen; man mußte sie ganz oder gar nicht lieben. Diese Gewalt, das Herz im Mittelpunkt zu treffen, behielt sie bis ans Ende.“ Was sie ihm an Lebenserschließung über alles Persöliche hinaus gegeben hatte, spricht wohl am tiefsten ein Wort aus seinen Werken aus, hinter dem wir deutlich Carolinens Gestalt erscheinen sehen: „Es liegt unendlich viel außer und über den Grenzen ihrer Moral“ – es ist die reine Gesetzesmoral Fichtes – „nicht allein alles, was freies Leben ist in Natur und Kunst, sondern ebenso auch die Göttlichkeit der Gesinnung, welche unsere Erlösung ist vom Gesetz und die Versöhnung mit dem Göttlichen, da wir zuvor ihm Unterworfene waren. – Nicht alle sind ohne Zweifel dieser Ansicht fähig, welche ewig zu den Mysterien der höheren Menschheit gehören mag.“

Als ein Mysterium der höheren Menschheit mögen wir Carolinens Leben begreifen. Die verhüllte Dämonie dieses Lebens, das sich so leicht und lieblich zu geben wußte, mochte wohl die Menschen, die mit ihm in nähere Berührung kamen, schrecken wie ein Verhängnis, das sich nicht aufhalten läßt, wie ein Geist, der sich plötzlich unbegriffen vor uns erhebt. Die einzige Rettung vor ihr war die Liebe. Man mußte sie ganz oder gar nicht lieben – ihrem Wesen vollkommen fremd oder vollkommen hingegeben sein. –

In unzähligen Formen versucht sich das geschichtliche Leben; alle wirkt es wahllos in sein buntes Gewebe ein. Fast alle Formen menschlichen Lebens bleiben Versuche, gehen unentwirrbar durcheinander, brechen ab oder verlieren sich unkenntlich in ihrem Verlauf. An dem – jenseits von aller Moral – rein aus seinem mystischen Kern gestalteten Leben Carolinens ist einer unter ungezählten seiner Versuche zur Vollendung gelangt.

 

 

Dorothea

 

Eine Verbindung mit mir, die lange

bestehen soll, muß auf gegenseitiger

Anregung der Sittlichkeit beruhen –

denn diese Verbindung nimmt ewig zu.

Vor allem aber muß der, den ich lieben

soll, fähig sein, nur in einem zu leben

und über einem alles zu vergessen.

Friedrich Schlegel

 

 In den Briefen Friedrich Schlegels an Caroline taucht der Name Dorotheas zum erstenmal auf in den charakteristischen Worten: „Ihr seid Weltkinder, Du, Wilhelm und auch Auguste – wir sind Geistliche, Hardenberg, Dorothea und ich.“

Es ist damit der prinzipiellste Gegensatz zwischen den Menschen des romantischen Kreises – und darüber hinaus der zwischen zwei bestimmten menschlichen Typen überhaupt ausgesprochen: der Gegensatz zwischen herrschenden und dienenden Naturen – das heißt zwischen solchen, die unbefangen sich selbst, ihr eigenes Gesetz aus der Welt annehmen und unbefangen dies ihr Gesetz der Welt auferlegen – und solchen, die als letzte Wirklichkeit nicht sich selbst bejahen, sondern sich durch eine über sie selbst hinausgehende übergeordnete Wirklichkeit ursprünglich gebunden fühlen und ihr dienen.

„Sie mögen sich Ihre Seelen selbst bestimmen, wenn es Ihnen nicht mißfällt, die Menschheit so mitten durch zu schneiden“, fährt Friedrich fort – damit eine Realität als die ursprüngliche setzend, die für Menschen wie Caroline nur ein leeres Wort, eine bloße Abstraktion sein konnte, weil es für sie nur sie selbst und außerhalb ihrer nur einzelne auf ihr Leben bezogene Gestalten gab, während für Friedrich die Menschheit das Primäre, das Erstgesetzte war, demgegenüber er sich selbst abstrakt und nachträglich empfand.

Wo aber in der modernen Welt die Begriffe eines vorgeordneten, übergeordneten Seins im Lebensgefühl ursprünglich verwurzelt sind, da ist sofort eine tiefe Problematik gegeben. Denn diesen Begriffen entsprechen keine Wirklichkeiten mehr. Und während das Leben des sich selbst restlos bejahenden Weltkindes in voller Harmonie mit einer entwirklichten Welt verlaufen kann, muß der geistliche dienende Mensch sich in ihr die Wirklichkeiten, denen er dienen kann, als immer wieder entweichende immer wieder neu suchen.

So könnten wir von Dorothea, auch wenn sie dieselbe Genialität besessen hätte wie Caroline, nicht eine so reine Gestalt des Lebens erwarten. Sie hatte die tiefe Unsicherheit der religiösen Naturen in der modernen Welt. Und auch in einem noch anderen Sinne hat die dienende Gebundenheit ihres Wesens jenes seligklare Aufblühen ihres Lebens zu sich selbst verhindert. Dorothea hat kein in sich selbst ruhendes Menschenleben, sondern ein rein weibliches Schicksal gehabt: die liebende Verlegung des eigenen Lebenszentrum in ein fremdes.

Und schließlich hat auch die Herkunft beider Frauen die Verschiedenheit ihrer Schicksale unterstützt und mitbestimmt, indem sie ihnen die ungleichsten Güter ins Leben mitgab. Gemeinsam ist ihnen nur das hohe geistige Niveau der frühesten Jugendzeit. – Aber das von Dorotheas Jugend lag persönlich weit höher, sozial weit tiefer als das Carolinens. So machte das Elternhaus Carolinens sie im Sozialen wie im Geistigen frei zu sich selbst, während das Dorotheas sie von beiden Seiten her band, geistig durch die übermächtige Persönlichkeit ihres Vaters, sozial durch seine Eingeengtheit.

Dorothea ist als die älteste Tocher Moses Mendelssohns in Berlin 1764, ein Jahr später als Caroline, geboren. Die Tochter dieses außerordentlichen Mannes zu sein, war bereits ein Schicksal für sich, und es hat sich im Leben Dorotheas auch so ausgewirkt.

Moses Mendelssohn hatte als einziger Mensch für die deutschen Juden kaum weniger getan als die französische Revolution für die Frankreichs. Er hatte sie durch seine persönliche Geistesmacht aus einer unwürdigen äußeren und inneren Lage befreit und dem jüdischen Geist die Tore der deutschen Bildung geöffnet. Damit hatte er zugleich das Doppelschicksal des deutschen Judentums besiegelt. Ihm selbst gelang für seine Person noch die Versöhnung von deutschem und jüdischem Geist; er blieb gesetzestreuer Jude; freilich keineswegs mehr im alten streng ausschließlichen Geist, sondern im Sinne der erwählten Hochhaltung des einen ererbten der drei gleichwertigen Ringe. Obwohl er noch ganz an den alten Bräuchen festhielt und seine Kinder im jüdischen Glauben erzog, war doch schon das Judentum Mendelssohns im Grunde eine reine Vernunftreligion, in dem die tief verpflichtende geschichtliche Basis sich aufgelöst hatte. Der nahe Freund Lessings, das Urbild seines Nathan, der Mann, der aus Liebe zur deutschen Sprache sein Leben in Gefahr brachte, indem er Friedrich den Großen öffentlich wegen seines Gebrauches der französischen Sprache tadelte, war gewiß mehr Deutscher als Jude. Seine Weisheit war nicht die dunkelglühende des Alten Testaments, noch die ganz im Gesetz wurzelnde Geistigkeit des Talmud – sie war vielmehr die farblos durchsichtige, für alles Menschliche durchscheinende Weisheit, wie sie in solcher Reinheit einzig aus der Vermischung des jüdischen mit dem abendländischen Rationalismus in verschiedenen Formen entsprungen ist. Und so war der dennoch sieghafte, in ihnen allen wieder aufschlagende religiöse Funke, den Moses Mendelssohn seinen Kindern weitergab, nicht so sehr Judentum als vielmehr eine in der Flut jüdischer Religiosität und deutschen Geistes klargewaschene Menschlichkeit, die die durchdringende Kraft und Verpflichtung zum Gebrauch der persönlichen Vernunft und den lebendigen Anschluß an das Bildungsleben der Zeit in sich schloß. Schon allein durch diesen Anschluß konnte das überlieferte Judentum all diesen innerlich lebendigen Naturen, die sich intensiv mit der gewaltig aufblühenden deutschen Kultur durchdrangen, auf die Dauer nicht gemäß bleiben. So erscheint es von allen Seiten her als begreiflich, ja als logisch notwendig, daß unter den Enkeln Moses Mendelssohns kein Jude mehr war, wohl aber die protestantischen Geschwister Felix und Fanny Mendelssohn und die fromm katholischen nazarenischen Maler Johannes und Philipp Veit, von denen der letztere eine Zeitlang mit dem Gedanken umging, katholischer Geistlicher zu werden.

Gerade der religiöse Drang, der in allen Nachkommen Moses Mendelssohns lebte, grub sich, da ihm das alte verschüttet oder keinesfalls mehr tief genug war, sofort nach allen Seiten hin ein neues Bett. Auch Dorotheas spätere religiöse Entwicklung wäre ohne diese Herkunft nicht verständlich.

Sie erwuchs in einer Umgebung von höchster geistiger Regsamkeit, in einer Atmosphäre, die der Geist des Vaters selbst geschaffen hatte, in der Frühzeit jener einzigartigen Blüte des Berliner Geisteslebens, deren Keim er gelegt hatte. Er war der einzige Gelehrte Berlins, der zu jener Zeit ein Haus ausmachte. Während die anderen Gelehrten noch ihr Leben in die Geistigkeit ihres Studierzimmers und eine öde Bierstubengeselligkeit, von der die Frauen ausgeschlossen waren, eingeteilt hatten, versammelte der schlichte Kaufmann Moses Mendelssohn bereits alles um sich, was in Berlin am Geist teil hatte, und es gab kaum einen durchreisenden Gelehrten, der sich nicht bei ihm einführen ließ. Auch die Frauen seiner Umgebung bildete er zur Teilnahme an solcher höheren Form der Geselligkeit aus; und seine begabten Töchter und ihre Freundinnen verehrten ihn als die höchste Instanz des Geistes und des Herzens.

Wurde so die geistige wie die religiöse Atmosphäre des Elternhauses für Dorotheas ganz spätere Entwicklung bestimmend, so wurde auf der anderen Seite der noch nicht ganz ausgetragene Gegensatz in ihres Vaters Weltanschauung ihr zum Verhängnis. Denn nachdem Moses Mendelssohn mit der eisernen Kraft eines großen Geistes und eines eminenten Willens sich und sein Volk aus der Befangenheit der ursprünglichen Lebensauffassung herausgearbeitet hatte, wurde diese an einem entscheidenden Punkte seines persönlichen Lebens doch noch einmal über ihn Herr: als er seine durch ihn zu voller geistiger Freiheit ausgebildeten Töchter ganz jung ohne ihre persönliche Zustimmung an Männer seiner Wahl verheiratete. Er mochte aus seiner stets beschränkten pekuniären Lage heraus zu sehr den Wunsch haben, sie für ihr äußeres Leben sicher zu stellen, auch unbedingt seiner eigenen reifen Menschenkenntnis vertrauen; aber er verkannte damit die Macht des Geistes, den er selbst heraufbeschworen hatte.

In frühester Jugend gab Moses Mendelssohn seine älteste, hochbegabte Tochter einem Mann zur Ehe, der zwar, wie sich vor allem späterhin zeigte, die ganze Rechtschaffenheit und Vornehmheit des edlen Juden besaß, der aber geistig zur Zeit ihrer Heirat weit unter dem Niveau ihres väterlichen Hauses und unter ihrem eigenen stand, dem überdies ihr Herz in keiner Weise sich zuneigte. Glücklose Jahre verbrachte Dorothea an der Seite des Bankiers Veit. Drei Söhne gingen aus dieser Ehe hervor; der eine starb früh; an den beiden anderen hing ihre starke Natur mit niemals wankender Liebe und mit einer eisernen Kraft, durch die sie auch nach der Trennung noch weiter ihr Schicksal unabhängig vom Willen und der Gesinnung des Vaters bestimmte.

Vielleicht war der tiefste Grundzug von Dorotheas Natur Treue; allem, was sie einmal liebte, blieb sie – im genauen Gegensatz zu Caroline – für immer verbunden. Sie blieb ihren Söhnen dieselbe Mutter auch im Glück und Leid einer neuen Liebe, sie blieb ihren Jugendfreundinnen ihr Leben lang eine Freundin.

Unter diesen waren es vor allem Henriette Herz und Rachel Levin, mit denen sie nicht nur eine rein persönliche Beziehung, sondern auch eine ganz bestimmte Art von geistiger Gemeinschaft verband: jene ursprünglich von Moses Mendelssohn ausgehende und rasch zu immer höherer Blüte sich entfaltende Geistigkeit der damaligen Berliner Kreise, die so viele bedeutende Menschen berührt und mitgebildet hat.

Mehr noch als im Jenenser Kreis dominierte hier das weibliche Element. Man macht sich kaum einen Begriff, mit welchem Heißhunger die weibliche Jugend die ihr so lange verschlossene Bildung Deutschlands aufnahm, wie gerade dadurch der Geist und das Geistige in diesem Kreise zu einer selbstständigen Lebensmacht erwuchs. Alle bedeutenden Neuerscheinungen der Literatur wurden hier gelesen und besprochen. Und da neben diesem Geschlecht gleichzeitig die gewaltigste Blüte des deutschen Geisteslebens sich entfaltete, lernten diese Frauen nicht als Kulturgut der Vergangenheit, sondern als das lebendige Leben der Gegenwart die höchsten Werte des Geistes kennen. Es war ihr eigenes Leben, das in den Werken eines Goethe, Fichte, Schiller, Schleiermacher Gestalt und Stimme gewann; es war ihr eigenes Leben, das sie an diesen Werken bilden lernten. Und so ging in all die Arbeit geistigen Verstehens dieses Neuen, das sie als ihr Eigenes erkannten, die ganze lebendige Unmittelbarkeit und leidenschaftliche Subjektivität dieser jungen Frauen und ihre ganze zurückgedrängte Sehnsucht nach einem wahreren schöneren Leben ein. Dadurch wohnte eine innere Schwungkraft in dieser Geistigkeit, die sie zum Zentrum und zum Keim eines neuen und eigenartigen geselligen Lebens werden ließ, das vom Traum und Feuer junger Herzen glühte. „Und daß ich es nur gestehe“, sagt Henriette Her in ihren Erinnerungen, „wir hatten damals alle selbst einige Lust Romanheldinnen zu werden; keine von uns, die nicht damals für irgendeinen Helden oder eine Heldin aus den Romanen der Zeit schwärmte, und obenan stand darin die geistreiche, mit feuriger Einbildungskraft begabte Tochter Mendelssohns, Dorothea. Aber auch an Wissen und geistiger Fähigkeit stand sie obenan.“

Wir sehen bereits den genauen Gegensatz zu Caroline. Dorothea, die man nicht mit Unrecht als nüchterne Berlinerin charakterisiert hat, schwärmte, hatte Lust, eine Romanheldin zu werden, lebte in der Sphäre des Romanhaften, die Caroline in aller rauschhaften Lebendigkeit ihres Wesens von frühester Jugend an und selbst in ihrer ersten keimenden Liebe mit aller Energie abgewiesen hatte. Dies war ebensosehr durch ihre andere Geistesart wie durch ihr anderes Schicksal bestimmt. Während Caroline von früh auf Art und Form ihres Lebens frei wählte und so alle ihre Träume in das Wirkliche einströmen ließ, war es bei Dorothea zweifellos die frühe Fesselung ihres realen Lebens, die die Sphäre ihrer Träume in selbständiger Form sich von ihr ablösen ließ. Dorothea war ganz jung wider Willen gebunden; ihr blieb nichts, als aus ihrer unwillkommenen Ehe wie aus einem dunklen Gefängnis sich hinauszuträumen in ein unwirkliches, schönes und blühendes Leben. Wir finden in Carolinens erster Ehe, obwohl sie viel später und aus freier Wahl geschlossen war, verwandte Elemente; dennoch nahmen Carolinens Träume niemals eine vollkommen unwirkliche Gestalt an, weil sie sich in jedem Augenblick unbekümmert um alle anderen Menschen ein volles Recht auf ihr eigenes, von ihr selbst zu verwirklichendes Leben zusprach, das sie nie mit einem anderen vergleichen konnte. Dorothea dagegen war durch ihre Natur wie durch ihr Schicksal weit mehr in allgemeinen Anschauungen gefangen. Der Weg von der Unfreiheit ihrer Jugend zur Freiheit war an sich unendlich weiter als der Carolinens. Sie, die sich als Tochter unterordnete, die früh und leidenschaftlich Mutter war, fühlte sich in den Verhältnissen, in denen sie lebte, gebunden, durch die Rücksicht auf geliebte Menschen bestimmt und, auch wo sie ihnen überlegen war, durch sie festgehalten. So brach Dorothea keineswegs wie die originalere, selbständigere Caroline mit eder Ursprünglichkeit ihrer Natur überlieferte Anschauungsweisen und Verhältnisse wie Papier- und Rosenketten. Sich aus einer Beziehung zu lösen, war für sie nicht dasselbe wie für die leichtere und zugleich unerschütterlichere Caroline.

Auch schon in dem ungleichen Äußeren beider Frauen scheint ihr verschiedenes Verhältnis zum Leben ausgedrückt. Ungeheuer verschieden muß schon das Körpergefühl beider gewesen sein. Carolinens leichter, zarter beweglicher Körper, an dem man oft in ihren Briefen in und zwischen den Zeilen eine gewisse Freude spürt, ließ sie selbst leicht, heiter, ihrer eigenen Gegenwart froh werden. Die anmutige, neckische Koketterie, durch die sie Männer hinriß, die Zierlichkeit ihrer Kleidung und die Beschäftigung mit ihr, wie Dorothea sie beschreibt – alles dies hängt mit der natürlichen Grazie ihres Körpers zusammen. Dorothea dagegen war eine schwere, breite, ausgesprochene und wenig weibliche Erscheinung, an der das einzige Schöne und Anziehende die warm und geistvoll brennenden Augen waren. Oft ist es, als wäre sie sich selbst mit ihrer Erscheinung im Wege gewesen. Wie wenig sie an ihrem eigenen Äußeren Freude hatte, beweist tief ein Wort an Schleiermacher, als sie bei einem Aufenthalt in Weißenfels unterlassen hatte, die ersehnte Bekanntschaft von Novalis zu machen. „Hätte ich seine Bekanntschaft machen können, ohne daß er die meine hätte machen müssen, so wäre es angegangen. Dann gehört auch einiges – Selbstbewußtsein – will ich es nennen dazu, um jemand so zu sich zu rufen, um ihn zu besehen. Eine solche edle Dreistigkeit haben nur schöne Frauen, oder sollten nur diese haben.“ Ein solches Wort enthüllt ganze sonst tief verborgene Lebenszusammenhänge, läßt in die Ursprünge von Eigenschaften blicken, die dem Schreiber selbst selten bewußt sind. Dorothea fehlte immer die ursprüngliche Lebenssicherheit, Freiheit und Unbefangenheit, wie sie Caroline im Verkehr mit den Menschen natürlich war. Sie wog und prüfte, was für sie angängig , zulässig war. Niemals und nirgends schlug sie so fraglos, so frei, so unmittelbar pflanzenhaft im Leben Wurzel wie Caroline.

Wir lernen die junge Dorothea aus ihren Briefen erst kennen, als sie bereits Frau und Mutter ist. Ihre Jugendbriefe an ihren Freund Gustav von Brinckmann, auch an die jüngere Schwester haben fast alle neben einer ursprünglichen Wärme und Güte durch ihre schonungslose Aufrichtigkeit zugleich etwas Hartes, fast Bitteres – einen Klang, der sich später in ihrem Leben immer mehr verliert. Was uns aber bereits an diesen frühen Briefen am stärksten berührt, ist die große Mütterlichkeit ihres Wesens. Das Verhältnis, das sie zuerst in seiner Realität lebte, ist in ihrem Empfinden immer das Entscheidende geblieben.

„Seitdem ich Mutter bin, kann ich nicht mit Ruhe an den Tod denken“, schreibt sie einmal. Vergleicht man mit dieser Äußerung die Worte Carolinens beim Tode ihres ersten Kindes: diese gewaltsame kämpfende Konzentrierung auf die eigene Form – so erkennt man sofort, einen wie anderen Raum in Dorotheas Leben die Mutterschaft einnahm. Wenn zu Carolinens Wesen ein wahrhafter Zugang nur durch die erotische Beziehung zu gewinnen war – wenn daher in jeder ihrer Freundschaften, in jedem ihrer Verhältnisse zu Menschen, selbst in dem zu ihrem Kinde, etwas von der Liebe zum Geliebten, etwas lieblich Schalkhaftes und treulos Elementares war, so war dagegen in allen Liebes- und Freundschaftsbeziehungen Dorotheas – selbst in der zu dem Geliebten – etwas durchaus Mütterliches.

Wie in allen starken Naturen aber war in beiden etwas, was blühen, mit Gewalt blühen wollte, was alles Fremde abstreifend sich selbst bunt und strahlend ausblühen wollte. Beiden war keine Rast gegeben, bis diese innerste Tendenz ihres Lebens sich erfüllt hatte, nachdem sie zuvor ihre Kräfte in anderer Richtung verschwendet hatten. Aber verschieden wie ihr Schicksal ist die Liebe, die sich zu diesem Ziel hinstreckt. Caroline brauchte in allem Wechsel ihrer Schicksale sich niemals loszureißen, um in ein neues Leben einzutreten: wir sahen, wie ihr bei jedem entscheidenden Schritt ihres Lebens das Schicksal selbst mit grausamer Bereitschaft entgegenkam und ihre Ketten löste. Dorothea dagegen mußte sich, um frei zu werden, überall und immer losreißen, weil sie immer gebunden war. Dies läßt neben dem pflanzenhaften Aufblühen von Carolinens Leben die Lebenslinie Dorotheas gebrochen und eckig, von menschlichen Kämpfen und Sorgen bedrängt und geknickt erscheinen. Beide Frauen fanden nach mancherlei Stürmen den endgültig Geliebten. Caroline gleitet sanft aus seinem Arm und aus einem reichen, ganz erfüllten Leben in den Tod hinüber; Dorothea kämpft, arbeitet, sorgt, quält sich ein Leben lang um ihn, für ihn, mit ihm und steht lange vor ihrem eigenen Tod am Sarg des jüngeren Gatten.

Dorothea wandte zunächst aus dem innersten Drang zu blühen in ihrer glücklosen Ehe ihr Herz oder vielleicht auch nur ihre Phantasie einem liebenswürdigen und freien Manne zu, dessen geniale Anlage und abenteuerlicher Lebensplan ihre Einbildungskraft aus der verhaßten häuslichen Enge herausführten. Auch ihm, wie allen Menschen, die ihr jemals irgendwie nahestanden, bewahrte Dorothea immer eine warme Zuneigung. Es war Eduard d’Alton, das Urbild des Helden in ihrem späteren Roman Florentin.

Das äußere Leben der Eheleute bot zu jener Zeit nach dem Zeugnis von Henriette Herz kein Bild der Uneinigkeit dar. Aber Dorothea verzehrte sich und schien den Freunden so unglücklich, daß Henriette Herz selbst mit ihr von einer Scheidung sprach. Dorothea wollte jedoch nichts davon hören, weil sie um keinen Preis den Ihrigen und vor allem ihrem damals noch lebenden Vater diesen Schmerz bereiten wollte.

Als sie aber dann nach dreizehnjähriger Ehe im Hause der Henriette Herz den um acht Jahre jüngeren Friedrich Schlegel kennenlernte, da erst erfüllte sich ihr Schicksal. Ihr ganzes Leben schoß wie ein starker lebendiger Brunnen empor und überströmte und verwandelte mit einem Schlage alles um sie her. Eine Welt von Glut, Wahrheit und Ewigkeit brach über sie herein. Ihren starken unerfüllten Sinnen nicht weniger als ihremleidenschaftlichen Durst nach einem wahreren, erfüllteren Leben, nach lebendiger Bildung, gelebter Dichtung trat die Gestalt dieses Mannes wie eine Offenbarung des Lebens selbst entgegen. Es war undenkbar, daß sie noch die alte Ehe, wenn auch nur in den äußerlichsten Formen, weiterführen konnte. Wie ein Aufschrei der Erlösung klingt ihr Brief an Brinckmann im Februar 1799, drei Wochen nach der Scheidung von Veit: „Kaum fühlte ich mich noch recht – noch bis jetzt ist es mir wie einem, der lange eine große Last getragen, er glaubt sie noch zu fühlen, nachdem er ihrer schon längst entledigt ist. Jetzt bin ich, was ich längst hätte sein sollen, lieber Freund! Jetzt bin ich glücklich und gut – keine Gruselei mehr, keine Beschämung; vielleicht würden Sie mich auch nicht mehr so hart finden, ich lebe im Frieden mit allem, was mich umgibt!“ – Nicht in blinder Leidenschaft, nicht besinnungs- und rücksichtslos also, aber auch keineswegs aus reiner Aufopferung ihrer Existenz für Friedrich, wie es meist dargestellt wird, hat Dorothea diesen Schritt getan, ist sie dem Geliebten gefolgt: sondern aus einer Liebe, an der ihr erst vollkommen klar wurde, in einem wie unwürdigen Verhältnis sie lebte. Von dieser Liebe aus konnte es für sie kein Schwanken, kein Bedenken geben. Was für Caroline, die ihre erste Ehe aus freiem Willen geschlossen hatte, der Tod tat, das mußte Dorothea, der die ihre aufgezwungen war, aus freiem Entschluß, und alle schweren Folgen des Schrittes auf sich nehmend, tun. Sie hat es mit Größe getan. Denn sie gab mit dieser Ehe keineswegs nur die Achtung der Menschen, die bürgerliche Sicherheit eines äußerlich fest begründeten Lebens und, was ihr das Härteste war, die Nähe ihres einen Kindes auf – sondern auch die verborgene zarte Liebe und Fürsorge eines gütigen Mannes, der niemals aufhörte, geheim für sie zu sorgen.

Ganz von einer wahrhaft ergreifenden Seite lernt man diesen Mann erst kennen, wenn man erfährt, daß er, nachdem die geliebte Frau ihn verlassen hatte, rastlos seinen Geist zu bilden begann, um auf die Höhe des ihren zu gelangen. Spätere Briefe an seine Söhne zeigen ihn auf einer geistigen und seelischen Höhe, die keineswegs hinter der Dorotheas zurücksteht – eher sie übertrifft.

So versteht man es, wenn Henriette Herz in sorgender Liebe für die Freundin glaubt, daß Dorothea in ihrer Verbindung mit Friedrich Schlegel doch oft das warme Gemüt, die liebende Sorgfalt ihres ersten Gatten schmerzlich vermißt habe. „Weniger schmerzlich jedoch“, fährt sie fort, „als es in früheren Jahren der Fall gewesen wäre. Denn ihr späteres Leben war ein fortwährender innerer Läuterungsprozeß, infolgedessen sie immer höhere Ansprüche an sich selbst, und immer geringere an andere, namentlich sofern es deren Beziehungen zu ihr betraf, machte.“

Aber gerade dieser Läuterungsprozeß, in dem Dorotheas ganzes späteres Leben bestand, war ja von Friedrich und von der Beziehung zu ihm ausgegangen. Gewiß kannte der jüngere, ganz von seinen eigenen Plänen und Zielen in Anspruch genommene und schon dadurch wenig rücksichtsvolle Mann immer nur eine geringe Rücksicht und Sorgfalt für das äußere Leben der körperlich zarten Frau. Aber von Anfang an war er bemüht, ihr inneres Wesen zu bilden, sie der Verwirklichung aller ihrer geistigen und seelischen Möglichkeiten zuzuführen. Und dies war es, wonach Dorothea sich sehnte. Sie wird nicht müde, ihm dafür zu danken, seine emporweisende, bildende Kraft zu rühmen. „Es gibt keinen Mann, dem man so seine Seele und Seligkeit anvertrauen könnte“, schreibt sie bald schon an Rahel. Und viele Jahre später schrieb sie die Verse:

 

 „Soll ich Töne ihm vergleichen,

Nur die hohe Orgel würde

So in mächt’gen Harmonien

Meine Seele aufwärts führen.“

 

 Das Glück, die Erfüllung dieser Liebe kann man sich ganz gewiß nicht tief und berauschend genug vorstellen. Und auch Friedrich fand in dieser von Caroline so sehr verschiedenen Frau die Erfüllung einer von jeher gehegten Sehnsucht seines Lebens. „Eine Verbindung mit mir, die lange bestehen soll, muß auf gegenseitiger Anregung der Sittlichkeit beruhen, denn eine solche Verbindung nimmt ewig zu. Vor allem aber dieselbe Stärke der Liebe, die nur aus der Sehnsucht nach dem Unendlichen herrühren kann“, schrieb er, lange ehe er Dorothea kannte, an seinen älteren Bruder. Waren dieser und Schleiermacher bisher die Menschen gewesen, mit denen ihn eine Beziehung solcher Art verband, so wurde nun Dorothea als Geliebte ihm erst die volle und endgültige Verwirklichung seines Traumes. War ihm einige Jahre zuvor in Caroline eine dämonisch-schöpferische Frau entgegengetreten, die ihm eine neue Welt aufschloß, so führte das Schicksal, das ihm jene versagte, ihm in Dorothea eine schlichtere und weniger selbständige, aber unendlich liebevollere und aufopferungsfähigere Frau entgegen.

Die Tochter Moses Mendelssohns besaß zu jener Zeit keine feste Religion mehr; der Kreis, in dem sie lebte, hatte jeden Rest davon aufgelöst; die Hingabe aber war das Leben ihres Lebens. Ihre Liebe hatten religiösen dienenden Charakter, insofern Dorothea in ihr durchaus dem Wert und der Aufgabe des Geliebten diente. Friedrich fühlte, daß sie ihm hierin näher war als Caroline. Die beiden Frauen verkörpern gewissermaßen die beiden Hälften seines Lebens, wie es selbst sie benannte: Bildung und Religion. An Bildung, Verstand und Geist war Dorothea ganz gewiß nicht mit Caroline zu vergleichen; sie hat immer zu Friedrichs Geist aufgesehen, während Friedrich Carolinens Verstand sogleich über dem seinigen erkannte. Aber in Dorotheas Wesen war, während Caroline in jedem Augenblick zu entschlüpfen drohte, für den Anderen fester Grund – war es gerade darum, weil sie ihrer selbst weniger sicher, sich selbst weniger gegenwärtig war – weil sie mit Friedrichs Worten „fähig war, nur in Einem zu leben und über Einem alles zu vergessen.“

Dies Eine konnte nicht in ihr, sondern nur außerhalb ihrer liegen. Dem romantischen Zauber Carolinens, der auf der heidnisch-christlichen Immanenz: auf der erlebten Göttlichkeit des eigenen Grundes ruht, stand in Dorothea, ihr selbst nicht bewußt, das in ihre Natur eingewirkte jüdische Grunderlebnis der mittlerlosen Jenseitigkeit des Göttlichen gegenüber. Nur über ihr vermochte sie es von je – und darum in so uranderer Hingabe und Anbetung – zu ergreifen.

Damit und mit dem gesamten Rhythmus ihres Lebens scheidet Dorothea aus dem Kreis der eigentlich romantischen Naturen aus. Nur von außen her, nur durch ihre Liebe und Sehnsucht vermochte sie sich dem romantischen Kreise zu nähern, der ihr – in seiner ersten Phase wenigstens – als vollkommen wesensfremd entgegentrat. Von der Lebensverfassung der Ironie war sie, so sehr sie sich ihr anzupassen strebte, durch den schweren menschlichen Ernst ihres Grundes ebensosehr wie durch ihre restlose Hingabe ausgeschlossen.

Um so märchenhafter und schwebender mußte ihr in der romantischen Welt alles erscheinen. Keineswegs spüren wir bei ihr von Anfang an jene unmittelbare Sicherheit, mit der Caroline in den romantischen Kreis eintrat. Inmitten all ihres Glückes überfiel sie oft ein Zagen und Sichfürchten vor den übermäßigen Forderungen der Romantik an das Subjekt. Dasselbe Element des Unendlichen, in dem Caroline leicht und fröhlich wie ein Fisch im Wasser schwamm, weil es die Heimat ihres höchst subjektiven und in dieser Subjektivität sicheren Geistes war, drohte die schwerere und eingeschränktere Dorothea, die das Unendliche nur als ein Objektives, Übergeordnetes zu verehren vermochte, zu erdrücken. Sie kam dem, was Carolinens innerstes Leben war, als einem ihr Äußeren entgegen: sie sah es aufglänzen im Geliebten: es zog sie gewaltsam an, riß sie hin wie den Goetheschen Fischer die geheimnisvoll unheimliche Tiefe des fremden Elementes. Kam Caroline durch die beiden Schlegels in ihre geistige Heimat, so muß es Dorothea bei ihrem Eintritt in den Romantikerkreis gewesen sein wie Aladdin beim Eintritt in die fremde Zauberhöhle voller ungeahnter Schätze, in deren Mitte die Wunderlampe ihrer Liebe ihr jede Möglichkeit und Beschwörung neuen Lebens aufschloß. Nichts war ihr hier selbstverständlich, alles ein Neues und Ungeheures. Daher die Aufopferung und Selbstüberwindung, mit der sie die Ideale dieses Kreises gewissermaßen auf sich nahm und ihnen diente.

Nirgends wird diese Aufopferung für die Sache Friedrichs und der romantischen Weltanschauung so vollkommen klar wie in ihrem Verhältnis zur Lucinde: dem Roman, in dem Friedrich sein Liebesverhältnis mit ihr zu höherem Zweck schonungslos entblößte. Caroline schrieb nach dem Erscheinen dieses Buches an Novalis: „Ich halte immer seine verschlossene Persönlichkeit mit dieser Unbändigkeit zusammen und sehe, wie die harte Schale aufbricht – mir kann ganz bange dabei werden, und wenn ich seine Geliebte wäre, so hätte es nicht gedruckt werden dürfen.“ Das ist kaum zu bezweifeln. Caroline hätte an sich, an ihre kompromittierte Weiblichkeit, ihre preisgegebenen persönlichen Empfindungen gedacht. Dorothea, die ganz gewiß nicht weniger schamhaft und scheu, die ihrer ganzen Art nach sicher schamhafter war als Caroline, dachte nicht daran, um der brennenden Pein willen, die sie dabei erlitt, den Geliebten um Unterdrückung des Buches zu bitten.

Und dies war ganz gewiß keine Schwäche gegen Friedrich. Ihre Worte an Schleiermacher legen ein ergreifendes Zeugnis davon ab: „Oft wird es mir heiß und wieder kalt ums Herz, daß das Innerste so herausgeredet werden soll – was mir so heilig war, so heimlich, jetzt nun allen Neugierigen, allen Hassern preisgegeben ... Umsonst sucht ermich durch den Gedanken zu stärken, daß Sie noch kühner wären als er. Ach, es ist nicht die Kühnheit, die mich erschreckt. Die Natur feiert auch die Anbetung des Höchsten in offenen Tempeln und durch die ganze Welt – aber ... die Liebe? Ich denke aber wieder, alle diese Schmerzen werden vergehen mit meinem Leben, und das Leben auch mit; und alles, was vergeht, sollte man nicht so hoch achten, daß man ein Werk darum unterließe, das ewig sein wird. Ja, dann erst wird die Welt es recht beurteilen, wenn alle diese Nebendinge wegfallen.“

Man hat of darüber gespottet, daß Dorothea diesen Roman Friedrichs mit solcher religiösen Ehrfurcht betrachtete, daß sie dies künstlerisch mißlungene Jugenderzeugnis von Friedrichs Geist für etwas so Ewiges hielt; wie man sich auch darüber gewundert hat, daß Schleiermacher sich so warm dieses verfehlten Buches angenommen hat. Und doch haben hier ganz gewiß die Liebe und die Freundschaft schärfer gesehen als der kritisch zerlegende Geist der Mit- und Nachwelt, der an diesem Werk nur das Mißlingen sah und darüber die Größe und den Ernst darin verkannte. Es gilt die Lucinde innerhalbihrer Zeit zu betrachten, um zu erkennen, was sie in Wahrheit war: eine revolutionäre Tat der Wahrhaftigkeit in bezug auf das Erotische, ein gewiß künstlerisch ungeschickter, gewiß vielfach peinvoller Versuch, ein neues wahres Menschentum zu begründen.

Worum das ganze nachfolgende Jahrhundert bis in unsere Zeit der Auflösung hinein rang: das geschlechtliche Leben in seinem wahrhaftigen Umfang vom Natürlichsten bis zum Geistigsten, in seiner ganzen ungeheuren Bedeutsamkeit, seinem erlebten Wert und seiner tatsächlichen Allmacht und Schönheit rein und ohne Verhehlung darzustellen und dadurch eine Reinigung und Klärung dieses in so viel Halbwahrheit und Unwahrheit verhüllten Lebensgebietes zu bewirken, das unternahm zuerst Friedrich in diesem Buch inmitten einer bürgerlich versteiften und benommenen Welt.

Gewiß, der Versuch mißlang; er mußte mißlingen, weil dies Neue, noch Unerhörte auszusprechen, dies Mysterium zu entschleiern, ohne es zugleich zu entweihen, eine Gestaltungskraft ohnegleichen erfordert hätte. Diese besaß Friedrich nicht. Er war Dichter nur in Momenten, in den anderen grübelnder Forscher und Denker. Auch fehlte ihm noch die volle menschliche Reife zum Abwägen des Sagbaren. Und so war er auch hier, wie er es in seiner frühen Jugend von sich gesagt hatte – „wahrer als man sein darf.“

Dorothea hat die Art dieses Romans treffend charakterisiert in den Worten: „Friedrich seine Poesie löst kein Rätsel in unserer Brust; im Gegenteil, er legt uns und welche vor, an deren Lösung der Geist sich ewig üben kann.“ So wäre das künstlerische Gelingen nicht der letzte Maßstab, mit dem man dies Buch messen kann; auch in ihm sind Rätsel vorgelegt, an denen der Geist sich noch auf lange hinaus zu üben hatte, an denen er sich in gewissem Sinne wirklich ewig üben kann. Und insofern ist das heroische Opfer, das Dorothea dem unzulänglichen Werk Friedrichs brachte, auch objektiv begründet und berechtigt.

Zugleich ist in dem Verhalten Dorotheas zur Lucinde die Beziehung der beiden Menschen klar gegeben. Friedrich der Schöpferische, Gebende, Dorothea die Empfangende, Dienende, aber auch unendlich unter der Eigenart des Geliebten Leidende und sich seiner Produktion vorbehaltlos Opfernde.

Und doch wird Dorothea nicht müde, seine treue helfende Liebe, seine Zartheit, seine Größe zu rühmen. Keine Frau hat schönere, tiefere, wahrere Worte über den Geliebten gefunden als sie. In all ihren Briefen und Gedichten, in allen Äußerungen ihres Tagebuchs kehrt die Verehrung seiner bildenden und erhöhenden Kraft wieder. Am unmittelbarsten und schlichtesten spricht ihre Liebe und Verehrung für Friedrich sich aus in den Briefen an Schleiermacher.

Dieser treue und leidenschaftliche Freund Friedrichs hielt fest zu dem verfemten Paar. Auch er wie Dorothea hatte den ganzen Zauber von Friedrichs reichem und lebendigem Geist erlebt. So sehr Friedrich denen widerstrebte, die ihn nur von außen aufzufassen vermochten, so groß war die Liebe derer für ihn, denen sich sein inneres unmittelbar bildendes Wesen aufschloß. Aus allen Urteilen der Menschen, die ihm näher standen, sehen wir, daß er wohl ein schwerer, gequälter Mensch, aber zugleich von einem stets überströmenden inneren Reichtum war, aus dem sich seine ganze Umgebung nährte. Seine ringende und beinahe wilde Liebe zur Wahrheit, die ihn Fernerstehenden verhaßt machte, wurde den Freunden zu einer Quelle der Klärung.

Aber während sich Schleiermachers genialer Menschlichkeit die ganze Kraft und Tiefe von Friedrichs existentiellem Bemühen aufschloß, mußte Friedrich Männern wie Fichte und Schelling, die vor allem das Sprunghafte, Paradoxe seines Geistes sahen, widerstreben. In das Werk der beiden großen Philosophen trat vom Subjektiven nur soviel ein, wie dem Gedanken notwendig anhaftet; denn sie lebten letzthin für die Begründung einer festen objektiven Gedankenwelt. Friedrich dagegen führte in jedem Problem seine ganze lebendige Subjektivität mit sich, denn er lebte letzthin für die Begründung eines wahrhaftigen Lebens.

In dieser existentiellen Lebendigkeit und Ganzheit von Friedrichs Produktion wurzelten aber bei ihrer mächtigen Breite zugleich alle Schwierigkeiten ihrer Ausführung im Einzelnen, die sein Leben und das Dorotheas verdunkelten. Die gewaltige Stoffmasse aus allen Kulturen, mit der sein Geist sich trug, ward gerade, weil sie niemals bloßer Stoff bleiben durfte, sondern immer ganz persönlich, aus innerstem Zentrum verarbeitet werden mußte, zu enorm, als daß sein Geist sie sofort zu abgelösten Werken zu organisieren vermochte. Friedrich war ein langsamer schwerfälliger Arbeiter, und Dorothea litt mit ihm all die tiefen Leiden seiner Produktion. Auch mußte es beiden mit der Zeit immer drückender werden, daß Friedrich durch die Art seines Produzierens, die eben so innig mit der Schwere und Eigenart seines Geistes wie mit seiner irrationalen und schwierigen Lebensweise zusammenhing, sein Leben lang für sich und sie äußerlich nicht zu sorgen vermochte, daß das Fehlen des Geldes sich dauernd in alle Lebenspläne einmischte, daß Geldsorgen und Schulden sie ihr ganzes Leben lang verfolgten und wiederum drückend auf Friedrichs Produktion zurückwirkten. Auch solche Sorgen hat Caroline nie gekannt, und sie hätte sie wohl schwerlich auf sich genommen. Dorothea dagegen erkannte es als ihre Pflicht, selbst zu arbeiten und mit zu verdienen, um Friedrichs Leben und Arbeit zu erleichtern, streckenweise überhaupt zu ermöglichen. Inbrünstig drückte sie das Leben des Geliebten mit all seinen inneren und äußeren Nöten und Sorgen an ihr Herz.

Von einer Heirat zwischen Dorothea und Friedrich war zunächst noch nicht die Rede, und zwar war sie offenbar von beiden Seiten nicht gewollt, obwohl beide bald erkannten, daß ihre Geschicke untrennbar verbunden waren. Dorothea lebte nach ihrer Scheidung zunächst allein mit ihrem jüngeren Sohn Philipp in einer abgelegenen Straße Berlins. Friedrich und Schleiermacher, später auch Fichte, wurden ihre täglichen Tischgäste.

Standen Schleiermacher und Dorothea zusammen in dieser Zeit als seine guten Genien an Friedrichs Seite, beide unermüdlich bestrebt, ihm zu helfen, ihn leichter, froher und dadurch produktiver zu machen, so gewann Dorothea persönlich auch an Fichte einen warmen Freund. Er, der streng an den bürgerlichen Formen Festhaltende, lernte Dorothea in ihrer zweifelhaften Situation in ganz besonderer Weise schätzen. Es war wohl vor allem die Zugänglichkeit, die Geradheit und Rechtlichkeit ihres Charakters, aber auch ihr jeder Tiefe zugänglicher bedeutender und warmer Geist, der seine festen Vorurteile auftaute.

So hatte Dorothea in Berlin an Friedrichs Seite sich wertvollste Freunde erworben, als sie mit ihrem kleinen Sohn im Oktober des Jahres 1799 Friedrich nach Jena folgte, wo er sie Wilhelm und Caroline zuführte. In deren Haus, in dem sich damals der ganze Romantikerkreis konzentrierte, lernte sie erst das eigentliche romantische Leben kennen. In überströmender Begeisterung berichtet sie von diesem Leben, dem sie sich mit erstaunlicher Verwandlungsfähigkeit anpaßte und in dem sie Friedrich immer leidenschaftlicher als den Tiefsten und Intensivsten von allen bewundern lernte. Und so vollendet wurde ihre Anpassung, daß in diesem Kreis, in dem alles Leben zugleich ein lebendiges Arbeiten, Dichten, Bilden, Schaffen war, unter Friedrichs besonderem Einfluß Dorothea selbst zur Schriftstellerin wurde. Sie begann ihrem Roman Florentin, dessen erster Band im Jahre 1800 erschien. In wahrhaft erstaunlicher Weise hatte Dorothea sich in ihm in die romantische Geisteswelt eingelebt. Eine ursprüngliche lyrische Begabung kam ihr dabei ebensosehr wie ihre lebendige Auffassung des Romantischen zu Hilfe. Dieser Roman ist außerordentlich hoch bewertet worden. Die bedeutensten Forscher der Romantik haben ihn, weil er besser gearbeitet, in sich gelungener ist, über die Lucinde gestellt. Aber sicher hat Dorothea ihrem Roman die vollkommen richtige Stellung gegenüber der Lucinde angewiesen, indem sie ihn sehr anmutig ihren „Sancho Florentin“ genannt hat. Denn bei ihr handelt es sich darum, die Geschichte eines abenteuerlichen Lebens in seinen schicksalsmäßigen Verflechtungen leicht und lyrisch darzustellen, und sie hat dies, indem sie sich darin ganz an Goethes Meister angelehnt hat, in anmutig kunstvoller Weise getan; bei Friedrich dagegen handelt es sich gewissermaßen um eine Schöpfung aus dem Nichts, um die Bewältigung eines neu und selbständig gestellten Problems. Die beiden Bücher können darum unmöglich mit dem gleichen Maßstab gemessen werden.

Dennoch ist der Florentin eine feine und in seiner Art meisterliche Leistung – nur empfindet man darin nirgends eine Notwendigkeit künstlerischer Produktion. Er scheint mehr aus Lust und in bestimmter Absicht als aus dem Zwang zur Gestaltung geschaffen. Dorothea war nicht wie Caroline von der Furcht behindert, durch eigenes Schaffen unweiblich zu erscheinen; zu neu, zu köstlich erschien ihr dies alles; es muß ihr ein großer Reiz gewesen sein, ihre Schwingen in diesem fremden Element zu prüfen und zu sehen, daß sie sie trugen.

Daneben aber trieb sie auch schon der Wunsch und die Notwendigkeit zu verdienen. Obwohl es keineswegs nur Lohnarbeit war, die Dorothea von nun an leistete, obwohl ihr manches wirklich Schöne gelungen ist, blieb ihr immer der Wunsch, Friedrichs Geselle zu sein, ihm durch ihre Arbeit zu helfen, der oberste. Keine Selbstverleugnung war ihrer Liebe zu viel, und alles Ganze und Einzelne ihres Lebens: nicht nur das Schöne und Zulängliche, auch das, was uns störend und peinlich erscheint, ist von dieser Liebe wie von einem großen heiligenden Licht überstrahlt.

So auch ihre traurige Beziehung zu Caroline. Der Ursprung der Entzweiung zwischen Dorothea und ihr war zweifellos eine seltsame und doch verständliche Eifersucht Dorotheas. Eine Eifersucht aber keineswegs auf Caroline, weil Friedrich sie einst geliebt hatte und immer noch bewunderte, sondern ganz der Art und Heftigkeit von Dorotheas Liebe gemäß Eifersucht auf Schelling, der dem angebeteten Friedrich Carolinens Liebe und Hochschätzung entwendete. Die durchaus verständliche Voraussetzung ihrer zuerst so verehrenden und freundschaftlichen Beziehung zu Caroline war, daß Caroline Friedrich nicht minder verehrte und bewunderte als er sie. Sehr bald nach ihrer Ankunft in Jena aber sah sie, wie intensiv Caroline mit Schelling beschäftigt war. Sie sah, wie sie diesem alle Liebe und Verehrung zuwandte, die sie – da Dorothea sofort erkannt hatte, daß sie Wilhelm nicht liebte – wenigstens durchaus Friedrich hätte zuwenden sollen. Caroline aber, die durch ihre neue Liebe zu Schelling völlig aufgesogen war, behandelte Friedrich in jener Zeit wirklich nicht mehr so verständnisvoll und keinesfalls mehr so liebevoll und eingehend, wie sie es früher getan hatte. „Sie ist ganz übermütig gegen ihn und ist durchaus nicht imstande, ihn zu begreifen“, schreibt Dorothea an Rahel, „und dies ist der Punkt, worin ich keinen Scherz verstehe.“

Dorothea machte aus ihrer Empörung kein Hehl, nicht nur gegen ihre nächsten auswärtigen Freunde, sondern auch in Jena selbst nicht, so daß Caroline bald merkte, daß eine ungünstige Deutung ihres Verhältnisses zu Schelling, die nur aus dem intimsten Kreise stammen konnte, außerhalb seiner verbreitet wurde. Zugleich wurde auch Friedrich in einem Maße gegen Caroline eingenommen, wie es bei der unschuldigen Art seines Wesens aus ihm selbst nicht stammen konnte. Er selbst hätte Carolinens offenbar scharfe Neckereien und Zurechtweisungen sicher viel harmloser aufgenommen. Zugleich suchte Friedrich nun zweifellos unter Dorotheas Einfluß Wilhelm auch in seinem Verhältnis zu Schelling zu beeinflussen, dem gegenüber er nach Friedrichs und Dorotheas Meinung zu wenig Würde gezeigt, dem er Caroline zu leicht und selbstverständlich abgetreten hatte.

So sah sich Caroline nach mehreren Seiten hin empfindlich durch Dorothea getroffen. Sie war dieser, solange sie ihr bewundernd ergeben schien, sehr freundlich entgegengekommen. Trat sie ihr nun aber, statt ihr den schuldigen Tribut der gewohnten Verehrung zu zollen, in ihrem Persönlichsten hindernd in den Weg, so gab es für sie kein Halten mehr; sie ließ sich bis zur Bosheit gehen. Zu verstehen, was sie in Dorothea verwundet hatte, was vielleicht in deren Empörung an Rührendem und jedenfalls an sehr Menschlichem und Weiblichem sein mochte, dazu fehlte es ihr ganz und gar an Eingehen und Liebe. Sie ging schonungslos und fraglos darüber hinweg. Ihr Mann selbst hinderte sie in ihrer Beziehung zu Schelling in keiner Weise, obgleich er sicher mehr darunter litt, als es den Anschein hatte; wer ihr nun trotzdem in diesem, was ihr ganzes Wesen erfüllte, irgendwie hinderlich sein wollte, mußte aus dem Wege. Und als es ihr dann zugleich gewiß wurde, daß Dorothea ihr auch Friedrich entfremdet hatte, dessen sie sicher zu sein glaubte und den sie denn doch als Freund durchaus hätte behalten wollen, da wandte sich ihr ganzer leidenschaftlicher Haß gegen die Frau, die sich in all ihre persönlichsten Verhältnisse: in ihre aufblühende Liebe, in den Torso ihrer Ehe, in ihre tiefste Freundschaft störend eingemischt hatte. Und Caroline vermochte zu hassen wie das Element. Das beweisen jene nicht einmal isoliert dastehenden Worte: „Wenn sie doch jemand totschlüge, ehe ich stürbe.“

Und doch berührt dieser offene Haß Carolinens noch erträglicher als später Dorotheas mild vergebende Worte nach Carolinens Tod, die ohne jeden Zusammenhang mit ihrem Leben sind.

Dorothea glaubte noch, sich Caroline gegenüber diplomatisch durchzuwinden, als der innere Bruch längst erfolgt war. Als aber nicht lange darauf Schelling Friedrich noch einmal mit schwerer Schädigung in den Weg trat, indem er dessen in Jena angekündigte und bereits begonnene Vorlesungen dadurch vereitelte, daß er, der schon vorher an der Universität mit großem Erfolg gelesen hatte, seine Vorlesungen verwandten Inhalts wieder aufnahm und damit dem in seiner eigenmächtigen Tiefe schwer verständlichen Friedrich aller Hörer abspenstig machte, da kannte auch Friedrichs und Dorotheas offene Feindschaft gegen Schelling und Caroline keine Grenzen mehr.

Es wird einem weh ums Herz, wenn man Friedrichs späte Äußerungen über Caroline liest. Wie war es möglich, daß irgendein Schicksal, irgendeine Gewalt seine Seele in diesem Maße von der einst geliebten und verehrten Frau nicht nur abzuziehen, sondern gegen sie aufstacheln und geifern machen konnte? Etwas von Nibelungenverstrickung und Nibelungenhaß scheint in der durch die beiden Frauen heraufgeführten dämonischen Verstörung aller Beziehungen aufzudämmern.

Nur daß dies alles hier tief herabgezogen und verzerrt ist durch die Seelenkrankheit der bedeutenden Menschen jener Zeit: den Klatsch. Es ist merkwürdig genug, daß gerade die Tatsache, die der Ausdruck eines freieren Lebens war: daß so viele Frauen jener Zeit sich aus einer rein persönlichen Erfassung ihres Lebens über die anerkannten Gesellschaftsformen hinwegsetzten, dem Hang zum Klatsch unter denselben Menschen, die diese Art des Lebens bejahten, besonders reiche Nahrung gab. Es ist, als bräche darin die verdrängte und eben der Wirklichkeit nach noch keineswegs überwundene Bürgerlichkeit jener Welt gewaltsam aus.

Geht man auf den Grund der Jenenser Geschehnisse, so ist das, was alle Beziehungen zwischen diesen Menschen verstörte und zerbrach, das Verhältnis Carolinens zu Schelling, das, so gesehen, nicht nur als eine Untreue gegen Wilhelm und die beiden Schlegels, sondern als eine Untreue gegen den ganzen Kreis erscheint, den Caroline an Schellings Hand verließ.

Und so stob im Jahre 1800 der Romantikerkreis, der so kurze Zeit eine wundervoll lebendige Einheit verwirklicht hatte, durch persönliche Leidenschaften zerstört, auseinander. Seine jüngsten und lieblichsten Glieder: Auguste und nicht lange darauf Novalis wurden ihm durch den Tod genommen.

Schwere und ruhelose Jahre folgten für Friedrich und Dorothea. Immer noch lag ihnen zu jener Zeit der Gedanke der Trauung und Dorothea der der Taufe fern. Doch langsam beginnt sie, sich ihm zu nähern. Nachdem sie im Herbst 1799 an Schleiermacher geschrieben hatte: „Es scheint, die Berliner können nicht ruhen; sie können ebensowenig ein Leben als einen Roman sich ohne Schluß denken und nehmen nun gar bei mir die heilige Taufe als völligen Ruhestand und Auflösung an“, schreibt sie ihm genau ein halbes Jahr darauf: „Ihr alle würdet Euch doch besser in uns finden, wenn wir getraut wären“, „wer wird nun solchen Freunden zu Liebe nicht tun, was man auch sonst vielleicht nicht getan hätte?“ – Aber trotz dieser eigentümlichen zunächst scheinbar nur an Beifall und Ablehnung der Freunde orientierten Wandlung zogen sich Taufe und Tauung noch drei Jahre hin.

Von Dresden aus, wo sie sich kurze Zeit aufgehalten hatten, wandten Friedrich und Dorothea sich nach Paris, wohin Friedrich die Aussicht auf gründliche wissenschaftliche Studien, ein freies Leben und auch die Hoffnung auf eine Anstellung zog. Das Leben dort gestaltete sich für sie zu einem innerlich ebenso reichen wie äußerlich schweren und mühseligen. Friedrich trieb emsige Sanskritstudien, hielt kunstgeschichtliche Vorlesungen und gab eine neue Zeitschrift, die berühmte „Europa“, heraus, aber: „Es will nichts, nichts gelingen“, schreibt Dorothea an den treuen Schleiermacher. „Sie würden jammern, wenn Sie sehen könnten, wie der Arme sich fruchtlos, unnütz bemüht und abarbeitet!“ Und in ihrer Verzweiflung fährt sie fort: „Es hat sich in mir die Überzeugung festgesetzt, daß ich ihn am Fortkommen hindere; nämlich mein Schicksal war es von jeher mich quälen zu müssen, und nun muß auch er unter der Disharmonie, die mit mir geboren ward und mich nie verlassen wird, nun muß auch er darunter leiden!“

Dieser Gedanke der armen Dorothea ist in all seiner rührenden Selbstlosigkeit ein vollkommen romanhafter, wirklichkeitsloser. Konnte sie, deren ganzes Leben einzig darauf gerichtet war, Friedrich freien Raum zu schaffen für das seine, die sich selbst aufrieb, um die Notdurft des Lebens zu verdienen – im Ernst glauben, ihm in seiner Entfaltung hinderlich zu sein? Aber sie wünschte wohl so sehr, den geliebten Mann von allem Vorwurf zu entlasten, daß sie zuletzt selber lieber die ihm gebührenden Vorwürfe auf sich nimmt. Sie war auch wirklich schon entschlossen, Paris zu verlassen, als plötzlich alles eine andere Wendung dadurch nahm, daß Dorothea eine Anzahl von Pensionären erhielt, die zugleich Friedrichs Schüler wurden. Es waren zunächst mit mehreren anderen die beiden später berühmten Brüder Boisserée aus Köln, die eine entscheidende Rolle in Friedrichs und Dorotheas Leben spielen sollten. Sie ließen sich von Friedrich ein glänzend bezahltes Privatissimum über Poesie und Philosophie lesen, wurden zu seinen größten Bewunderen und treuesten Anhängern und zu seinen und Dorotheas nächsten Freunden.

In dieser ganzen Zeit beschäftigte sich Dorothea, teils im Anschluß an Friedrichs Studien, teils aber auch für sich selbst, mit religiösen Fragen, aber immer noch ganz ohne den Wunsch, sich auch äußerlich an ein bestimmtes Bekenntnis anzuschließen. Im November 1802 schreibt sie an Schleiermacher aus Paris: „Ich lese mit Aufmerksamkeit beide Testamente und finde nach meinem Gefühl jetzt das protestantische Christentum doch reiner und dem katholischen weit vorzuziehen; ... im Herzen bin ich ganz, soviel ich aus der Bibel verstehen kann, Protestantin; das öffentliche Bekenntnis davon halte ich nach meinem Glauben gar nicht für nötig, denn sogar in diesem öffentlichen Bekennen liegt mir eine katholische Ostentation, Herrschsucht und Eitelkeit.“

Es ist nicht leicht, zu sagen, in welcher Schicht bei Dorothea das Religiöse, das später in fester Gestalt zum tragenden Grund ihres Lebens wurde, überhaupt lebte. Sicher ist, daß sie von jeher das Bedürfnis fühlte, ihr Leben einer übergeordneten Macht zu unterwerfen. Aber nicht nur, daß die vom Glauben kollektiv losgerissene Welt um sie her sie zwang, sich für sich allein mit ihrem religiösen Bedürfnis abzufinden: ihre Lage war dadurch noch unendlich kompliziert, daß sie als Tochter Mendelssohns, als Gattin Schlegels, als Freundin Schleiermachers durch die Vielheit der einander relativierenden Bekenntnisse selbst, mit denen sie sich auseinandersetzte, in noch verwirrenderem Sinn von jedem eindeutigen religiösen Grund losgerissen war. So wird es um so verständlicher, daß sie, von ihrer Sehnsucht aus die verschiedensten Religionskreise durchlaufend, von der ursprünglichen Ablehnung jedes äußeren Bekenntnisses durch ein Bekenntnis zum anderen fortgleiten konnte.

1804 wurde Dorothea von einem protestantischen Geistlichen getauft und die Trauung zwischen ihr und Friedrich vollzogen. Sie schreibt unter die Aufzeichnung dieser Handlungen in ihrem Tagebuch: „Ihr wart wie die irrenden Schafe, aber Ihr seid neu bekehrt zu dem Hirten und Bischof Eurer Seelen.“ Epistel Petri, I.Kap., 2.V.25.

Die Promptheit, mit der Dorothea sich derart rein durch den äußeren Akt ganz plötzlich religiös gewandelt und in eine Gemeinschaft aufgenommen fühlt, die sie noch kurz vorher so nachdrücklich abgewiesen hatte, wirkt so peinlich überraschend, daß uns hier bereits Zweifel an einer Echtheit Dorotheas, die unter das Bewußtsein hinabreicht, aufsteigen; zugleich aber zeigt diese Wandlung auch ihre ganze religiöse Bedürftigkeit an.

Was mochte geschehen sein, seit sie damals an Schleiermacher schrieb, daß ihr im äußerlichen Bekenntnis immer noch eine katholische Ostentation, Eitelkeit und Herrschsucht zu liegen scheine? Eine Wandlung muß dazwischen liegen, auf die gewiß die Menschen ihrer Umgebung: vor allem natürlich Friedrich, aber sicher auch die katholischen Brüder Boisserée nicht ohne Einfluß geblieben waren. Von der durch persönliches Ringen und Entbehren gesteigerten religiösen Bedürftigkeit ihres Wesens unterstützt, hatte zweifellos in ihr jene tiefe, zentrale, aber offenbar auch in ihm erst in der Pariser Zeit vollbefestigte Gewißheit Friedrichs Wurzel geschlagen: daß ein lebendiges Innen sein Außen mit sich führen muß, daß, was Leben hat, auch Gestalt haben muß. Insofern lag in Dorotheas jetztigem Bekenntnis zum Protestantismus auch schon ihre erste Wendung zum Katholizismus vorbereitet, die sich dann in Köln im Laufe von vier weiteren Jahren vollzog. – Die Brüder Boisserée, die in ihrer tiefen Verehrung und Freundschaft für Friedrich und Dorothea nah mit ihnen verbunden zu bleiben wünschten und zugleich auch die Sorgen ihrer Pariser Existenz durchschaut hatten, bewogen nach ihrer Rückkehr Friedrich, nach Köln überzusiedeln, wo sie ihm die Verheißung auf eine sichere ehrenvolle Anstellung gaben. Aber auch hier warteten seiner, durch die schwierigen politischen Umstände – Köln befand sich damals in der Hand der Franzosen –, nur erneute Kämpfe und Enttäuschungen. Aber mit wahrer Freundschaft und Verehrung kamen die Kölner Freunde dem Paare entgegen, und es scheint nach Friedrichs eigenem Bekenntnis, daß die Aufnahme und Hilfsbereitschaft, die er bei den katholischen Kölnern fand, nicht ohne Einfluß auf seine sich immer stärker herausbildende katholische Richtung gewesen ist.

Und doch – und gerade auch im Zusammenhang mit dieser Tatsache – bleibt es kein geringes Problem, wie Friedrich aus dem Atheismus seiner Jugend, aus der leidenschaftlich unabhängigen, revolutionären religiösen Gesinnung des fanatischen Wahrheitssuchers von einst, zur gläubigen Abhängigkeit und Einordnung in die katholische Kirche kommen konnte. War seine Umkehr wirklich nichts anderes als ein Zusammenbruch des freien Menschengeistes, als ein bequemes Zukreuzekriechen des Müden oder als eine Flucht des ethisch Unzulänglichen ins Ästhetische?

Wie immer man die Gründe zu seiner Umkehr benennen mag: gewiß bleibt, daß in dem Gesamtzusammenhang von Friedrichs Denken dieser letzte Schritt keineswegs als zufällig, daß er vielmehr als tief und ursprünglich in ihm begründet erscheint. Friedrich war ausgegangen von einem durchdringenden Suchen nach Wahrheit – aber eben nicht nach einer bloßen Wahrheit des Denkens, des Wissens, sondern nach einer totalen Wahrheit: einer Wahrheit des ganzen gelebten Lebens. Nichts in der Wirklichkeit war ihm wahr genug: in keinem Gesicht, in keiner Freundschaft, in keiner Liebe, keiner menschlichen Beziehung von irgendeiner Art, aber auch in keinem System und keinem Kunstwerk fand er die vollkommene Wahrheit. Und auch in keiner bestimmten bestehenden Religion. Wie ihm keine menschliche Wahrheit wahr genug, so war ihm kein Gott göttlich genug. Er war Atheist nicht aus Mangel an Organ für das Göttliche – sondern er war es aus einer „angeborenen tiefen Unersättlichkeit“ nach dem Göttlichen, dessen Wahrheit nirgends den Anforderungen seines Denkens standhielt. Sein Ringen um eine wahre Religion war darum das um einen Gott, dessen Wahrheit nicht wie die der Götter aller bisherigen Religionen an dem Denken und Wissen der modernen Welt zunichte würde.

So dachte er in seiner Jugend ernstlich daran, eine neue Religion zu gründen, die den Forderungen eines veränderten Denkens gewachsen wäre – in der damit alles Wissen, indem es an das Göttliche gebunden würde und zugleich die Beziehung empfinge auf dasgegenwärtige Leben der Menschen, wieder zu lebendiger Wahrheit würde. Denn die erst spät von ihm formulierte Gewißheit, daß der Begriff der Bildung und der der Seligkeit durch die Beziehung des einen auf den anderen erst ihre Wahrheit und Bedeutung erhalten, lag von jeher auf dem Grunde seines letzthin immer der lebendigen Totalität des Daseins zugewandten Denkens – wie sie auch all seinem unersättlichen Forschen und Sammeln zugrunde lag. Der immer gewaltiger um ihn her anschwellende Wissensstoff aus allen Kulturkreisen konnte ihm nur, sofern er menschliche Erschließung: Erschließung totaler lebendiger Wahrheit vermittelte, etwas bedeuten, und diese wieder bedeutete ihm nur soviel, als er davon auf den Begriff der eigenen Seligkeit, des persönlichen Heils beziehen konnte. Die ganze Schwere und schwermütige Trägheit seines Wesens ist wohl im Grunde nichts anderes gewesen, als die Einsicht in die Unfähigkeit seines Geistes, die Überlast des Erworbenen um den festen Mittelpunkt der Existenz: der Seligkeit, des Heils in klarer Form zu sammeln. Fast könnte man sagen, daß sein gieriges Forschen selbst seine Form der Trägheit war, weil es ihm unmöglich machte, die schwerere und eigentlichere Aufgabe seines Lebens zu erfüllen: sich einzuschränken, um Grund und Mitte seines Reichtums zu finden. Die ewige Frage des Göttlichen an das Menschliche: Könntet ihr denn nicht einen Augenblick mit mir wachen? trat Friedrich in dieser besonderen Gestalt an: ob er imstande sein würde, die unermeßliche Fülle eines gierig, fast genießerisch erworbenen geistigen Reichtums der Übermacht eines einzigen zentral beseelenden Prinzips zu unterwerfen.

Dies Eine aber mußte ihn eben darum aus der Sphäre des bloßen Wissens herausführen. Nicht das Wissen selbst konnte der beseelende Mittelpunkt des Wissens sein. Keine bloß gedachte, gewußte, sondern nur eine lebendige Wahrheit und Gottheit konnte ihn dem Chaos seines Wissen entreißen. Wie er in seiner frühen Jugend verzweifelt um die lebendige Wahrheit gerungen hatte, die von innen her die auseinanderfallenden Kräfte seines Wesens binden sollte, und wie dann erst die Liebe zu einer ganz realen menschlichen Persönlichkeit sein verwirrt ringendes Leben zur Gestalt umgeschaffen hatte, so wartete nun die bunt und finster um ihn herumwogende Fülle von Erkenntnissen auf die Berührung des Lichts, um Welt zu werden. Von wo konnte eine solche Berührung zuletzt kommen als von dem lebendigen Gott, der nicht mehr vom Geist erkannt, gewußt, sondern von der lebendigen Seele als wirklich erlebt und geglaubt wird?

Und dies war nun die entscheidende Einsicht des reifen Friedrich: daß dieser Gott, eben weil er lebendig wirklich ist, auch vom leidenschaftlichsten Denken und seiner Unendlichkeit nicht erreicht – geschweige denn, wie er es in seiner Frühzeit glaubte, verändert werden könne – daß umgekehrt das Denken sich ändern müsse, um sich Gott anzupassen: daß um seinetwillen das Wissen aus freier Einsicht sich selber anhalten müsse. Glaube ist für den reifen Friedrich Schlegel sich selbst freiwillig begrenzendes Wissen.

Dies ist die einzige radikale Veränderung, der aus der untersten Tiefe seines Lebens geschehene Umschwung seines Denkens, der aus dem unablässigen Ringen um die lebendige Wahrheit ihn unmittelbar in den Glauben hineinreißt. Der Mittelpunkt seines Lebens bleibt unverändert; aber der Weg zu ihm wird durch diesen Umschwung in die umgekehrte Richtung gedreht. Nicht die subjektive Revolution unendlich fortschreitenden Denkens vermag ihn – das ha er erkannt – dem Göttlichen zu nähern, sondern allein die religiöse Selbstbeschränkung einer ihrem Wesen nach unendlichen Kraft in ihrer Unterordnung unter die Objektivität der einmal für immer geschehenen göttlichen Offenbarung.

Und von ihr aus organisiert sich nun sofort die ganze ins Unendliche fortlaufende Masse seiner Wissensinhalte zu klarer Gestalt. Indem Friedrich in der großen katholischen Glaubenswelt mit einem Schlage die Beziehung seiner gesamten Bildungsmasse auf Gott, auf die Seligkeit, und damit auf das persönliche Heil gefunden hatte, fühlen wir, wie sich sein von der Schrankenlosigkeit des Wissens ruhelos fortgezogenes Wesen wie in einem tiefen befreienden Atemzug erlöst.

Wie hätte dies Erlösungsgefühl des geliebten Mannes Dorothea nicht mitreißen sollen? Was ihr aus ihm entgegenkam, war freilich eine andere Art der Erlösung – aber Erlösung wurde es auch für sie. Was Friedrich am Geist geschah, das geschah ihr unmittelbar am Leben, an der Seele selbst. Und dieselben Wahrheiten, die Friedrich – selbst mitbestimmtvon seiner Umgebung – ihrem Erkennen zugänglich machte, strömten nun in Köln zugleich von allen Seiten als lebendige Wirklichkeit auf sie ein. Die große Kunst, die sie umgab, vor allem der Kölner Dom, die Gemälde von Madonnen und Heiligen, die ihr unmittelbar einen Zustand ihres Inneren zu veranschaulichen schienen, fürchten ihre empfängliche Seele ebenso wie die mittelalterlichen Romane, die sie las und übersetzte, tief in den christlichen Geist des Mittelalters ein. An den großen spanischen Dichtern der Gegenreformation, an Calderon vor allem, berauschte sich ihr Geist. Und diese Welt war so übermächtig, so reich an Schönheit und Erschließung, daß ihre glühende Vergangenheit leicht eine fahle Gegenwart zu überwältigen vermochte. Und da vor allem auch die Liebe in jener Schale lag, so schnellte die der bloßen Gegenwart von keinem wesenhaften Gewicht mehr beschwert empor. Die Freunde: die Boisserées, der gelehrte Kanonikus Wallraf drängten Dorothea auf ihrem Weg vorwärts. Und ihr schweres Leben mit monatelangem Entbehren Friedrichs, mit einer fast einsiedlerischen Einsamkeit, mit seiner nie ändernden Liebe und dennoch wachsenden Einsicht in die Brüchigkeit von Friedrichs Charakter – all das kam ihrer Entwicklung zum Katholizismus entgegen. Gott gesucht hatte Dorothea von jeher; ihn in endgültiger Gestalt und Gewißheit so schön zugleich, so erfüllend und versöhnend zu finden, mußte ihr nun als Gnade und Wunder und als das rechte Ende ihres von Anfang an begonnenen Weges erscheinen. Alle etwaigen intellektuellen Bedenken, Fragen letzter Wahrhaftigkeit waren, wenn Dorothea sie überhaupt stellte, für sie von Friedrich zuvor gelöst. Damit wurde die Hemmungslosigkeit ihres religiösen Weges, die schon durch die Vielfalt der ihr begegnenden Religionen begünstigt wurde, deren keine dadurch eine letzte bindende Verpflichtung mehr in sich zu schließen schien, auch von dieser Seite vollendet.

Und so war sie es zuletzt, die selbst ihrerseits Friedrich drängte, den entscheidenden Schritt zu tun. In der Zeit, die ihm vorherging, lernen wir erst die ganze Kraft und Größe kennen, die in ihrer gebrechlichen Gestalt wohnte und die einzig von ihrer Liebe ausging. Schwerer war für sie das Leben seit ihrer Verbindung mit Friedrich noch nie gewesen. Während er in der Welt herumreiste, um Arbeitsquellen auszukundschaften und die Möglichkeit, sich eine neue Existenz zu gründen, während er den Bruder bei Frau von Staël am Genfer See besuchte und viele Monate hindurch bei ihm ein müheloses genußreiches Leben führte, arbeitete Dorothea trotz ihrer geschwächten Gesundheit unermüdlich und gewissenhaft an langen ernsthaften Übersetzungen. Und nur ein einziges Mal begegnen wir in ihren Briefen an Friedrich einem bitteren und schmerzlichen Wort, als er Weihnachten und Neujahr 1807 ihr kein noch so kleines Lebenszeichen gesandt hatte.

Die Übersetzungen französischer und mittelhochdeutscher Romane, die Dorothea in dieser Zeit machte, waren so gründlich und meisterhaft gearbeitet, daß Friedrich sie in seine gesammelten Werke aufnahm. Überhaupt erschien alles, was Dorothea in diesen Jahren und auch schon in Paris schrieb: Kritiken, Übersetzungen und selbst Gedichte, unter Friedrichs Namen. Ihr selbst lag jeder schriftstellerische Ehrgeiz fern; für Friedrich und unter seinem Namen arbeiten zu dürfen, galt ihr weit mehr als der unmittelbare Beifall der Welt.

Schon dadurch war die Arbeit, die sie unermüdlich in dieser Zeit ihrer Einsamkeit leistete, nicht bloß Geldarbeit; überhaupt aber war ihr ganzes Wesen in dieser Zeit tief innerlich lebendig. Das geht aus ihren Briefen an Friedrich deutlich hervor, die überall ein Wachstum und Reifen ihres Geistes verraten. Und deutlich sehen wir in ihrem Leben und Schaffen nun wirklich die Spur von der Liebe zum Geliebten hinüberführen zu der zu Gott. Auch zu ihr hatte Friedrich ihr den Weg bereitet. Anderthalb Jahre bevor sie endgültig katholisch wurde, legte sie in ihrem Tagebuch das Bekenntnis ab: „1806 am Tage Allerheiligen in dem Dom zu Köln ist mir während der Messe die Liebe zu Gott und Gottes Liebe zu mir zuerst recht deutlich und lebhaft geworden, und daß ich ihn mit derselben Liebe lieben kann, wie ich Friedrich liebe und meine Kinder. Und so ist Friedrichs Liebe mir auch ein Bild, ein Zeugnis, der Abglanz der Liebe Gottes zu mir.“

Dies also war der eigentliche und nun wirklich tief lebendige Weg Dorotheas zum Katholizismus: daß sie sich Gott und Gottes Liebe zu vergegenwärtigen, anzueignen vermag im Bild ihrer Liebe zu Friedrich und der Friedrichs zu ihr. Und sie konnte die menschlich schwankende und mit soviel persönlicher Lieblosigkeit durchsetzte Liebe Friedrichs wohl trotz allem so empfinden; denn immer war in seiner Liebe zugleich etwasgöttlich Bildendes gewesen, und dies war es, was sie immer wieder über alle Kränkungen und Vernachlässigungen von seiner Seite hinaushob. Friedrich war durchaus Mensch – oft sogar ein sehr gebeugter, gequälter, quälender und unzulänglicher Mensch. Aber immer war er ihr zugleich der Finger, der nach oben wies. Und so wies er über sich hinaus. Zu einer Zeit, als er ihr als Mensch zu entgleiten drohte, wurde ihr das Glück, mit ihm unter Einen Gott zu treten, zu einer letzten und ewigen Sicherung ihrer irdisch fragwürdig gewordenen Liebe.

Im April 1808 traten Friedrich und Dorothea gemeinsam zur katholischen Kirche über und ließen sich katholisch nochmals trauen. Nun erst, wo ihre gemeinsame Liebe in einer höheren gegründet und bewahrt war, fühlte sie sich wahrhaft mit dem Geliebten vereinigt, wußte sie sich in einer Ewigkeit mit ihm verbunden, der keine Stürme, weder äußere noch selbst innere Trennung, weder Tod noch Leben etwas anhaben konnten. –

Bald nach ihrem Übertritt im August 1808 folgte Dorothea Friedrich nach Wien, wohin ihn vor allem politische Projekte: der Wunsch, in Metternichs Dienste zu treten, zogen. Immer war für Friedrich die Politik ein Teil seiner Weltanschauung gewesen; als solche hatte sie in seinem Leben ihren Raum. Daß zu ihrer tätigen Verwirklichung eine völlig andere Stellung zum Leben gehörte als die seine, das zu erkennen, fehlte ihm – eben weil diese Stellung ihm mangelte – vollkommen der Blick. Es war ein tiefes, ja ein erschütterndes Mißverständnis, daß Friedrich Schlegel sich zum praktischen Politiker berufen glaubte und sich derart auf ein Gebiet begab, wo unendlich geringere Köpfe tief auf ihn herabblicken durften. Mit Not und Mühe gelangte er in die Dienste Metternichs, dessen reaktionäre realpolitische Ziele mit den rückgewandten Utopien der Romantik eine nur äußerliche Ähnlichkeit hatten und der darum auch Friedrichs Leistungen niemals recht verwenden konnte. Um so größeren Erfolg hatten Schlegels philosophische Vorlesungen. Eine glänzende Gesellschaft und bald auch eine lebendige Geselligkeit versammelte sich in Wien wieder um Friedrich und Dorothea. Sie wurden wieder wie in Paris und Köln der verehrte Mittelpunkt eines großen Kreises bedeutender Menschen.

Wenn man das Leben Dorotheas in dieser Zeit und fortan denkt, kommt einem das Wort eines modernen Katholiken in den Sinn: „Der Katholik hat ein schönes Leben.“ Die tiefe fraglose innere Bindung nach dem zerrissenen problematischen Leben ihrer Jugend, nach den späteren Schicksalen und Kämpfen gab ihrer Seele einen unvergleichlichen Frieden.

Und so überströmend empfand sie den Segen dieser Gnade, daß sie nicht ruhte, bis auch ihre Söhne, von denen der eine seine ganze Jugend bei seinem strenggläubigen jüdischen Vater verbracht hatte, zu ihrem Glauben übertraten. Philipp, der jüngere, war schon in Köln vor Dorotheas Übertritt katholisch unterrichtet und in ganz und gar katholischer Gesinnung erzogen worden, als er auf dessen dringlichen Wunsch 1806 in das Haus seines Vaters zurückkehrte. Aber durch Dorotheas gewaltige, von einer fanatischen Überzeugung getragene Willenskraft und ihre vorsichtige, fast priesterlich verschlagene und zugleich tief mütterliche Weisheit erreichte sie es, daß späterhin beide trotzdem glühend überzeugte Katholiken wurden.

Dorothea hatte sich dem Festen, Ewigen ergeben, das ihrer leidenschaftlichen Natur und ihrem schweren äußeren Schicksal die Waage hielt. Die einzelnen Geschehnisse hatten darum in ihrem Leben keine Bedeutung mehr. Was von nun an an Stürmen über Dorotheas Leben hingegangen ist, kann das Innerste ihrer Seele, die Gewißheit, in der ihr Leben Wurzel geschlagen hatte, nicht mehr erschüttern.

Und doch, trotz dieser mächtigen Wirkung auf ihr Leben und ihren Charakter, beschleicht uns bei ihren inbrünstigen, lauten Bekenntnissen zum Katholizismus, diesem so unaufhörlich nach außen gewandten Christentum, immer wieder die Frage nach dem objektiven Wahrheitsgrund dieses Bekenntnisses: nach der Realität, die Himmel und Hölle, die Gestalt des Herrn, des Erlösers und der göttlichen Mutter, auf die sie immerfort hinweist, für dies Leben, in das sie spät erst eingetreten waren, haben konnten. Gerade die Art des Glaubens an die katholischen Wahrheiten, wie sie jetzt bei ihr hervortritt, scheint eine Naivität vorauszusetzen, die überhaupt zu diesem geschichtlichen Zeitpunkt schwer zu begreifen ist, nach Dorotheas persönlicher religiöser Entwicklung aber jedes Realitätsgrundes zu ermangeln scheint.

Aber diese Frage berührt auch wieder den Hauptnerv des romantischen Lebens überhaupt, das ja als ein reines Leben im Geist von der Welt absieht, mit der es doch der Wirklichkeit nach unentrinnbar verbunden ist. Denn die Romantiker sind nicht wie der Mönch im Kloster, der aus der Welt herautretend die Zeit verläßt und in die Ewigkeit eintritt, sondern mitten in der Welt und mit der Welt lebende Menschen, die nur deren Bedingungen an einem wesentlichen Punkt ignorieren und sich so in ihr auf einen gesonderten Platz stellen. Weltflüchtige Weltkinder sind die Romantiker allesamt. –

Aber in einem ganz besonderen Sinne noch war es Dorothea. Sie ignorierte nicht nur die Welt um sich her, sondern auch ihre eigene Wirklichkeit: die letzten Wahrheitsansprüche ihres eigenen Inneren, die sie vor ihrem Bewußtsein verhehlte, um sich einer anderen noch tiefer gelagerten Forderung rückhaltlos zu ergeben: Grund für ihren Abgrund, Frieden für ihre Unrast zu finden in einer alles Persönliche überstrahlenden und auslöschenden ewigen Wahrheit. Denn ihr war nicht die ursprüngliche Festigkeit eines stillen Grundes gegeben, die die Voraussetzung des eigentlich romantischen Lebens: des Lebens aus der persönlichen Wahrheit ist. Die mittlerlose Transzendenz Gottes reißt im jüdischen Wesen einen Abgrund auf, der gerade nur durch die bedingungslose Hingabe des persönlichen Daseins an ihn überbrückt werden kann. Nicht umsonst ist der zwischen Himmel und Erde gespannte Lichtbogen das Zeichen der Versöhnung Gottes mit den Menschen. Wo dieser Bogen erloschen ist: wo der jüdische Mensch nicht mehr glaubt, da bleibt er aufgerissener Abgrund, grenzenlose ungestillte Sehnsucht. Darum wendet sich die letzte Wahrheitsfrage an den Menschen der modernen entgöttlichten Welt: ob er ihr Schicksal auf sich zu nehmen vermag, ohne an Gott zu verzweifeln, beim Juden an seine tiefste religiöse Kraft: die Urkraft der Entbildlichung Gottes um seiner Wahrheit willen: an jene schrankenlose Kraft der Hingabe, die, gerade weil sie einzig und allein ihn selbst will, jeder Andeutung einer auch nur zu ahnenden Gestalt des Verborgenen entsagt.

Dorothea hat diese Wahrheitsfrage nicht bis zum Ende vernommen. Ihr Glaube an Friedrich, der tiefe Einschlag der romantischen Welt und ihre Sehnsucht nach Frieden haben sie übertönt. Sie hat unter dem erloschenen Lichtbogen den Abgrund mit Bildern einer erlösenden Wirklichkeit gefüllt. Aber sie selbst hat ihren Bildcharakter nicht durchschaut; jedes Wort Dorotheas über die katholischen Wahrheiten bezeugt das. Und so wirkten auch die Bilder noch ein Leben und wurden durch dieses rückwirkend dennoch zu wirkender Wirklichkeit umgewandelt. Dorotheas Leben erhielt durch das katholische Bekenntnis wirklich einen Grund von ihrer eigentümlichen Heiligkeit. Ihr quoll auch aus den zu Bildern entwirklichten Inhalten der großen katholischen Welt noch die Kraft zu jeder menschlichen Tüchtigkeit und Bewährung. Alle ihre Freunde von früher, auch die, die an ihrem übermäßigen ostentativen Katholizismus Anstoß nahmen, bezeugen doch zugleich übereinstimmend, wie tief sich ihre Menschlichkeit an ihm entwickelt hatte, wie sie zu allem Schweren ihres Lebens, zu unendlicher Güte und Liebe an ihm gereift war. Fast alle früheren Schlacken ihres Wesens scheinen von ihr abgefallen. An Stelle ihres oft allzu scharfen Urteils tritt eine unermüdlich heitere liebevolle Geduld. –

Als Friedrich und Dorothea nach einem kurzen Aufenthalt in Frankfurt, wohin Schlegel von Metternich zum Bundestag delegiert worden war, wieder nach Wien zurückgekehrt waren, da scheint auch Dorothea begriffen zu haben, daß Friedrichs politische Karriere ein Irrtum war. In ihren Briefen aus Rom, wo sie von 1818 bis 1820 zum Besuch ihrer Söhne sich aufhielt, weist sie ihn immer wieder auf sein eigentliches Schaffen: auf seine vielen angefangenen und konzipierten Arbeiten hin. Sie rät ihm, um seiner Arbeit willen sich von den Menschen möglichst zurückzuziehen – und in reinster Liebe ermahnt sie ihn, auch an sie nicht zu denken: „Denke, ich sei tot und du lebst in einem gelehrten Kloster.“ Dennoch muß er auch jetzt wieder wie immer ihrer bedurft haben, sonst wäre sie sicher nicht im Jahr darauf wieder zu ihm zurückgekehrt.

Im Januar des Jahres 1823 starb Friedrich plötzlich am Schlag auf einer Vortragsreise in Dresden. Selbst der Tod des über alles Geliebten zerriß Dorotheas Innere nicht mehr bis in seine letzte Tiefe. Ihr irdisches Leben hatte freilich mit ihm seinen Mittelpunkt verloren – aber ihr irdisches Leben war der Sinn ihres Lebens nicht mehr.

Auch die nun folgenden Jahre, in denen Dorothea zu ihrem Sohn, dem Maler und damaligen Direktor des Städelschen Institutes in Frankfurt Philipp Veit, übersiedelte, waren zum größten Teil noch Friedrich, seinen Beziehungen und seinen Arbeiten gewidmet. Dorothea hielt mit seinem Hingang ihre Lebensaufgabe an ihm nicht für erfüllt.

Ein langes Leben war ihr auferlegt. Als alte lebensmüde Frau schrieb sie an die Jugendfreundin Henriette Herz, die sich wie sie nach dem Tode sehnte: „Alles was wir Weltkinder sonst Poesie des Lebens genannt haben, das ist weit, weit! – Ich könnte sagen wie Du, ich bin es satt. Aber ich sage es dennoch nicht, und ich bitte und ermahne Dich: Sage auch Du es nicht mehr. Sei tapfer! das heißt, wehre Dich nicht, sondern ergib Dich in tapferer Heiterkeit! – laß den Überdruß des Lebens nicht herrschend werden, ich bitte Dich darum, sondern denke, daß dieses arme Leben weder Dein Eigentum, noch Dir zur willkürlichen Benutzung oder zur angenehmen Beschäftigung verliehen worden ist; jeder Tag desselben ist ein Kleinod der Gnade, ein Kapital, das Du weder vergraben noch von Dir werfen darfst.“ So stand Dorotheas Leben, das durch ihre Liebe hindurch in der Unendlichkeit Wurzel geschlagen hatte, eben darum in der Endlichkeit fest bis zuletzt.

Es hat seinen Sinn empfangen durch die Liebe: einen Sinn, der mit der Liebe selbst, mit dem Glück und der Fülle des Lebens nicht erlosch. Ihr Leben und Sterben war kein pflanzenhaftes Erblühen und Welken aus vorgegebenem Keim: es war ein volles glück- und schmerzenreiches Menschen- und Frauenschicksal, in dem beide: Glück und Schmerz mit all ihren Segnungen und Zerstörungen zu Ende gelebt wurden. Menschlicher und weiblicher als das Leben Carolinens auch darin, daß es nicht in sich selber ruhte, sondern aus seiner Vergänglichkeit und Unvollkommenheit an ein Höheres sich schwankend und bedürftig anzuschließen strebte.

Als geschichtliches Phänomen, als reine Lebensform ohne die erschließende Kraft und Bedeutung ihrer größeren Rivalin, keine schöpferische Urkraft von zwingender Wahrhaftigkeit, sondern ein um die Wahrheit sich mühendes Menschenkind, war auch Dorothea begnadet, aus der Fülle des Lebens zu leben, weil sie durch alle ihre Wandlungen hindurch immer und einzig aus der Liebe lebte – reich an jener Fähigkeit, die Friedrich einst gefordert hatte: nur in Einem zu leben und über Einem alles zu vergessen.

 

 

 

Rahel

 

 Ja wohl, wen Gott umhertreibt, kann

der sich halten und lieblich sein?

 

Rahel

 

Unter den drei Frauen der Frühromantik ist Rahel die problematische Gestalt. Die eigentlich romantische Lebensgestaltung Carolinens rein aus dem mystischen Mittelpunkt des eigenen Daseins, das rein weibliche Schicksal Dorotheas: die liebende Verlegung des eigenen Mittelpunktes in ein fremdes Dasein: beide Formen der Lebensvollendung waren Rahel versagt. Versagt schon darum, weil in ihr, die an seelischem und geistigem Umfang über die beiden anderen Frauen noch weit hinausgeht, die Anlage zu diesen beiden Lebensformen in gleich großer Stärke und Intensität gegeben und mit einer dritten ebenso starken Anlage vereinigt war: einem männlich schöpferischen Geist.

So hätte die Bestimmung ihres Geistes eine große objektive Leistung entsprochen. Aber auch zu dieser ist es nicht gekommen. Rahel hat uns wie  alle bedeutenden Frauen jener Zeit nichts anderes hinterlassen als Briefe: Äußerungen ganz persönlichen, ja ganz momentan gefärbten Lebens. Freilich findet man in der unermeßlichen Menge ihrer Briefe, in Äußerungen allerpersönlichster, oft personalster Art, ein ganzes großes Gedankensystem wie Goldadern in Urgestein eingesprengt. Aber auch alle diese Gedanken tragen durchaus die Form subjektiven Erlebens und die Spur des Augenblicks, der sie hervorrief. Das gibt ihnen ihre wunderbare spontane Lebendigkeit; aber es schließt sie auch zugleich von der streng erarbeiteten Gedankenwelt der ganz Großen aus.

Und Rahel selbst hat auch das objektive Werk, obwohl sie wußte, daß ihr alle Gaben zu ihm verliehen waren, nicht als die eigentliche Aufgabe ihres Lebens erkannt. Sie wußte und sprach es aus: „Ich bin so einzig als die größte Erscheinung dieser Erde. Der größte Künstler, Philosoph oder Dichter ist nicht über mir. Wir sind vom selben Element. Im selben Rang, und gehören zusammen.“ Doch sie fährt fort: „Mir aber war das Leben angewiesen.“

Wenn wir uns fragen, wie es kommen konnte, daß trotz dieses klaren Wissens und trotz dieses ins Ungemessene gesteigerten Selbstgefühls Rahel auch diese ihr ursprünglich zugewiesene Lebensaufgabe nicht gelöst hat, so stehen wir mit einem Schlage vor dem ganzen verwickelten Geflecht ihrer Anlagen, ihrer Lebensbedingungen und ihrer Schicksale. Nichts ist hier vom anderen zu lösen: ein einziges Bild, eine einzige Gestalt webt sich aus den vielfältigen Fäden von Raum und Zeit und Geschehen um den lebendigen Mittelpunkt der Seele zusammen.

Der Mittelpunkt ihrer Seele strahlt auch bei Rahel – und mit weit tieferer Glut noch – durch alles Geschehen ihres Lebens hindurch – nur daß er es nicht einfach von sich aus zu klarer Gestalt zu zwingen vermag. Denn auf ihrer Seele spielten Geist und Schicksal eine weit stürmischere Melodie. Ihr Leben wurzelte nicht still und sicher wie das Carolinens im All, sondern es war wie feinste schwingende Saiten über eine dunkle Leere gespannt. Rahel war unendlich leidenschaftlicher und verwundbarer. Sie war körperlich, geistig und seelisch ein überzartes Instrument. Alle ihre Anlagen waren außerordentliche. Ihr überragender Geist mit seinem unendlich subtilen Sinn für Wahrheit verband sich mit dem weichsten überströmendsten Herzen, mit den feinsten empfindlichsten Sinnen und Nerven. Wie sie die Menschen liebte, die Dinge sah, die Luft atmete, das Leben in sich trank – schon all dies Elementare geschah bei ihr mit solcher Intensität, daß das Leben der anderen Menschen neben dem ihren als Schattendasein erscheint. Jeder Luftwechsel, jeder Wetterumschlag bringt die überzarten Saiten ihres Wesens zum Erklingen – und das Zerstörendste und Schwerste ist ihr widerfahren und aufgegeben.

Rahel Levin ist in Berlin im Jahr 1771 geboren. Die äußere Lebenssituation war günstig; aber von Anfang an wurde ihr inneres Leben schwer beschädigt, die Knospe, in der ein fürstlich reiches Leben seiner Entfaltung harrte, geknickt. Die Atmosphäre des Elternhauses war für ihre ganze Entwicklung unheilvoll und um so unheilvoller, als sie immer in Berlin blieb und sich so nie ganz von ihrer Familie löste. Mit ihren Geschwistern freilich, vor allem mit dem bedeutenden Ludwig Robert, verband sie immer  eine wirkliche Freundschaft. Ihre Mutter dagegen, schwach und verscheucht, konnte ihr wenig bedeuten. Ihr Verhängnis aber wurde ihr Vater. Ihr, wie sie selbst sagt, „rauher, strenger, heftiger, launenhafter, genialer, fast toller Vater“, der ihr „überzartes und starkes Herz übersah und es brach, brach. Mir jedes Talent zur Tat zerbrach, ohne solchen Charakter schwächen zu können. Nun arbeitet dieser ewig verkehrt wie eine Pflanze, die nach der Erde hineintreibt: die schönsten Eigenschaften werden die hideusesten.“ Diese bittere Selbsterkenntnis von einer anfänglichen Umbiegung ihres gesamten Wesens steigt inmitten all ihrer Freude an sich selbst und ihrem inneren Reichtum in Rahels Leben immer wieder auf. Und wie allen bedeutenden Naturen ein bestimmter Schicksalsrhythmus ursprünglich mitgegeben  ist, so haben auch Rahels Schicksale wie in einer unerbitterlichen Dämonie diese frühe grausame Verletzung immer neu wiederholt und vertieft. Aus dieser Wunde, die immer neu aufgerissen zu werden ihr schicksalsmäßig auferlegt war, quoll alles Leid ihres Daseins.

Es gibt ein Wort Rahels, das wie fast alle ihre Worte über Menschliches objektiv überraschend wahr und aufschlußreich, zugleich diese schmerzlichste Wunde ihres persönlichen Lebens enthüllt: „Wenn wir einen all unseren besten Anforderungen entsprechenden Gegenstand fänden, würde nur Liebe, nie Leidenschaft entstehen: die Anstrengung, die uns übrige Liebe anzubringen, ist Leidenschaft.“

Der erste, der ihr diese verzweifelte Anstrengung der Leidenschaft auferlegte, der ihr ihm entgegenströmendes Herz mit der Fülle seines Aufblühens grausam lieblos und despotisch in sich selbst zurückwarf, war ihr Vater. Und Rahel wußte, daß alles, was ihr widerfuhr, ihr „auf ewig“ geschah. Die Gewalt ihrer Natur selbst brannte ihr alles ihr Geschehene unwiderruflich ein. Sie hat die Erinnerungskraft, wie sie nur der ganz substantiellen Natur eigen ist, wenn sie zugleich mit der höchsten Wachheit des Geistes verbunden ist. Ihr „Charakter“, ihre gewaltige Lebenskraft wurden durch die frühe Verwundung nicht geschwächt; aber sie konnten nicht mehr den ursprünglichen geraden Weg liebenden Aufblühens nehmen; sie trieben ihre gewaltigen Blüten verkehrt, in das Dunkel, in ihr eigenes Inneres zurück statt empor, nach außen, ins Licht; und alles, was groß, frei, strahlend war an Rahel, wurde gefesselt und verbogen. Als ihre zweiGrundfehler bezeichnet sie einmal: „Eine zu große Dankbarkeit und zuviel Rücksicht für menschlich Angesicht.“ Und diese Eigenschaften, die sonst Tugenden sind, nennt Rahel mit Recht bei sich Fehler, weil sie sie weder selbstverständlich noch aus einer tieferen Einsicht ihres Geistes, nicht frei und generös, sondern in Empörung gegen  ihre eigene bessere Einsicht übte: gegen das von ihr schrankenlos bejahte Grundgesetz ihres Lebens, das das romantische freier Selbstentfaltung war. Und es ist kein anderes übergreifendes Gesetz, das in ihrem Leben dem Gesetz der Selbstentfaltung einschränkend und umbiegend entgegentritt – es ist nur ihr erliegendes  Herz. So wird die Tugend zur Schwäche, so kündigt sich früh der stete Zwiespalt zwischen Geist und Herz in ihrem Leben an.

Aber über diesem Zwiespalt erhebt sich zugleich Rahels reinstes Glück, der ewige Trost ihres Geistes. Sofort nach jener Einsicht in das Verhängnis ihrer Jugend fährt sie fort: „Ich wäre ein sehr, für aller Augen verkrüppeltes Geschöpf geworden, läge nicht großartige Betrachtung der Natur aller Dinge in mir, und jenes Vergessen der Persönlichkeit, ohne welches die genialsten Menschen auf der Erde und in jeder Wissenschaft keine wären.“ In diesen Worten, zusammen mit jenen ersten, ist Rahels ganzes Glück und ganzes Unglück ausgesprochen: die Qual ihres Lebens, die Begnadung ihres Geistes, die ihrem Leben die tiefe innere Festlichkeit des Überreichtums, die abgelöste Klarheit reiner Wahrheitsfähigkeit schenkte, die Möglichkeit, sich selbst geistig in jedem Augenblick zu überschreiten, zu der ihre Zeit ihr einen so wundervollen Lebensraum anwies.

Denn es war ja die Zeit jener abgelösten Herrschaft des Geistes, in die wir heute wie in ein weit entferntes Land traumhafter Unwirklichkeit zurückblicken. Nur inmitten einer so abgelösten Geistigkeit und aus ihr ist Rahel in ihrer Eigenart, in der ihr eigenen  geistigen Sphäre und in ihrer besonderen Größe überhaupt zu verstehen. Ein Wort Schleiermachers über die späte Rahel: „Sie sagt noch immer die göttlichsten Sachen halb unbewußt“, zeigt uns, wie sehr der Geist ihr gesamtes Wesen durchdrungen hatte, wie er in ihr zur Natur, zum unmittelbaren Leben selbst geworden war.

Mit dem eigentlichen  Jenenser Romantikerkreis hat Rahel sich nur flüchtig berührt. Sie gehörte jenem Berliner Kreis an, der seine letzte Wurzel bereits in der großen Persönlichkeit Moses Mendelssohns hatte und dessen Mittelpunkt in seiner Blütezeit Schleiermacher  war: dieser Mann, der, weil in ihm wie in keinem anderen Menschen die Menschlichkeit Geist und der Geist der Menschlichkeit war, jeder menschlichen Wahrheit Gestalt und Ausdruck zu geben vermochte, und der dadurch als ihr guter Geist sichtbar oder unsichtbar hinter dem Leben aller dieser Frauen stand. Und gerade in diesem Berliner Kreis, in dem – wie sonst nirgends in Deutschland – der Adel der Geburt mit dem des Geistes sich mischte und der Adel der Geburt dem des Geistes huldigte, lebte ein Rausch am Geist, am puren losgelösten Geist, wie er nur in jenem einen geschichtlichen Augenblick denkbar war, in dem der Geist in seiner eigenen in sich selbst kreisenden Herrlichkeit entdeckt wurde, in dem sich im Geiste die Geburt einer neuen Welt vollzog. Wir heutigen von der Wirklichkeit überall bedrängten und überrannten Menschen vermögen uns schwer das ganze Gewicht des Geistes und des nur Geistigen im Leben jener Menschen vorzustellen, das nicht durch reale Geschehnisse, sondern durch geistige Schöpfungen, durch große Gedanken, Systeme und Kunstwerke bestimmt war, so daß in ihm die eigentliche Lebenswirklichkeit in einer seltsamen und spezifischen Weise überflogen war. In diesem Berliner Kreis, in dem all die unendlich aufgetanen jüdischen jungen Frauen ihre Befreiung erlebten, um deren Geist und Schönheit sich bald eine Fülle erlesenster Männer sammelte, hat auch die große brennende Blüte von Rahels Geist sich entfaltet, deren Duft gleichsam die Quintessenz alles damaligen Geisteslebens war.

Der Salon der Romantikerzeit, in dem die geistige Geselligkeit sich ihre eigene Sphäre geschaffen hatte, war Rahels Lebensluft und gesamte Wirklichkeit. Bei ihr fast mehr noch als bei Caroline, deren Schicksal sich in einem weiteren Kreis abspielte, war sie der Ersatz für alles Gemeinschaftsleben. Wohl war Rahel groß und lebendig genug, um überall an die Grenzen dieser Lebensform zu rühren und sie dadurch selbst zu erweitern und zu verlebendigen; aber sie hat sie trotz aller großen Blicke, die sie über sie hinaustat – später sogar tief in die soziale Problematik hinein – für sich persönlich nie überschritten. Der persönliche Austausch von Mensch zu Mensch war und blieb die Form ihrer Geistigkeit selbst. Das Gespräch, das seinem Wesen nach erst die Krone oder die späte Blüte einer voll gelebten Wirklichkeit ist, nahm – ohne Vermittlung der Wurzeln gleichsam – alle Kräfte ihres Lebens unmittelbar auf. Auch ihre Briefe sind im Grunde nur ein fortgesetztes Gespräch. Jean Paul, der Rahel und ihren Geist leidenschaftlich bewunderte, fügte Varnhagen  gegenüber hinzu,  es sei aber notwendig, daß sie an jemanden schriebe. Sie bedarf zum Ausdruck ihrer Gedanken ihrer selbst und des anderen. Ihr Geist ist Wein, der nur in diesem Gefäß so voll leuchtet, der nur aus ihm unmittelbar aufgenommen  werden kann. Erst wenn sie die Lippen fühlt, die sich an den Rand der Schale legen, strömt sie ihr bestes geistiges Gut aus.

Denn es ist noch mehr Leben als Geist, mehr Kraft unmittelbarer Wahrhaftigkeit als geformte Wahrheit. Es ist keine Bemühung um Objektivierung, um Form, um Klarheit in ihrem Stil. Empfinden wir in den Briefen Carolinens beglückend die erstaunliche Präzision und Formklarheit des Ausdrucks, so wäre die Frage nach diesen beiden Eigenschaften, die einem gebildeten Stil, einem Kunstwerk zukommen, der Sprache Rahels gegenüber so sinnlos, wie gegenüber aus dem glühenden Erdinnern emporgeschleuderten Lavastücken. In ihrem Stil ist keine andere Form, als die ursprüngliche ihres innersten Lebens, ist auch dieselbe Unform, Gewaltsamkeit und Härte, aber auch dieselbde glühende Weichheit und Innigkeit. Das Wort gibt den Gedanken unbedingt wieder, aber nicht durch seine reine Gestaltung, sondern durch die in ihm innewohnende Kraft. Rahels Stil ist nicht schön – von aller Schönheit weit entfernt; er ist lapidar, eruptiv, wild, unbedenklich – seltsam durchsetzt mit französischen Worten, die sie wohl auch deutsch abwandelt, wenn sie ihr gerade zum Ausdruck geeignet scheinen – also ganz ohne Anspruch an Form und Vollendung.

Und doch liegt in diesem Verzicht Rahels eine eigentümliche Tragik. Denn Rahel wußte um Form und Vollendung wie wenige Menschen. Aber ihr Verhältnis zu ihnen war ein im tiefsten Sinne platonisches. Die Idee der Schönheit war ihr mit der anamnetischen Gewalt eines ursprünglichen Teilhabens gegeben – aber dies Teilhaben war nicht in ihrem Sein, sondern in ihrem Wissen. Ihr selbst, ihrem Sein fehlte die Schönheit, die Harmonie, die Vollendung; aber wo immer, in wie verschlossener, neuer, noch fremder Form Schönheit, Vollendung ihr begegnete, da zuckte ihr Geist wie eine Wünschelrute darauf hin.

Es war dies zentrale Wissen ihres Geistes, das ihr vor allem die Erscheinung Goethes mit ursprünglicher Gewalt erschloß. Vor allen anderen Menschen ihrer Zeit hat sie Goethe für sich entdeckt und ihn nicht mit der überschwänglich umschlagenden Untreue der übrigen Romantiker, sondern bis an das Ende ihres Lebens mit der tiefsten Festigkeit ihres Seins unwandelbar verehrt und geliebt.

Man kann die Verehrung Rahels für Goethe am ehesten mit den Worten ausdrücken, mit denen Nietzsche den Begriff der Offenbarung definiert hat: als ein Sich-gebunden-fühlen  in einem Sturm von Freiheitsgefühlen. Genau dies ist Rahel durch Goethe geschehen. Indem sie sich durch ihn gebunden fand, wurde sie frei zu ihrem Eigensten. Denn von ihm empfing sie die Bezeugung dessen, was ihr vor allem anderen am Herzen lag: die Bezeugung großen, sich zu sich selbst vollendeten Menschentums. Und es war der große Mensch ihrer Zeit mit allen Problemen ihrer Welt, ihres Lebens, durch den ihr dies wurde. Das Größte, was uns geschehen kann: das Leben der eigenen Zeit vor unserem Blick die Gestalt der Ewigkeit annehmen zu sehen, an unserem Ohr die Sprache der Ewigkeit reden zu hören, ist Rahels sehender und hörender Seele durch Goethe zuteil geworden. Sie hat ganz unter Goethe gelebt. Aber das Leben unter Goethe bedeutete für sie vor allem einen mächtigen Aufruf, ihren eigenen Weg zu gehen. „Der Stern im Leben ist er, aber ohne ihn muß man alles sein“, so hat sie die Beziehung ausgesprochen. So leitend und wegweisend, so erhaben und göttlich ihr seine Gestalt erschien – er konnte ihr niemals zum Gott werden. Und dies lag ebensosehr in Goethe wie in Rahel begründet. Das tiefste Verständnis seiner Eigenart selbst mußte sie zugleich aus seinem Bann entlassen, weil es sie durch sein Vorbild an die Verwirklichung des eigenen Lebensgesetzes wies. So wußte Rahel, daß um Goethe wirklich begreifend zu verehren, man in sich ein selbständiges Ganzes sein müsse, daß nur, indem man sein eigenes Wesen unerschöpflich bildete und vollendete, man das seine wahrhaft begreifen könne. Und wie klar Rahel, die unablässig sich zu sich selbst Bildende, ihn gerade in seiner spezifischen Eigenart begriffen hat, das hat Goethe selbst erkannt und in freudig bewundernden Worten ausgesprochen. „Es ist mir doppelt lieb; denn es ist bei ihr keine allgemeine Idee; sie hat sich jedes Einzelne deutlich gemacht“, sagt er.

Aber Rahel hat nicht nur Goethe, dies ihren Weg leitende Gestirn, ohne an seinem Glanz zu erblinden, ohne Verblendung und Schwärmerei begriffen: sie hatte überhaupt allen geistigen Erscheinungen gegenüber eine Fähigkeit ganz persönlicher Durchleuchtung, die sie zu einer der größten kritischen Begabungen  macht, die je gelebt haben. Wie ein federleichter, scharf geschliffener Pfeil drang ihr Gemüt mühelos in den Mittelpunkt jedes Dinges ein. Sie übte Kritik ganz im Sinne der Romantik: mehr in schöpferischer als in zerstörender Weise: eben indem sie in dem Mittelpunkt jedes Werkes seinen innersten Keim, seine eigenste Voraussetzung aufdeckte, aus der allein es wahrhaft in seinem Gelingen wie in seinem Versagen zu begreifen war. Aber sie bewirkte diese kritische Durchdringung der ganzen gewaltigen Menge des Wissensstoffes, den sie aufnahm, nicht wie die übrigen Romantiker von einer gemeinsamen Idee aus, sondern unmittelbar aus der den Erkenntnis- und Erlebniszusammenhang durchwirkenden Einheit ihrer Person, hierin ganz Frau und zugleich ganz System.

Ganz Frau – denn das Leben und Wissen Rahels nicht weniger als das Carolinensströmte ja einzig aus dem innersten Mittelpunkt ihres persönlichen Daseins hervor; auch Rahel handelte und erkannte einzig aus sich selbst. Aber anders als Caroline, die nie einen anderen Maßstab als ihr eigenes Innere anerkannte, handelte und begriff Rahel dennoch jederzeit aus übergreifenden Zusammenhängen und Gesetzen – nur daß sie sie ganz persönlich eingesehen haben mußte, daß niemand, wie sie selbst es einmal ausdrückt, ihr Herz und ihren Geist anders als durch Gründe regieren konnte. Gründe – das waren für sie persönliche Einsichten, persönlich eingesehene Wahrheiten. Und darum war sie zugleich – was Caroline nicht war – ein in sich geschlossener Zusammenhang von Wahrheiten: ein System. Aber dieses System, dieser Wahrheitszusammenhang war kein nur gedachter, sondern ein zuckend lebendiger; denn alle seine Wahrheiten waren zugleich erlebte, erlittene Wahrheiten. Und durch die tiefe Kraft des Erleidens ihrer Wahrheiten war Rahel nicht nur die große Kritikerin, sondern auch die große Trösterin, die in jedes Leid den allein lindernden Tropfen seiner eigenen Wahrheit zu gießen wußte.

In, dieser Verbindung von Leidens- und Wahrheitskraft war sie wie zur Freundin ausersehen: Freundin der Männer wie der Frauen. Viele große Freundesnamen verknüpfen sich mit dem Namen Rahels. Ihre hohe geistige Bedeutung, der tiefe Zauber ihrer Menschlichkeit wurden früh erkannt.

Man bewunderte, verehrte sie weithin. Und Rahel bedurfte dieser Anerkennung. Sie war der Strom, der ihr stets bedrohtes, stets gefährdetes Lebensschiff trug. Sie hätte ganz und leidvoll in den Abgrund ihres Seins versinken müssen, wäre sie nicht durch die Bewunderung und Verehrung der Menschen immer neu sich selbst entrissen worden: Diese Bewunderung war das Gegengewicht gegen die frühe Verletzung, die alle ihre Kräfte nach innen trieb, und zugleich eine immer erneute Lösung der beiden anderen Schicksalsfesseln, gegen deren Druck sie sich leidenschaftlich aufbäumte.

Als die eine dieser ursprünglichen Fesselungen ihres Lebens empfand Rahel es innerhalb des Kreises, in dem sie lebte, Jüdin zu sein. Ihr bedeutete auf lange Zeit hinaus das Judentum nichts als dies. Einmal hatte sie schon im Elternhaus keine lebendige Religion mehr vor sich gesehen; zum zweiten war sie ganz mit jenem Lebens- und Kulturkreis verwachsen, in dem die Wahrheiten und Wirklichkeiten der Religion zu Symbolen entwirklicht waren, in dem so die Kultur weithin zum Ersatz der Religion geworden war. Und schließlich kam zu dieser ästhetischen Auflösung aller religiösen Wirklichkeit als drittes noch die tief rationale Anlage von Rahels Natur hinzu, die ihr jede Festlegung auf ein bestimmtes Religionsbekenntnis unmöglich machte. So blieb ihr vom Judentum nur das soziale Ausgeschlossensein, und das Gefühl dieses Ausgeschlossenseins hat, so wenig Nahrung es eigentlich in ihrem Leben finden konnte, bei der geringsten Vernachlässigung, die ihr widerfuhr, ja auch ohne sie, in ihrem von Bewunderung und Verehrung getragenen Leben eine schmerzhafte Druckstelle erzeugt, die erst am Ende ihres Lebens ausheilte.

Diese tiefe Empfindlichkeit Rahels – die letzthin weit tiefer noch begründet ist als in ihrem persönlichen Schicksal – wäre doch zugleich nicht zu verstehen ohne den grenzenlosen leidenschaftlichen Glücksanspruch ihrer Natur. Diese Natur reich, übergewaltig, voll brennenden Schönheitsdurstes und überschwänglicher Glücksfähigkeit, war und verlangte in allem Leben das Ganze. Jede Grenze, jede Beschränkung, jede Andeutung eines Ausgeschlossenseins an irgendeinem Punkt mußte ihr das Unerträgliche sein. Rahel wußte genau, daß wie sie sagt, »von Natur ich zum Unglück nicht gemacht bin. Die war üppig stolz, übermütig vor Freude, als die Erde mich empfing; aber weiter ging es schlecht; daher der Bruch.« – Was aber diesen Bruch vielleicht am schmerzlichsten vertiefte, war die dritte Fessel, die Rahel ihrem Leben ursprünglich angelegt fühlte. Ihr fehlte das Lebensgut, das die eigentliche Machtquelle und der wahre Zauberstab der Frau ist und dies vor allem in Rahels Händen gewesen wäre: Schönheit. Jene beglückendste Schönheit vor allem, die Wohlgefallen an sich selbst ist. Rahels zierliche Gestalt und lebensprühendes Gesicht waren gewiß nicht ohne einen großen geistigen Reiz, nicht weniger als die Carolinens, die Bettinas – aber während Caroline und Bettina ihr eigenes Äußere entzückt ergriffen und seinen Reiz nutzten, erschien Rahel das ihre nicht nur unangemessen und völlig unfähig, ihren inneren Gehalt auszudrücken – sondern es war ihr geradezu zuwider. »Ich bin eine Falschgeborene und sollte eine Hochgeborene, eine schöne Hülle für meinen wohl ergiebigen inneren Grund sein« – dieser schmerzvolle Ausruf drückt die stets empfundene Dissonanz ihres ganzen Lebens aus. Sie fühlte, wie sehr ihr dadurch die Freiheit, die Leichtigkeit, die Selbstverständlichkeit des Handelns fehlte, die sie an ihrer Freundin Pauline Wiesel, der schönen blonden Geliebten des Prinzen Louis Ferdinand, so leidenschaftlich bewunderte, daß sie ihr einmal in einer verzweifelten Stunde schrieb:  »Es gibt nur Eine Tugend: Mut – aber unser Charakter liegt in unserer Gestalt; ich sehe nicht aus wie Sie, kann Ihren Mut nicht haben und Ihr Schicksal nicht.« So kam Rahel in dem Gefühl der Unangemessenheit ihres Äußeren auch die innere Schönheit: jene beglückende Harmonie des Lebens mit sich selbst abhanden, die Carolinens wie Bettinas bezwingender Zauber war.

Und Rahels ihr eingeborene leidenschaftliche und tragische Beziehung zur Schönheit vertiefte noch die Kluft zwischen Sehnsucht und Besitz. In dieser Kluft lag zweifellos der letzte Grund ihrer scheuen Zurückhaltung gegenüber Goethe, dessen hohe Schätzung ihres Wesens sie kannte und der sie selbst mehr als einmal aufsuchte.

Noch tiefer aber offenbart sich dies Verhängnis ihres Lebens darin, daß es sie nicht in der Reihe ihrer geistigen Freunde die Männer finden ließ, zu denen ihre größten Leidenschaften sie zogen. Man sucht das rätselhafte Geschick zu deuten, zu ergründen, das diese einzige Frau Männern, die weit unter ihr standen, gleichsam wahllos überantwortete: Männern voll äußeren Zaubers, edler Formen, schönen Gesichts – und es ist, als ob sie in ihnen gerade mit der letzten geheimsten Kraft ihres Seins die andere Seite des Lebens hätte suchen müssen: das, was sie am meisten liebte und was ihr am meisten versagt war – als ob in der Schönheit eines Gesichtes ihr das ewige Bild der Schönheit selbst erschienen wäre: jener ihr fernsten Göttin, nach der ihre Sehnsucht zeitlebens vergeblich ging. Ihre Liebe hat etwas von der sehnsüchtigen Beschwörung Helenas durch Faust; sie ist gleichsam der umgekehrte Pygmalionmythos, die eigentlich männliche schöpferische Form der Liebe: aus dem schönen Äußeren, das ihr das Schicksal entgegentrug, schlug sie mit bildender Kraft die innere Gestalt eines Menschen hervor, der nie gelebt hatte und nur durch ihre brennende Sehnsucht lebte. Vor ihm sank sie anbetend nieder.

Ihn, diesen selbstgeschaffenen inneren Menschen, strebte ihre Seele durch ihren Schöpferkuß zum Leben zu erwecken.

Und doch liebte Rahel nicht blind. Wenn sie einmal sagt, der antike Mythos habe darin geirrt, daß er den Gott der Liebe blind dargestellt habe, er sei vielmehr besonders klarsichtig, so hat sie von ihrer eigenen Liebe gesprochen. Denn ihr wurde nie die wohltätige Binde um die Augen gelegt, die die Liebe einer so gewaltigen Natur allein zu einer glücklichen hätte machen können. Mit hellwachen Augen mußte sie ihrer eigenen Liebe, ihrem eigenen Schicksal zusehen und doch war in ihrem hingebenden Herzen die tiefste Sehnsucht nach selbstvergessener Demut und Unterordnung angelegt, und niemand hat sich aufatmender, seliger, erlöster gebeugt als Rahel. In einer persönlichen Liebe ist ihr dies nie vergönnt gewesen. Denn schon in ihrem hingegebenen Liebes- und Schöpfertraum erblickte ihr ewig wacher Geist die Wahrheit. Sie sah sich selbst wie durch den Nebel ihres Traumes in ihrer wahren Lebensgröße vor der geliebten selbstgeschaffenen Seele knieen; sie sah unter sich klein und zusammenschrumpfend die Gestalt des wirklichen Geliebten. So wurde ihre Liebe Verzweiflung, Aber sie ergab sich nicht, sie gab nicht nach, sie rang, »die ihr übrige Liebe anzubringen«. Zu mächtig war die Schönheit des erblickten Bildes, zu groß der Zauber, der aus den geliebten Zügen auf sie eindrang – auch wenn ihn jede Äußerung des Anderen Lügen strafte.

Im Winter des Jahres 1795,24 Jahre alt, lernte Rahel den Grafen Karl von Finkenstein kennen, einen jungen Mann von blondem aristokratischem Äußeren, dessen Schönheit ihr Herz vom ersten Augenblick an verfiel. Auch er verliebte sich in Rahel; er fühlte, daß sie das Beste in ihm frei machte und ans Licht hob; er fühlte sich von ihrem Geist wie von einer Sonne angestrahlt. Sie verlobten sich. Aber sehr bald schon wird die Hohlheit, die Nichtigkeit seines Wesens gegenüber dem Rahels deutlich. Das Höchste wird ihm auf die Dauer unbequem und drückend. Das Drängen der gräflichen Familie, keine Bürgerliche, keine Jüdin zu heiraten, fällt auf fruchtbaren Boden. Sowie Rahel es merkt, zieht sie sich zurück. Sie löst die Verlobung. Aber noch lange geht die Beziehung hin und her. Unendlich schwer hat Rahel sich losgerissen. Noch nach elf Jahren, als Finkenstein sie, die längst durch andere Leidenschaften gegangen war, in anderen Beziehungen stand, besucht und unbefangen den Wunsch äußert, sie möge seine Frau kennenlernen, schreibt Rahel: »Dein Mörder! dacht ich... Tränen kamen mir in den Hals und in die Augen, daß ich ihn ganz ruhig, ganz beruhigt über mich sitzen sah. Wie eine ihm zugestandene Kreatur fühlte ich mich, er hat mich verzehren dürfen.«

Aber einige Jahre nach dem Bruch mit Finkenstein, 1802, trat erst der Mann in ihr Leben, dem ihre gewaltigste und erbarmungsloseste Leidenschaft gehörte: Don Raphael d’Urquijo. Er war Legationssekretär bei der spanischen Gesandtschaft, ein geistig einfacher, aber moralisch ernsthafter und korrekter Mensch von südlicher männlicher Schönheit. In seinem Gesicht lag für Rahel ein Zauber von solcher Gewalt, daß Himmel und Erde davor verblaßten. Sie selbst hat später dies vollkommene Verfallensein bezeichnet als ihre größte »turpitude«. »Dieser Fleck war faul«, schrieb sie. »Obgleich es die reinste Flamme war, die mein Herz verbrannte, von ihm selbst entzündet. Ich log. Die schönste Lüge, die einer wahren großen Leidenschaft. Ich log, um mir das Leben zu fristen. Ich log; ich sprach die Forderungen meines Herzens, die Gebühren meiner Person nicht aus, um das mörderische Nein nicht in Worten zu hören; ich ließ mich ersticken; ich wollte mich nicht durchbohren lassen: elende Feigheit; ich wollte, Unglückselige! das Leben des Herzens schützen. Ich stellte mich vor; ich stellte mich hinter; ich bog und bog und bog.« Sie verbog ihr ganzes Wesen, um dem Geliebten zu gefallen, ihm nur faßlich zu sein. Sie suchte, einfach zu scheinen, ruhig, gleichmäßig. Sie rang wie wahnsinnig mit ihm um seine Liebe.

Varnhagen hat später von ihren Briefen an Urquijo und von ihrem Tagebuch aus jener Zeit (die beide vernichtet sind) gesagt, daß, was von Goethe und Rousseau in dieserArt bekannt sei, nur selten an die gewaltige Lebensfülle dieser Blätter heranreiche, und daß vielleicht einzig in Rousseaus Briefen an Madame d’Houdetot, die er selbst als unvergleichlich mit allen anderen bezeichnet, ein ähnliches Feuer gebrannt haben möge.

Die Zeit der Verlobung mit Urquijo war die namenloseste Qual in Rahels Leben. Er, einfach und gerade, mit der primitiven Auffassung des Südländers von Liebe und Leidenschaft, war völlig unfähig, ein Geschöpf von den Ausmaßen und der Art Rahels zu begreifen, geschweige denn ihre Liebe, die sich wie ein unheimlicher Koloß vor ihm aufrichtete. Um so weniger, als er keineswegs hoch von sich dachte, sondern im Gegenteil gequält war von dem, was man heute Minderwertigkeitsgefühle nennen würde. So mußte es ihm vollkommen unverständlich sein, daß dies bewunderte, gefeierte Mädchen mit den vielen bedeutenden Freunden ihr Herz mit solcher Gewalt an seine unbedeutende Person hängen konnte. Er begann Rahe! und ihre Liebe zu fürchten; er strebte, sie zu kränken und zu demütigen; er ahnte, daß nicht er selbst es sein konnte, den sie liebte; er blickte um sich, hinter sich: er suchte seinen verborgenen, schattenhaften Rivalen: er quälte sie mit einer fast brutalen, sinnlosen und demütigenden Eifersucht.

Viele Jahre später hat Rahel von Urquijo gesagt, er sei ihr gegenüber so unschuldig gewesen wie das Beil, das einem großen Mann den Kopf abhaut.

Als sie sich nach schwersten Kämpfen und Demütigungen blutenden Herzens von ihm losriß, wußte sie, daß sie sich der Verzweiflung übergab. Daran, wie sie diese Verzweiflung auf sich genommen und überwunden hat, zeigt sich wieder klar ihr tiefer Wesensunterschied zu Caroline. Wir sahen, daß Caroline sich nie in die Tiefe eines Schmerzes völlig hinabsinken ließ, daß sie sich weigerte, bis auf den Grund zu leiden, sich vom Schmerz zerstören zu lassen; daß sie immer strebte, sich zu bewahren, weil ihre Lebensform die Form selbst war. – Ganz anders Rahel. Sie war im Grunde ihres Lebens nicht weniger sicher als Caroline aber ihre Sicherheit war nicht die des noch in der äußersten Leidenschaft festen und kühlen Herzens, sondern die der edelsten Leidenschaft selbst. Rahel bewahrte sich nicht. Sie gab sich ihrer Liebe, ihrem Schmerz mit einer Größe des Vertrauens ohnegleichen hin. Ihre Liebe war souverän, schenkend, königlich; sie war reich und überschwänglich wie ein wild blühender Baum, der seine Düfte fraglos dem Wind überläßt. Rahel besaß in seltenstem Maße die Kraft der Hingabe und des Vertrauens an die Mächte des Lebens.

Darum kannte sie kein Beiseiteschieben, kein Unterdrücken des Schmerzes, nur eine lebendige Überwindung. Überwinden kann man aber nur das, was man bis in die letzte Tiefe durchgelebt, ganz zu Ende gelebt hat. Auch Rahel war das Leiden, freilich in einem ganz anderen Sinne als Caroline, etwas Nichtseinsollendes: ihr war es nicht Zerstörung der Form, sondern Verwirrung und Verschüttung einer ursprünglich klaren und gesetzhaften Lebensordnung, die mit der Wahrheitskraft des ganzen Wesens zu durchdringen und aufzuheben darum für sie die mit dem Schmerz selbst unmittelbar gegebene Aufgabe war. Ihre ganze Natur drängt mit ursprünglicher Gewalt der durch das Dunkel der Verzweiflung verwischten und verlorenen Wahrheit und Klarheit zu, in der sie allein atmen kann. Ihr Geist arbeitet mit fieberhafter Kraft seiner eigenen Verletzung dem zerstörenden Andrang des Lebens entgegen; sie selbst spricht einmal von dem seelischen Leid als einer Wunde, die jedes Lebensprinzip fieberhaft entzündet. Niemals arbeitet ihr Geist kräftiger und hellsichtiger als im dunkelsten Leid. Es gibt nichts Erschütternderes, als inmitten des wehesten und klagendsten aller Briefe Rahels, wo ihr ganzes Leben zertrümmert zu ihren Füßen liegt, wo sie eine ganze Tränenflut über ihrem Herzen fühlt, das Wort aufgehen zu sehen: »Sie können sich das ewige Erblühen meines Lebens gar nicht denken.«

Entgegen also dem eigentlich menschenunwürdigen Weg zur Befreiung vom Leiden: dem Fortschieben und Vergessen, geht der Rahels: was sie frei macht, ist die alle Geisteskräfte aufrufende Erinnerung. Erinnerung als die Kraft der lebendigen Einverleibung, aber auch als die der Einbettung des Einzelnen in einen großen Gesamtzusammenhang des Lebens. Indem sie von sich sagt: »Darum bin ich nur so erschrocken, wenn mir etwas widerfährt, weil es auf ewig ist« – muß sie sich zugleich den Stachel wach und wissend immer tiefer ins Herz drücken, muß alle Zusammenhänge ihres Leidens sich klar und klarer machen, muß es in immer höhere und weitere Wesenszusammenhänge aufsteigen sehen und, unmittelbar im brennenden Leid über sich selbst hinausgeführt, erkennen: »und alles erinnert mich an alles. « So spricht sie vom Leben der Menschen, der Staaten in einem Atem mit ihrem wilden unergründlichen Schmerz; es ist alles dasselbe, alles aneinander angeschlossen, alles einander klärend; nichts erscheint ihr mehr einzeln, losgelöst vom andern; durch ihr Erinnern selbst dringt sie hinab in den Wahrheitszusammenhang der Dinge überhaupt.

Erinnerung: intensives Bewußtwerden der Lebenszusammenhänge als Heilkraft der Leidenschaft – zwei weit getrennte Namen steigen dabei vor uns auf: Spinoza und Freud. Und wirklich weiß Rahel bereits wie Freud – und wieder wie Spinoza: daß selbst physischer Schmerz nur Verwirrung ist, in die wir nicht einzudringen vermögen.

Beide aber: Spinoza und Freud, sind, wiewohl nach entgegengesetzten Seiten hin, der äußerste Gegensatz zu aller Romantik. Und dies Wissen stammt auch bei Rahel nicht mehr aus der romantischen Welt; es stammt aus einer noch tieferen, von der Romantik nur überdeckten und umgewandelten Schicht: aus der ursprünglichen Beziehung ihres Wesens zum Gesetz, auf der ihre ganze Weltanschauung letzthin ruht.

Man könnte diese Weltanschauung einen verlebendigten Spinozismus nennen; denn zugrunde liegt ihrem gesamten Erkennen und Wissen, wie dem Spinozas, die ursprünglich erlebte göttliche Gesetzlichkeit der Welt. Auch Rahel ist es wie Spinoza gewiß, daß der Grund der Welt reine Wahrheit ist, daß all die unendliche Wirrnis und Verwirrtheit der menschlichen Schicksale und Gedanken auf nichts anderem ruht als auf der Blindheit und Unwissenheit der Menschen. Und auch sie erkennt darum, daß all das Bittere, Verwirrte, Falsche, das wir selbst auf das Leben gehäuft haben, mit der Klarheit des Erkennens zu durchdringen unsere menschliche Bestimmung ist. Aber es ist ein anderes Erkennen. Während Spinozas Überzeugung und Lehre die ist, daß der ursprünglichen Göttlichkeit und Wahrheit der Welt der Geist nur durch immer reineres Denken sich annähern könne, sucht Rahel, als Schülerin Goethes, als Romantikerin den Weg zur Klarheit und Wahrheit mit ihrem ganzen Leben. Zerstreuung des Verwirrten und Trüben, das Erfahrung um uns häuft, geschieht ihr nicht allein durch die Kraft des Denkens, sondern durch lebendige Überwindung. Während Spinozas Geist sich von der Fülle des Lebens abwandte, wirft Rahel sich einem mutigen Schwimmer gleich mit der ganzen Kraft ihres Daseins hinein. »Man ergibt sich der Liebe – guter oder schlechter – wie einem Meere, und nun bringt Glück, Kräfte oder Schwimmkunst dich über; oder es verschlingt dich als sein. Drum sagt Goethe: wer sich der Liebe vertraut, hält er sein Leben zu Rat?«

Auch sie ergibt sich nicht blind. Sie erkennt die Gefahr. Aber sie weist das Schwerste nicht ab. Sie trinkt das Leben in seiner ganzen unsäglichen Bitterkeit hinunter – trinkt es ab vom reinen Kelch der Wahrheit. Und nun geschieht es: nun kommt das Wunderbare: »Unverhofft wird’s veilchenartig, aromisch, süß genug; und hell um uns her und ruhig . . . nach dem herben, mutverlangenden Abtrinken ist reiner Grund und Wahrheit da.« So wird ihr das Leid zur letzten Prüfung menschlicher Kraft. Es ist ihre tiefste Überzeugung, daß jeder, um bis an die äußersten Grenzen seiner Kraft geführt zu werden, in dem gekränkt werden müsse, was ihm das Empfindlichste, Unleidlichste sei. »Wie er da herauskomme, ist das Wesentliche.«

Diese Weltanschauung Rahels, der die Verwirrung durch Liebe und Leid zugleich der gewaltigste Stachel zur Klärung des Lebens ist, ist im Letzten getragen von einer eigentümlichen jüdischen Grundkraft, deren kein großer jüdischer Mensch je ermangelt hat: der über dem Abgrund selbst aufblühenden Kraft zur Freude: zu jener kühlen Seligkeit des amor Dei Spinozas wie zu der überschwänglichen brennenden Freude der Psalmen und des Hohen Liedes, jenem Grundgefühl, das die chassidische Mystik das Brennen nennt und das hier schon erlebt zu haben, sie als die Bedingung zur Erlangung der ewigen Seligkeit ausspricht.

Es ist die Freude im Gesetz, die reine himmlische Freude an der Göttlichkeit des Lebens selbst, deren Überschwang im Geiste, sobald er dem Leben rein zugewandt ist, heraufsteigt. Auch Spinoza war die Freude nur das Zeichen für das Beisichsein des Geistes, sein natürlicher Zustand. Und ebenso war für Rahel die Festlichkeit des inneren Überflusses, des über den engen Kreis des Persönlichen unmittelbar hinauslebenden Menschen, diese strahlende Beglückung im Geiste eins mit der Gewißheit, an der Wahrheit, am Weltgrund selbst Teil zu haben – wie sie in der Entfaltung des eigenen Wesensgesetzes gewiß war, das Gesetz der Welt selbst mitzuentfalten. Und hier, in diesem großartigen Gesetzes- und Wahrheitsoptimismus liegt aller persönlichen Disharmonie ihres Wesens zum Trotz dennoch sein unendlich tieferes endgültiges Gleichgewicht, ist ihr Leben, ihr selbst unbewußt, mit seiner Wurzel aus der leichten schwebenden romantischen Welt gelöst und der festen schweren Welt ihres Ursprungs verhaftet. – Aber damit bringt das Gewicht ihres Lebens das zarte Spinnengewebe der romantischen Welt selbst in Gefahr. Dies leichte Gewebe, in dem Carolinens schwebende Seele so ruhevoll hing wie die Spinne, die es hervorzaubert, mußte unter Rahels schwerer Seele erzittern und zerreißen, und ihre Seele selbst mußte sich in den schwankenden Fäden verwickeln und verwirren.

Die Welt der Romantik ist eine christliche Welt; sie ist es nicht nur durch die Hinwendung der meisten Romantiker zum Christentum: sie ist es ihrer geistesgeschichtlichen Struktur nach. Denn mit dieser ist sie tief in der christlichen Erinnerung verwurzelt: in der Erinnerung daran, daß einmal das Göttliche im Irdischen Wirklichkeit geworden ist in dieser fundamentalen Erinnerung, die in immer neuen Abwandlungen das ganze Geistesleben des Abendlandes bis in seine spätesten ungläubigen Epochen hinein bestimmt.

Die schwebende Leichtigkeit der Romantik stammt daher, daß in ihr diese Erinnerung ganz in Geist gewandelt wiederkehrt, d.h. nicht als Erinnerung der gläubigen Seele an den realen, einmal erschienenen Gottmenschen – sondern als mystisches Vertrauen der bereits ungläubigen Seele zu der Göttlichkeit der menschlichen Seele überhaupt – als Vertrauen also zu ihrer eigenen Göttlichkeit – wie wir es am unmittelbarsten in Carolinens Leben verwirklicht finden.

Dies Vertrauen zu ihrer eigenen Göttlichkeit ist der jüdischen Seele fremd. Für sie ist das Göttliche nie in das Irdische eingekehrt; sie ist für immer dem Gebot des Gottes treu geblieben, von dem ein Bild im irdischen Stoff sich zu machen verboten ist. Damit ist sie im Irdischen heimatlos geblieben. Sie lebt nicht in der endlichen Erinnerung, sondern in der unendlichen Hoffnung – ist reine Sehnsucht, ist selbst der unüberbrückte Abgrund zwischen dem Hier und dem Dort.

So kann für den jüdischen Menschen die Selbstgewißheit der romantischen Seele, das Vertrauen auf den Gott in der eigenen Brust immer nur ein geliehenes sein; die innere Stimme tönt hohl und fremd aus einem Sein herauf, das nicht Gewißheit ist, sondern Abgrund: für Gott geöffneter, von ihm leer gelassener Abgrund. Denn den übermächtigen Gott der absoluten Ferne kann die Seele in der romantischen Welt nicht mehr finden. So hängt sie hier völlig im Leeren. Der Geist, durch den sie an der Romantik teilhat, verschleiert ihr ihre Lage; aber ihre Sehnsucht kann er niemals stillen. Dieser vom Geist verdeckten Gottsehnsucht aus dem Abgrund der Leere entspringt die romantische Liebe der jüdischen Seele, die in einer Welt ohne Gott, in der alles allein auf die ihr wesensfremde Göttlichkeit der einzelnen Seele gestellt ist, hoffnungslose Leidenschaft ist.

Denn was die Seele über sich nicht mehr findet, was sie in sich selbst nicht finden kann, das sucht sie nun im Anderen. Und so erscheint ihr in ihm dennoch das Bild, das sich zu machen verboten ist. Der radikale Fremdling auf Erden glaubt eine Heimat gefunden zu haben – nicht in sich selbst: im göttlichen Spiegel seines Selbst. Und er stürzt sich in diesen Spiegel – nicht wie Narziß, den schmeichelnd mit ziehenden Wellen sein eigenes Bild umfängt – sondern als ein Rasender, der den fremden gläsernen Spiegel, dem er sich entgegenwirft, mit der Gewalt seines eigenen Sturzes zertrümmert und als ein Todwunder in ihm hängen bleibt. Denn in das Bild, das aus ihm der Seele entgegenstrahlte: ihr Bild und zugleich – und je schöner es ist um so mehr Bild Gottes, warf sie ihr Ziel: das ungeheure nur jenseits der Welt zu erreichende Bild ihrer Hoffnung. Der versteht die Liebe Rahels, die Liebe der jüdischen Seele in der Romantik nicht, der meint, es könne in ihr ein Rückhalt und Vorbehalt gegen ihre Liebe sein. Wo er dennoch ist, da ist er Qual und Verrat an ihr selbst. Nur restlose, bedingungslose Hingabe kann diesem Dienst an der Vertretung des absoluten Ziels genügen.

Und da der Weg Dorotheas: ihre schrankenlose Liebe einmünden zu lassen in eine große religiöse Welt, Rahel aus einem anderen Wahrheitsgefühl heraus versagt war, so wurde bei ihr die Liebe notwendig zu jener »Anstrengung der Leidenschaft, die uns übrige Liebe anzubringen«, die jedes ihrer Liebesschicksale Rahel auferlegte. Denn diese übrige, ewig übrige, überschüssige Liebe kann im anderen Menschen gar nicht den ihr angemessenen Gegenstand finden, weil sie im Grunde immer Gott meint. Und wenn Rahels Liebe sich mit blinder Gewalt bloßen Bildern ihrer Sehnsucht entgegenwarf, denen sie allein Wert und Wesen lieh, so erscheint dies als die tragisch reine Vollendung des mit ihrem Sein ursprünglich gegebenen Schicksals. So ist die Romantik Rahels nicht eine in der vergeistigten Erinnerung wurzelnde der stillen Sicherheit – sondern eine in der entleerten Hoffnung wurzelnde der reinen Leidenschaft. Nicht erlösend für sie selbst und für die Menschen, wie die Romantik Carolinens, sondern den Urgrund des Lebens, die Übermacht der Gewalten erschließend wie ein Erdbeben, wie ein Unwetter, in dem die Allmacht Gottes vorüberzieht. –

Und doch – das ist das seltsam Unheimliche in Rahels Leidenschaft – ist dies gewaltige Geschehen eben als Romantik auch schon zuvor entwirklicht. Rahels Gestalt ist der romantischen Welt so tief und unentrinnbar eingeordnet, daß all ihr Leben und Lieben durch sie reine Innerlichkeit geblieben ist. Damit hat sie die ganze Sturmflut ihrer Leidenschaft zurücknehmen müssen in ein Leben, das sie seiner Art nach nicht in sich fassen konnte – und dies ist sicher der allerletzte Grund der durch ihre persönlichen Schicksale nur verstärkten Disharmonie und Verzerrung ihres Wesens.

Sich selbst anzuschauen, zuzuschauen wie alle Romantik, war diesem Geschehen gegenüber notwendig eine unerträgliche Verzerrung. Wer hielte einem Erdsturz, einem Unwetter den Spiegel vor? Gerade dies aber hat Rahel unablässig getan. Dies Übermaß von Leidenschaft in den Geist zurückzunehmen, wäre nur in einer ganz großen schöpferischen Gestaltung denkbar gewesen. Im persönlichen Leben festgehalten und in ihm angeschaut, konnte es nur Verzerrung und Sprengung bedeuten. Und wenn Rahel von sich selbst sagt: »Gestern habe ich erfunden, was ein Paradox ist: eine Wahrheit, die noch keinen Raum findet, sich darzustellen und darum mit einer Verrenkung hervorbricht« – so können wir heute sagen, daß ihre Wahrheit nicht so sehr eine geschichtlich verfrühte, wie eine in der geschichtlichen Welt, in der sie lebte, grundsätzlich undarstellbare war.

Darum sank alles, was in Rahels Leben nicht verzerrt, verrenkt, übermäßig ist, weit unter seine ursprüngliche Gewalt herab. Das Religiöse, über das sie so unendlich tiefe Wahrheiten ausgesprochen, das sie im Geist so innig angerührt hat, ist in ihrem Leben bis zu einem Grade romantisiert, daß es kaum mehr eine Bedeutung für ihr wirkliches Dasein besitzt. Wenn sie zuletzt so schlicht zu Gott findet wie ein müdes Kind am Abend nach Hause – so fragen wir uns unwillkürlich, auf welche Mächte ihres dunklen stürmischen Lebens dieser sanfte erbarmende, romantisierte Gott, der nicht wie der Gott der großen Religionen zerschmettert und erlöst, überhaupt antworten konnte; ob er imstande gewesen wäre, einer einzigen der wirklichen Gewalten ihres Lebens standzuhalten, geschweige denn sie sich zu unterwerfen.

Nicht ihre Leidenschaft: dieser wirkliche Urquell ihres Seins ist es, der sie diesem Gott entgegenführt – sondern die Beruhigung ihres Schicksals, die Dämpfung ihrer Kämpfe, die vollkommene Einordnung in eine Welt, die immer nur die Heimat ihres Geistes, nicht die ihrer Seele war. Ihr späteres Schicksal selbst, das sie rein auf die Ruhe des Lebens im Geist stellte, mag sie solcher stillen Teilhabe an einem Gott des reinen Erbarmens und Friedens zugeführt haben. Denn auch in ihrem Leben war, nachdem das Bittere und Trübe, die grenzenlose leidvolle Verwirrung abgetrunken war, Klarheit und begütigender Frieden. Das Ende ihres Lebens ist sanft und versöhnend. Ihr letztes Liebesschicksal schließt mit leiser Hand ihre immer wieder aufgerissene Lebenswunde.

Als wiederum nach Jahren, 1808, der vierundzwanzigjährige Varnhagen von Ense die um 14 Jahre ältere Rahel kennenlernt, da fühlt er sofort sein ganzes Wesen vonihr erschüttert. Unerschöpflich strömen vom ersten bis zum letzten Augenblick Worte glühendster anbetendster Bewunderung über das Außerordentliche, das ihm in ihr erschlossen wurde, aus ihm hervor.

Die Beziehung zwischen Rahel und Varnhagen knüpfte sich schnell; sie ruhte ganz auf seiner reinen unbedingten Verehrung. Varnhagen selbst war – trotz aller geistigen Gaben – keine ursprünglich hohe Natur; er fühlte sich Rahel in jeder Hinsicht – vor allem aber in dieser grundlegenden tief unterlegen. Aber er vermochte, das Hohe, wo es ihm begegnete, zu erkennen und zu verehren – und was mehr ist: aus dieser verehrenden Erkenntnis heraus mit allen Kräften seines Wesens sich ihm entgegenzubilden. »Du bist der bildungsfähigste, wenn ich nicht sagen soll, der gebildetste Mensch«, schreibt Rahel, die ihn im Anfang oft hart getadelt hat, ihm später einmal; und sie bezeichnet diese seine Bildung im Gegensatz zu der natürlich strömenden eines Novalis und ihrer selbst als »einen edlen Aktus des ganzen moralischen Daseins.«    

Aus diesem edlen moralischen Aktus, aus dieser unendlichen Bildungsfähigkeitheraus hat Varnhagen auch die seltene Kraft besessen, die Überlegenheit Rahels zeitlebens zu ertragen. Es geschah in der Gesinnung, die Varnhagen nicht müde wird, mit Worten wie diesen auszudrücken: »Ich weiß keine Erscheinung, keinen Dichter, keinen Helden, der mir größer wäre, als ich dich sehe: und du, diese Rahel, als in bezug auf mich betrachtet, löscht alles andere, was sich aus diesem Gewühl auf mich bezieht, völlig aus. Ich beteuere es vor Gott, daß die größte Gunst, die mir zuteil geworden ist, die ist, dich erkannt, dich empfunden zu haben.«

Wie hätte diese grenzenlose Verehrung und Liebe Rahels Herz nicht auftauen sollen? Hier zum erstenmal fühlte sie, die Vielbewunderte, aber kaum je in vollem Umfang Verstandene – und nie zugleich Bewunderte und Geliebte – sich zugleich verstanden, bewundert und geliebt. Und diese Liebe entspannte langsam all die schmerzenden Widersprüche und Zerrungen ihres Lebens. Nun endlich erhält die im Schatten und in der Dürre verschmachtende große Blume Nahrung, reiche überschwängliche Nahrung, die sie durstig eintrinkt. Niemals wurde ihr Varnhagens Bewunderung zuviel. Wir erschrecken zuweilen über das Übermaß von Bewunderung, das sie erträgt. Sie erträgt es, weil sie es braucht, weil es sie heilt, weil es in ihrem Leben ein Surrogat dessen war, worauf ihr Leben von früh auf gestellt war: der großen Liebe. Ein Wort wie das Varnhagens: »O Rahel, wie bist du! Ich versenke mich in Nachdenken über dich! Aus welchen Quellen hat dich die Natur geschöpft? Sie eröffnete tausend Kristallbrunnen, tausend Flammenhöhlen, ich müßte in jede hinabgehen, um dich zu ergründen; deine Sinne, deine Gedanken, deine Herzensempfindungen sind Riesenblüten der Natur in das Zwergengeschlecht der Geschichte gedrängt« – ein solches Wort mag Rahel, der niemals wahrhaft Erschlossenen, die die ganze Übermacht eines gewaltigen, zerstörten, nie zu seiner wahren Wirklichkeit gelangten Lebens in sich brennen fühlte, nur gerecht, nur wahr erschienen sein. Sie selbst wurde ja nicht müde, das Wunder ihres eigenen Seins anzustaunen. Alle Fülle, alle lebendige Wahrheitskraft ihres Wesens, all sein Blühen und Brennen, seine Kraft und Seligkeit läßt sie in immer neuen Flammengarben vor sich selbst und vor den anderen aufschießen. Aber wenn uns dies oft fremd berührt – in diesem Selbstgenuß Eitelkeit oder Verschiebung der Maße zu sehen, wäre falsch. Wirklich zu verstehen ist diese Haltung Rahels doch erst im Zusammenhang mit Äußerungen von ganz anderer Art wie dem qualvollen Aufschrei: »Nie kann mein Gemüt in schönen Schwingungen sanft einherfließen, wozu dies Schöne in der Tiefe meines geistigen Seins wie in den tiefen Eingeweiden der Erde verzaubert liegt. O Gott! jede Äußerung – und je kräftiger sie ist! – ein Schmerz!...

Wie richtig, Geliebter – und wie traurig! – vergleichst du mich – wie überaus witzig! nie hat man etwas erschöpfend Ähnliches über mich gesagt!! – vergleichst du mich einem Baume, den man aus der Erde gerissen hat, und dann seinen Wipfel hineingegraben; zu stark hat ihn die Natur angelegt! Wurzel faßt der Wipfel, und ungeschickt wird Wurzel zu Wipfel! Das, Lieber, leider! leider! bin ich.« – So erscheint hier jene ursprüngliche zentrale und schicksalhaft wiederholte Verletzung von Rahels Wesen wieder, zu der die Voraussetzung so tief in ihrem Sein selbst angelegt war, daß sie nur das Grundverhältnis ihres Daseins zu ihrer Welt nachzuzeichnen und es noch gewaltsamer und grausamer auszuprägen scheint. Und so erkennen wir in dieser ursprünglichen Wunde die wahre Quelle ihrer Selbstvergötterung wieder. Im Kern getroffen und schicksalhaft immer wieder getroffen, vermochte sich ihr Leben nur aus der schrankenlosen eigenen und fremden Anerkennung ihres Wertes wieder aufzubauen.

So ist sie von tiefer Dankbarkeit gegen den erfüllt, der ihr Leben von seinem Zentrum her wieder aufgerichtet hat. »Du bist der Einzige in der Welt, der mich liebte, der mich behandelte wie ich andere«, welche Welt von Schmerz bricht in diesen Worten der großen gefeierten Frau an den späten Geliebten auf: .»Ja«, fährt sie fort, »ich bekenne es dir gerne, mit dem ganzen Drang der Erkenntlichkeit: von dir lernte ich Geliebtsein, und du hast Neues in mir geschaffen... Freue dich, wenn du wirklich etwas von mir hältst, und mein Leben und Sein für ein außerordentliches nimmst: du hast es zu einem menschlichen gestempelt.«

Und so konnte Rahel nach langen Jahren erst der Kämpfe, dann des Wartens und häufigen Getrenntseins mit Ruhe und Freudigkeit im Herbst 1814 ihr Leben für immer mit dem Varnhagens verbinden. »Wie könnte mit Dir ein Verhältnis nicht schön sein«, schreibt er ihr kurz vor der Heirat, »selbst wenn wie an diesem tausendjährige Gemeinheit zerrt!«

Gewiß war das Verhältnis schön und ohne Mißklang. Und doch war diese Ehe keine Heimkehr ihres Geistes und ihrer Seele, wie es die letzte Ehe Carolinens war; aber ihr verwundetes Herz fand in ihr Ruhe und Trost, ihr Geist anbetende Ergebenheit, ihr schwacher Körper zarteste Schonung und sie selbst Erfüllung aller ihrer Sehnsucht nach Schutz, Sorglosigkeit und Geborgensein. Denn auch äußerlich hatte Varnhagen, der sich aus bescheidensten Verhältnissen durch Begabung und Fleiß zu einer hohen diplomatischen Stellung emporgearbeitet hatte, ihr nun ein glänzendes Los zu bieten. Ihr Haus wurde wieder zum Mittelpunkt eines großen Kreises bedeutender auserlesener Menschen. Und immer wieder ermahnt Varnhagen sie, nicht zu sparen, sich alles nur Erdenkliche zu gönnen. Und sie, die Zarte, Schutz bedürftige, die Übersensible, für jede Schönheit, jeden Reiz des Lebens so unendlich Empfängliche, hat dies immer wieder mit tiefer Dankbarkeit empfunden.

Und so versöhnt war sie zuletzt mit dem Schicksal, so sehr waren alle Dämonen ihres Lebens zur Ruhe gegangen, daß sie auch ihre jüdische Abstammung zuletzt als Beglückung, als eine Bereicherung ihres Lebens empfand. Nicht im religiösen Sinne, aber als ein in die Gesamtheit ihres Lebenszusammenhanges aufgenommenes Geschick. Auch Rahel, wie Dorothea, ließ sich um ihrer Ehe willen taufen; aber während Dorothea dadurch eine neue Lebensbasis gewann, blieb Rahels Leben davon wie von einer nur äußeren Veränderung völlig unberührt. Reiner als alle Romantiker hat sie die Weltlosigkeit des frühromantischen Gedankens auf seine Spitze geführt und nie den Weg in irgendeine Welt gefunden. Sie mußte bis zuletzt einzig sich selbst gewachsen bleiben.

Denn auch ihr Leben mit Varnhagen war doch im letzten Grunde nur eine Steigerung ihrer inneren Einsamkeit. Wie eine Göttin hob er sie empor auf ein Piedestal, hoch in ihr eigenes Leben hinein, das er wohl zu begreifen und zu verehren – aber letzthin doch nicht zu teilen vermochte.

Ein Jahr nach Goethe – im März 1833 – ist Rahel gestorben. Das ergriffene Lob der Besten ihrer Zeitgenossen: eines Goethe, eines Jean Paul, eines Schleiermacher, eines Heine, eines Alexander von Humboldt umleuchten ihre Gestalt. Und nicht wenige mochten wohl dem Urteil ihres jungen Freundes Alexander von der Marwitz zustimmen: »Sie mag wohl jetzt das größte Weib auf Erden sein.«

Rahel war groß und sie war einzig. Groß und einzig vor allem darin, daß die leidenschaftliche Wahrheitskraft ihres Geistes in ihrem Leben und Denken nichts von persönlicher Einsicht nicht restlos Durchdrungenes duldete, so daß bei aller unermeßlichen Fülle von Inhalten und Anschauungen, die sie konstituieren, sie doch als eine völlig selbständige klare Gestalt vor uns steht. Aber die Selbständigkeit ihres Geistes wurde im Leben Isolierung. So sehr Rahel um überpersönliche Lebenszusammenhänge wußte, sich dem Weltgrund verbunden und aus ihm lebend erkannte – sie lebte doch ihr Leben in seiner Fülle und Bedeutung, als ob sie sich selbst erschaffen hätte. Nie hat ihr Sein wie das aller großen männlichen Geister der Romantik den Grund berührt, wo es sich selbst zur Frage wurde. Und dies, was bei Caroline die stille Sicherheit einer Welt selbst war, mußte bei Rahel, bei der es aus dem Geist stammte, zur metaphysischen Selbstüber steigerung werden. Wohl hat gerade Rahel in ihrem intensiven Ringen um eine Gestaltung ihres Lebens aus der Wahrheit mächtig an das Problem des lebendigen Existierens gerührt; aber gerade sie blieb auch rein und wie versteinert im Anschauen ihres eigenen Daseins gefangen. Und so ist gerade sie am tiefsten dem romantischen Sündenfall verfallen: der Metaphysizierung des eigenen Ich. Die streng überpersönliche Ich-Idee des Idealismus hat sie wie kaum einer der Romantiker in das persönliche Ich des Jetzt und Hier herabgerissen. Und diese romantische Selbstmetaphysizierung wurde bei ihr darum so endgültig verhängnisvoll, weil ihr völlig der Weg zu den beiden entgegengesetzten Überwindungsversuchen der Romantik fehlte: zur Ironie und zur Einordnung in einen bestehenden Religionskreis.

Zur Ironie, die Caroline so lieblich zu leben wußte, fehlte Rahel die leichte schwebende Selbstsicherheit der Seele im Göttlichen, die unmittelbar allem Einzelnen seinen letzten Ernst nimmt. An dem anderen Weg über ihr persönliches Dasein hinaus: dem in eine allgemeine Religionsgestalt hinderte sie gemäß der geschichtlichen Paradoxie, in der sie lebte, gerade ihre ursprüngliche Verwurzelung im Gesetz, die in der entgotteten modernen Welt als abstrakter rationalistischer Verstand, in der Romantik als rein inneres Gesetz wirkte.

Es hätte nur einen Weg gegeben, auf dem Rahel sich unbedingt zu überschreiten vermocht hätte: eine große erfüllende lösende Liebe. Aber diese Selbstüberschreitung wäre bei Rahel Selbstauflösung geworden. Und so erscheint es noch einmal als letzte Notwendigkeit wieder, daß gerade dieser Weg ihr von einem Schicksal verschlossen wurde, das ihr an Stelle der Liebe immer wieder die ungeheure Anstrengung der Leidenschaft auferlegte, daß immer wieder ihr Herz in sich zurückgeworfen wurde und keine Macht sie sich selbst zu ihrer wahren Blüte und Frucht entrissen hat.

So trieben, wie sie selbst es früh erkannte, all ihre Kräfte nach innen, in ihr eigenes Selbst zurück und überfüllten es in seinem Kreislauf. Wurzel wurde zu Wipfel. Rahel hat nicht nach den schlichten ewigen Lebensgesetzen die breite schattende Krone eines großen Werkes oder eines ganz erfüllten Lebens aus ihrer herrlichen starken Wurzel entfalten dürfen, sondern nur ihr unterstes persönlichstes Sein in einer Welt, in der es keinen Raum haben konnte und schon durch sein Übermaß beängstigend wirkte, unverwandelt der Luft, dem Himmel, dem Blick der Menschen dargeboten. So erschreckt sie uns: das Allzupersönliche, das Übermaß des Persönlichen stößt uns in seiner Größe selbst zurück.

Rahels große Gestalt ist mit der durch Natur und Geist und Schicksal zugleich in ihr angelegten einsamen Tragik gerade für unser heutiges Gefühl das, was man in der bildenden Kunst »übermodelliert« nennt. Eine Übergestaltete hat sie Brentano genannt. Dadurch daß sie sich nirgends selbst begrenzt, sich in keinen Weg zu einem gemeinsamen Ziel, in keine gemeinsame Lebensform eingefügt hat, daß sie mit keiner Arbeit, keinem Beruf, keinem Werk, mit keinem Tun oder Bekennen sich in den gemeinsamen Lebenshintergrund eingeordnet hat, daß die Überfülle weder ihres Lebens noch ihres Geistes den Ausweg gefunden hat in eine Form, blieb für sie der ganze Gehalt des Lebens um das Phänomen ihres persönlichen Daseins konzentriert. Es erscheint fast wie symbolisch für Rahels Schicksal, daß ihr die Einordnung in das allgemeine Leben selbst in der einfachsten naturgegebenen Form versagt war: daß sie zu ihrem Schmerz nicht Mutter werden durfte.

Wurzel wurde zu Wipfel. Nicht das Maß, die Vollendung, die natürliche Harmonie des Lebens mit dem Leben waren der Sinn von Rahels Dasein, sondern das Übermaß und seine Qual. Und wenn wir in dem späten Wort ihres Freundes Gentz: »Sie allein sind, bei dem lebendigen Gotte, Ihr ewiger Typus und Archetypus«, eine hingerissene Bestätigung ihrer metaphysischen Selbstanschauung finden, so erkennen wir auch, ihr Leben überblickend, wie teuer diese überwältigende Einzigkeit Rahels bezahlt ist. Die Weltgerechtigkeit selbst scheint sich in ihrer ergreifenden, durch Anlage und Verhängnis, durch persönliches und geschichtliches Schicksal gleich mächtig gezeichneten und ausgezeichneten Gestalt zum Wort zu melden. Ein Wort, das der alte Alexander von Humboldt lange nach ihrem Tod und ohne Bezug auf sie an Varnhagen schrieb, hat sich an Rahel bewahrheitet: »Soviel in einer Person kann zum Übel führen. Der Weltlauf erträgt vieles nicht, am rächenden Kompensationssystem von Freude und Leid.«

 

 

Bettina

 

 Aber göttlich und außerordentlich

reimt sich

Bettina

 

Wie in dem Leben Carolinens so ist auch in dem Bettinas ein romantisches Frauendasein aus dem eigenen Inneren gestaltet. Das pflanzenhafte Emporwachsen aus vorgegebenem Keim ist dem Leben Carolinens und dem Bettinens gemeinsam. Aber der Keim selbst ist ein verschiedener. Während er bei Caroline der mystische Mittelpunkt ihres ganz persönlichen Daseins war, aus dem sie lebte, war es bei Bettina der schöpferische Geist.

Nur in jenem einen geschichtlichen Augenblick und in dieser einen sogearteten Persönlichkeit war dies Phänomen möglich: daß der Geist, der reine, in sich selbst ruhende romantische Geist zum subjektiven Leben selbst werden konnte. Denn Bettinas Leben umspannt bereits in seiner Ursprünglichkeit den ganzen geistigen Gehalt der romantischen Welt. Sie, die achtzehn Jahre später als Caroline geboren war, hatte von der Romantik gleichsam nichts mehr zu empfangen; sie war als Romantikerin schon geboren. Sie scheint überhaupt nichts von außen zu ihrer Vollendung aufnehmen zu müssen; wie eine große lebendige Pflanze schießt sie fertig in hinreißender Blüte aus dem Boden der Romantik empor. Es ist das Eigentümliche, das vollkommen Einzige dieses Lebens, daß in ihm der Geist nicht weniger reine Unmittelbarkeit ist, als es in dem Leben Carolinens der persönliche Mittelpunkt war. Denn er lebt in ihr nicht abgelöst, personlos; er lebt in ihr als rein subjektive persönliche Macht. So ist nur die Art der Unmittelbarkeit verschieden. Bettinas Dasein zeigt nicht jene still in sich ruhende mystische Gewißheit, die sich selbst nicht aussagt, die nur aus sich lebt; es ist vielmehr wie ein unablässig strömender Quell, der aus dem Innern der Natur, des Lebens selbst emporsteigt und alles um sich her mit seinen Strahlenperlen überschüttet.

Darum ist hier dem Geist seine Bahn mit nicht minderer Sicherheit und Unentrinnbarkeit, ja, mit noch größerer Klarheit vorgezeichnet als dem Leben Carolinens. Selbst die Verwirrung des Augenblicks bleibt Bettina erspart, weil alles in ihrem Leben schon ursprünglich vom Geist vorgeformt und durchleuchtet ist.

Aus der reinen Unmittelbarkeit dieses Lebens, das niemals abstrakt, niemals allgemein, niemals von außen her, nie mit irgendeiner Absicht – sondern immer mit einer unmittelbaren sinnlichen Gegenwärtigkeit die Dinge ergreift, quillt das eigentümlich Schlagende, Auftreffende, aber auch das oft Seltsame, Bizarre und in alldem immer Überraschende von Bettinas Äußerungen. Es sind Äußerungen eines immer einzig sich selbst aussprechenden, um alles von Menschen Gesetzte unbekümmerten Wesens. Bettina geht nicht auf gebahnten Wegen; sie fliegt. Der Geist hat ihrem Leben die Schwingen gelöst. Wie im Märchen, wie im Traum hat es die allgemeine Straße verlassen, hängt es sich in Bäume und Blumen, in Wolken und Luftgebilde, in Gestalten und Geister und blickt uns daraus mit verzauberten Traumaugen an: mit den großen, überwirklichen Traumaugen der Phantasie.

Wenn Gott der Phantasie selbst geboten hätte auf die Erde herabzusteigen – sie hätte Bettinas Art und Wesen annehmen müssen. Die Phantasie ist bei ihr nicht wie beim schaffenden Künstler nur eine Grundkraft ihres Lebens sondern Bettina selbst lebt das Leben der Phantasie und ist Phantasie. Sie ist wie sie tief und grundernst, und sie ist wie sie voll Schabernack und Mutwillen; sie ist quellfrisch und ewig jung wie die Phantasie, und sie ist wie sie uralt und von jeher. Sie ist wahr wie die Phantasie, und sie lügt wie die Phantasie. Alles Große und Erhabene ist ihr nah und vertraut, und im Allerkleinsten findet sie die tief verborgene, nur dem Sonntagskind erschlossene Schönheit. Und nur eins fällt vollkommen aus ihrem Leben heraus: das Mittlere und das Mittelmäßige. Ihm gegenüber und seinem angemaßten Ernst hat Bettina immer nur eine Haltung gekannt: einen unbezwinglichen übermütigen Humor. Niemals hat sie den Ernst der Alltagswirklichkeit anerkennen können, die, in keiner Weise vom Geist und von der Wahrheit betroffen, zugleich das Allgemeine und das Nichtige und so als das sich selbst nicht Durchschauende das schlechthin Komische ist. Über diese sogenannte Wirklichkeit fliegt sie auf den bunten Traumflügeln ihres Humors lachend hinweg.

 

»Über Täler und Höh’n,

Durch Dornen und Steine,

Über Gräben und Zäune,

Durch Flammen und Seen

Wandl’ ich, schlüpf’ ich überall,

Schneller als des Mondes Ball.«

 

 Dies Wort des Shakespeareschen Elfen drückt vollkommen den Rhythmus von Bettinas Wesen aus. Ihr ganzes Leben ist wie ein einziger aus der Allgegenwart des Geistes gesponnener Sommernachtstraum. So war ihr eine Wahrheit ursprünglich gegeben, die, auf das gewohnte Leben angewendet, es in seiner ganzen eselsköpfigen Komik und Behextheit erscheinen ließ. Und jederzeit vermochte Bettina die Verwirrung dieses Lebens durch die Kraft ihres Geistes aufzuheben. Mit ihrem ganzen Wesen schien sie in jedem Augenblick zu sagen: »Rund um die Erde zög’ ich einen Gürtel in vier mal zehn Minuten.« Ihre eidechsenartige körperliche Flinkheit, ihre Leichtigkeit und Behendigkeit, das stets Wechselnde und schwer Faßbare ihrer Erscheinung kam ihr dabei zu Hilfe und ließ sie noch mehr jenem wirbelnden Poltergeist gleichen, der die Menschen lachend übersieht und sich nur zum Spiel unter sie mischt. Sie zwickte und zwackte die Menschen, wo etwas nicht ganz stimmte; sie lockte und rief bald hier, bald dort, daß niemand aus ihr klug wurde. Sie führte alles Leben lachend und unbekümmert auf Kreuz- und Querwegen und offenbarte ihm so seine Komik und Verwirrtheit; aber sie war auch gut und großmütig wie der Naturgeist.

Mit diesem immer und überall verblüffenden Lebensrhythmus war Bettina den Menschen schwer verständlich und den meisten – keineswegs nur den alltäglichen unter ihnen – schwer erträglich. Sie verschmähte es durchaus, auch in ihrem äußeren Verhalten sich den Menschen anzupassen; sie gab ihrer Gesinnung in jedem Augenblick unbekümmert Ausdruck. Sie hatte einen unbeschreiblichen Abscheu gegen alles Gewöhnliche und einen übertriebenen gegen alles Übliche, das auf den Krücken des Althergebrachten ging. Das ging so weit, wurde so abstrus, daß sie sich in ihrer Jugend selten wie andere Menschen auf Stühle setzte, sondern meist auf Schemeln oder sonstwo hockte. »Unter dem Tisch ist sie öfter zu finden wie darauf, auf einem Stuhl niemals«, schreibt Caroline, als sie Bettina vierundzwanzigjährig kennenlernte. Und selbst einer so stark das Ungewöhnliche auffassenden und von ihm angezogenen Natur wie Caroline erschien Bettina in all ihrer reizvollen Beweglichkeit wunderlich: natürlich und verschroben zugleich. Sie spricht von dem Brentanoischen Familienübel: einer zur Natur gewordenen Verschrobenheit.

Überhaupt haben Mitlebende und Nachlebende gleicherweise Bettina um ihrer sprunghaften Überlebendigkeit und Unberechenbarkeit willen oft ihre Anerkennung ver-sagt. Wie sie selbst sich immer durch Abneigung und Abweisung ihren Weg bahnen mußte, so muß man sie heute aus einem ganz [sic] Wust von Urteilen und Vorurteilen der Literaturgeschichte befreien, um den Weg zu ihrem Wesen zu finden. Und Bettina selbst hat uns reichliches Material zu ihrer Beurteilung hinterlassen: in ihrem sechsbändigen Werk.

Auch dies Werk besteht aus Briefen und Tagebuchaufzeichnungen; aber es sind Briefe anderer Art als die nur unmittelbaren persönlichen Lebensäußerungen einer Caroline und selbst einer Rahel. Es sind von Bettina nachträglich gesichtete, bearbeitete Briefe: »Briefromane«, wie sie treffend genannt worden sind: romantische Ideendichtungen, die sich um ein persönliches Zentrum anordnen.

Mag diese Gattung an sich etwas Zwitterhaftes haben – der Sprachstil erhebt sie zur reinen Dichtung. Die Sprache dieser Dichtungen ist vollkommen einzig, von einer naturhaften Ursprünglichkeit und geistigen Lebendigkeit, von einer leichten heiteren Schönheit und Frische, einer Sinnlichkeit und Geistigkeit, wie wir nichts Ähnliches in der deutschen Literatur besitzen; sie ist ganz Phantasie, Unmittelbarkeit, Bild, Musik und Traum. Alle Künste klingen in ihr an; alle Sinne haben in ihr die Fülle der Welt in sich aufgenommen. Bettina war begabt wie wenige Menschen; zu jeder Kunst war ihr die Gabe in die Wiege gelegt: zur bildenden Kunst nicht weniger als zur Musik und zur Dichtung in einem ihr freilich allein eigenen Sinne. Auf allen Wegen trug ihr das Leben seinen unerschöpflichen Reichtum entgegen. Eine heißere Sonne als die deutsche brannte in ihrem Blut. Deutsches und italienisches Blut waren in ihr gemischt; der nordische Geist war in ihr zur südlichen Flamme geworden. Sie entstammte der berühmten Familie Brentano, die schon vor Bettinas Geburt mit dem Namen Goethes verbunden war, durch ihre Großmutter Sophie und durch ihre Mutter Maximiliane Laroche, die Goethe als Sechzehnjährige vorübergehend geliebt hatte und die sich kurz darauf mit dem sehr viel älteren, aus Italien eingewanderten Brentano verheiratete. Dieser sehr unglücklichen Ehe entstammten zwölf Kinder, unter ihnen Clemens und Bettina, die im Frühling 1785 in Frankfurt a. M. geboren wurde.

Wenn man die zerrissene und unselige Natur Clemens Brentanos auf die zu große Verschiedenheit und die Disharmonie zwischen seinen Eltern zurückgeführt hat – für Bettinas Wesen ist eine solche Erklärung unmöglich. Denn wenn je ein Wesen sich selbst genügte, in sich selbst selig war, so war es Bettina. – Mit einem hellen mächtigen Grundakkord setzt ihr bewußtes Leben ein. Da sie ihre beiden Eltern früh verlor, verbrachte sie ihre Jugend zum größten Teil bei ihrer Großmutter in der ländlichen Gartenstadt Offenbach. Von ihrem neunten bis zum dreizehnten Jahre wurde sie im Kloster in Fritzlar erzogen. Sie berichtet in ihrem Tagebuch, daß dort kein Spiegel gewesen sei, sie also vier Jahre ihr Bild nicht gesehen habe. Nun, bei ihrer Heimkehr nach Offenbach mit dreizehn Jahren erlebt sie ganz plötzlich die Überraschung, sich selbst zusammen mit der Großmutter und zwei Schwestern im Spiegel zu sehen. »Ich erkannte alle«, schreibt sie, »aber die eine nicht, mit feurigen Augen, glühenden Wangen, mit schwarzem, feingekräuseltem Haar; ich kenne sie nicht, aber mein Herz schlägt ihr entgegen, ein solches Gesicht hab ich schon im Traum geliebt; in diesem Blick liegt etwas, was mich zu Tränen bewegt, diesem Wesen muß ich nachgehen, ich muß ihr Treue und Glauben zusagen.«

So ergriff Bettina ihre eigene Erscheinung; mit solcher Inbrunst ergriff sie von sich selbst Besitz. Denken wir daneben an die Empfindung, die Rahel ihrem eigenen Bild entgegenbrachte: dies Abgestoßensein von der eigenen Erscheinung – so haben wir einen letzten Schlüssel zum Wesen beider Frauen in der Hand. Und dies um so mehr, als dies Verhältnis zu der eigenen Erscheinung nicht aus der einfachen Tatsache zu erklären ist, daß Bettina schön und Rahel unschön gewesen wäre. Rahel war nicht häßlich, und Bettina war nicht schön; beider Äußeres war unscheinbar und hatte zugleich eine große lebendige Anmut, so daß allein der Geist, den man daraus las und in dem man es erfaßte, über das Verhältnis zu ihm entschied.

Auf der Grundlage der tiefen Übereinstimmung mit sich selbst als Erscheinung und Sein, auf einer bis zur Seligkeit gehenden Freude an ihrem eigenen Dasein, auf einem unerschütterlichen Vertrauen zu sich baut sich Bettinas ganzes Leben auf. Ihre vollkommene Unbekümmertheit um ihre Umgebung, die tiefe gleichmäßige Sicherheit ihres Wesens im Ernst wie im Unfug, ihr frei und oft verletzend sprudelnder Humor und selbst das, was anderen als ihre Launenhaftigkeit und Verschrobenheit erschien, das alles entstammte derselben Quelle des leidenschaftlichen Vertrauens zu ihrem eigenen ursprünglich erblickten und mit Leidenschaft angenommenen Dasein. Und damit ruhte dieses Vertrauen auf jenem noch tieferen unbedingten Vertrauen, das in Bettinas Leben einen vollkommen einzigen Ausdruck gefunden hat: auf ihrem Vertrauen zum Geist.

Das Verhältnis Bettinas zum Geist ist durch seine Intensität ebenso wie durch seine Ausschließlichkeit ein so einziges. Es ist wirklich das ganz persönliche Verhältnis einer reinen Leidenschaft, einer glühenden und ausschließenden Liebe, die in Bettinas Leben alle übrige Liebe aufgesogen hat. Und darum bejaht sie so freudig ihre eigene Erscheinung, weil sie in ihr selbst die unmittelbare Bezeugung des Geistes erlebt, weil sie seinen Stempel auf ihren Zügen erkennt und darin die Bürgschaft dafür findet, daß nicht nur sie ihn liebt, sondern daß sie auch von ihm geliebt ist.

Dadurch ist in ihr eine Sicherheit des eigenen Wesens von anderer Art als die Carolinens: eine ursprüngliche Geborgenheit in einer Sphäre, die noch nicht einmal Versuchung durch Ungeistiges je gekannt hat. Es ist, als hätten Generationen an der Durchgeistigung dieses Lebens gearbeitet, damit in ihm das Geistige so zum unmittelbaren Leben selbst werden konnte, aus dem heraus sie alle ihre Entscheidungen traf.

So sehen wir auch sie wie Caroline, und trotz aller weit größeren inhaltlichen Wandlungen ihres Lebens, von Anfang an als dieselbe. Schon in ihrem frühen Briefwechsel mit Clemens, den sie uns in ihrem »Frühlingskranz« ausnahmsweise fast unverändert aufbewahrt hat, ist sie trotz ihrer bewundernden Liebe zu ihm vollkommen frei, hält sie in all ihrer wirbelnden Lebendigkeit dem sorgenden älteren Bruder und seinen Ratschlägen gegenüber immer unerschütterlich an ihrem Weg fest. Kein Stern kann sicherer seine Bahn gehen, als dies von Leben übersprudelnde junge Geschöpf die seine. Sie hat im Geist einen Kompaß, der sie so sicher durch das ganze menschliche Gewühl und alle seine Stimmen leitet, daß die Gefahr eines Abirrenkönnens undenkbar ist. Was ihr nicht angehört, das weist sie zurück; sie kann es sich einfach nicht zu eigen machen. Clemens, der erfährt, daß sie überall anstößt, verlangt um ihretwillen, sie solle sich den anderen Menschen lieb machen, mit ihnen auf ihr Leben und auf ihre Formen eingehen. Es klingt von ihm selbst nicht ganz echt; man fühlt, daß er glaubt, es um der jungen Schwester willen sagen zu müssen; und mit welch herrlicher Sicherheit hört Bettina sofort den falschen Ton heraus. Er wünscht ihr einen guten Mann, eine glückliche Ehe. »Ich bitte dich um Gottes willen«, fährt sie los, »gib doch auch deine Stoßseufzer auf um einen lieben Mann, den du mir herbeiwünschest... es ist Vorsorge, geliebter Clemens, aber glaube, daß ich keiner Stütze im Leben bedarf, und daß ich nicht das Opfer werden mag von solchen närrischen Vorurteilen. Ich weiß, was ich bedarf – ich bedarf, daß ich meine Freiheit behalte. Zu was? – Dazu, daß ich das ausrichte und vollende, was eine innere Stimme mir aufgibt zu tun. – Die Liebe, mein Clemente, die werde ich einfangen wie den Duft einer Blume, alles wird dem Geist zuströmen.«

Und Bettina hat dies für ein Mädchen von siebzehn Jahren so überraschende Versprechen in voller Reinheit gehalten. Sie ist ihrer inneren Stimme nie untreu geworden; sie ist immer frei geblieben, sie hat ihre ganze Liebe dem Geist zuströmen lassen. Dadurch ist ihr eigentümliches Verhältnis zu den Menschen durchgehend bestimmt. Die einzelnen Menschen sind Bettina trotz all ihrer Liebes- und Begeisterungsfähigkeit nicht das gewesen, was sie allen anderen Frauen der Romantik waren. Auch wo sie liebte, liebte sie durch den Anderen hindurch nur den Geist. Nie hat sie sich von einem Menschen hinreißen lassen in seine Sphäre. Schon die ursprüngliche Temperatur ihres Lebens ist von der Lebenstemperatur der anderen Frauen verschieden. Ihre Jugend springt uns bei aller südlichen Intensität wie ein frischer kühler übersonnter Brunnen entgegen. Ihre reiche strahlende Sinnlichkeit selbst ist kühl und vergeistigt. Das Sehnsuchtsvolle, Verlangende und Suchende der Jugend, das wir selbst bei Caroline finden, war ihr fremd. Sie kennt von der Jugend nur die überströmende Fülle, das Reich- und Glücklichsein. Wenn man die Jugend an sich bezeichnen könnte als die Zeit der aus dem Selbst herausführenden Sehnsucht – so sagt dagegen Bettina: »Ich weiß, was Jugend ist: inniges unzerstreutes Empfinden des eigenen Selbst.«         

Aber dies eigene Selbst Bettinas schloß sie in keine Enge ein. Es war die Antwort auf die ganze Welt. So sehr es sie in eine ganz bestimmte Bahn zwang, soviel Leben, Schönheit, Sinn und Wert vermochte es zu umfassen. An welche Erscheinung des Lebens es rührte – wenn sie nur echt war, gab es einen Klang. Auch in den schlichtesten bescheidensten Formen vermochte sie den Geist, das Große und Wesenhafte zu erkennen und zu ehren. Als Clemens ihr einmal Vorwürfe macht, daß sie sich mit einem kleinen Judenmädchen, das ihr Stickstunde gibt, zu nahe eingelassen habe, daß sie – wie er sich ausdrückt – so herabgestiegen sei, daß ganz Offenbach darüber rede – wie hinreißend einfach rückt sie da alles zurecht, erzählt sie ihm von dem Leben des kleinen Veilchen mit dem »liebkosenden Namen« und erklärt ihm, daß sie hier nicht hinab- sondern nur hinaufsteigen könne, weil dies junge Mädchen seinen kranken Großvater und seine kleinen Geschwister ganz allein durch seiner Hände Arbeit erhalte; und wenn sie von dem ärmlichen kleinen Zimmer dieser Leute spricht, dann ist es bei aller Schlichtheit, mit der sie es tut, als blicke man durch die Schilderung eines großen Künstlers in ein Heiligtum.

Nie hätte Bettina sich durch das Gerede der Leute, oder selbst durch Ermahnungen der ihr Nächsten und Liebsten von dem, was ihr wertvoll und schön erschien, abhalten lassen. Wie oft ihr eigener Weg den anderen fremd und unverständlich ist: ihr ist er immer einfach, weil er ihr mit unmittelbarer Klarheit gegeben ist. Sie braucht sich zu seiner Begründung nicht auf ihr eigenes Innere zu berufen und zurückzuziehen, und sie tut es nie: sie kann, was sie tut und was sie ablehnt, jederzeit aus unmittelbaren Einsichten begründen. Damit tritt ihre unbedingte Sicherheit nach außen oft als schroffer Gegensatz gegen ihre Umgebung hervor. Von Anfang an ist in der Geistigkeit Bettinas etwas Revolutionäres. Nur im Widerspruch zu den Menschen behauptet sie jederzeit die eingeborene Richtung. Es ist äußerst ergötzlich, wie sie der schöngeistigen Großmutter, die für Mirabeau schwärmt, dessen geistreiche Aussprüche vorliest und nun zum Entsetzen der Großmutter daraus für sich selbst höchst lebendige und radikale Konsequenzen zieht. Und wenn sie von den französischen Revolutionsblättern sagt: »Das klingt ein in meine verneinende Seele gegen alles, was ich in der Welt gewahr werde, die beweisen und heben den Schleier von allem Verkehrten« – so fühlen wir deutlich, daß in dieser verneinenden Seele, die nur das Wahre und Echte leidenschaftlich bejahte, eine ganz andere, aktivere und unmittelbarer auf das Wirkliche gerichtete Kraft am Werk ist als bei allen anderen Frauen der Romantik.

Das mag zunächst unvereinbar scheinen damit, daß Bettina ein so rein in der Phantasie lebendes Wesen war. Aber wir werden bald erkennen, daß die Phantasie selbst es war, die sie den Weg zur Wirklichkeit führte: die Phantasie nicht als leere Einbildung – sondern als Kraft zum Schauen einer wahreren, vom Geist durchleuchteten Wirklichkeit. Diese wahrere, von allen nur irdischen Zwecken befreite Wirklichkeit hat Bettina immer als ihre Heimat erkannt. »So gehöre ich denn«, sagt sie auf Clemens’ immer erneute brüderliche Ermahnungen, sich in die Allgemeinheit zu fügen, »in einen anderen Kreis der Allgemeinheit, wo sich fassen möchten: Kinder, Helden, Greise, Frühlingsgestalten, Liebende, Geister. – Warum wähl’ ich mir diese? Weil die nicht fragen nach dem Irdischen; sie gehören zu mir!«

In diesen unirdischen Kreis gehört aber im Grunde auch Clemens selbst nicht weniger als Bettina; in ihm fanden sich die Geschwister; von ihm waren sie ausgegangen. Und diese unirdische Sphäre seliger Unbedürftigkeit, in der wir Bettina ihr Lebenlang finden, grenzt nah an die außerirdische, der beide auch irgendwie zugehören, wie Clemens sie in einem seiner Gedichte als die ihm ursprünglich eigene geschildert hat:

 

Weil ich alles Leben ehre,

scheuen mich die Geister nicht,

und ich spring durch ihre Chöre

wie ein irrend Zauberlicht.

 

Haus’ ich nächtlich in Kapellen,

stört sich kein Gespenst an mir,

weil sich Wandrer gern gesellen;

denn auch ich bin nicht von hier.

 

 

Beide, Clemens und Bettina, waren nicht von hier, waren wie fremde geheime Geister, irrende Zauberlichter, zugleich Naturwesen und Sendboten einer anderen Welt. Der Unterschied war nur der, daß Clemens an dieser Ausnahmestellung schmerzlich litt und sie immer mehr als unmenschlich erkannte, so daß er wie der Nöck im Wasser, der seine unsterbliche Seele sucht, im späteren Leben aus seinem Element heraustrat, um als gläubiger Christ eine volle menschliche Erlösung zu gewinnen – während Bettina in dieser Stellung sich glücklich, selig, eins mit dem Leben und mit sich selbst fühlte und ihr ganzes langes und reiches Leben unverrückbar aus der naturgegebenen Form einer rein subjektiven und fast geisterhaften Geistigkeit entwickelte. Nie hat sie an der Berechtigung dieser Form als eines letzten Lebensgesetzes gezweifelt. Darin liegt die ganze persönliche Seligkeit dieses Lebens – darin auch seine ganze Großmut und Generosität gegen alles fremde Menschliche, wofern es nur echt war, aus sich selbst lebte – darin aber schließlich auch seine ganze romantische Losgelöstheit von dem, was mühseligeren Zeiten und ringenderen, mit der vollen Problematik des Wirklichen belasteten Geistern Wirklichkeit, was ihnen Wahrheit heißt.

Und während Clemens Brentano gerade darum ein so tief problematischer Mensch war, weil das nur Subjektive, rein Elementarische, auf das auch er ursprünglich angelegt war, ihm nicht genügen konnte – weil er als männlicher Geist objektive Zusammenhänge, als religiöser Mensch restlose Hingabe seines Lebens, als Dichter und Gestalter das schlechthin Gültige suchte, fehlte in Bettinas Wesen trotz seines Überreichtums jede Problematik – eben darum, weil für einen Lebenszusammenhang außerhalb ihrer, für eine übergreifende objektive Gesetzlichkeit, mit der es hätte in Konflikt kommen können, in ihr überhaupt kein Raum war.

Aber wenn dieser Gegensatz später die Geschwister vollkommen und bis zum Nichtverstehen trennen mußte, so zeigt ihre Jugendfreundschaft sie beide in der vollen berückenden Blüte ihres persönlichen Geistes; diese Briefe sind wirklich ein Frühlingskranz. Und da es das Lebensreich der Unmittelbarkeit ist, in dem sie sich bewegen, so ist in diesen frühen Briefen trotz alles sachlichen und persönlichen Reichtums, den Clemens ihr bringt, Bettina die Überlegene. Ihre unablenkbare Ursprünglichkeit und Sicherheit zwingt zuletzt den hin- und hergeworfenen Clemens zur restlosen Unterordnung, so daß er der jungen Schwester hingerissen schreibt: »Du bleibst ewig meine Richterin, du bleibst das Maß meiner Empfindung und mein vertrauter Gott auf Erden.« Aber Bettina konnte – bei all ihrer Liebe zu Clemens – dies Wort romantischen Jugendüberschwangs nicht annehmen. Daß ein Mensch in einem anderen, daß er überhaupt in irgend etwas außer halb seiner sein Maß und seinen Richter sollte finden können, war ihr undenkbar und verwerflich. Das erste, was sie auch vom Anderen verlangte, war: ein Selbst mit eigenen Maßen zu sein.

Dies, was ihr das tiefste Gesetz alles Lebens war, war als leidenschaftliche Subjektivität in der Produktion zugleich Bettinas Reichtum und Schranke. Im Schaffen wie im Leben kannte ihr Geist keine andere Form als unmittelbares lebendiges Sich-Ausströmen. Und wie jede natürliche Substanz in ihrem Ausfließen eine besondere, nur ihr eigene Form beschreibt, so wurde Bettinas Geist in seinem Ausströmen nur genau so weit zur Form, daß darin ihre ganz persönliche Geistesart bezwingend deutlich sichtbar wurde. Nicht aber einen Schritt weiter ins Objektive vermochte er zu gehen. Nicht einmal zu der Objektivität einer dichterischen Form konnte es trotz ihres blühenden Sprachreichtums bei ihr kommen; auch diese wäre noch ein ihrem Geist Äußeres, von einem fremden Gesetz Vorgeformtes gewesen. Es ist die seltsamste Erscheinung: Bettina, die eminent Dichterische, die mit Phantasie gleichsam Geladene, die jedem Ding unendliche Schönheit abgewinnt, die in sich selbst das Blühen der Blumen, das Wurzeln und Wachsen der Bäume, das Strömen der Quellen lebendig erlebt, der die Worte und Bilder so reich und selbstverständlich zuströmen, wie nur einem begnadeten Genius der Sprache, bringt trotz alles Bemühens keinen gereimten Vers zustande. Clemens, dem ihre außerordentliche Begabung als ein zu verwaltendes Pfund erscheint, will sie zum Dichten in fester Form bewegen; immer wieder ermahnt er sie dazu – während ihre ältere Freundin, Karoline von Günderode, sie gleichzeitig zur Philosophie bekehren will; beide wollen, daß sie das ihr Gewordene entwickle und geordnet arbeiten lerne.

Allem diesem widersetzt sich Bettinas Natur mit so ursprünglicher Gewalt wie einreißender Fluß, der sich sein eigenes Bett sucht, dem, was ihn daran hindert. Zum Dichten wenigstens sucht sie sich zuerst zu zwingen; sie sitzt stundenlang am Schreibtisch, und statt der Verse gelingen ihr nur unwillkürlich die buntesten phantastischsten Zeichnungen; gegen die Philosophie aber hat sie eine leidenschaftliche und freilich weit tiefer gegründete Abneigung. Als die Günderode es endlich so weit bringt, ihr eine Zeitlang Schelling vorzulesen, verfällt die immer gesunde Bettina plötzlich in eine beängstigende Fieberkrankheit. Die Freundin, die sie Tag und Nacht pflegt, schwört nachher, sie nie mehr mit Philosophie quälen zu wollen, weil in all ihren Fieberphantasien die philosophischen Begriffe als Alpträume wiedergekehrt seien. Diese plötzliche Krankheit erscheint deutlich als ein der heutigen Psychotherapie wohlbekanntes Ausweichen des ganzen Nervensystems vor dem Unerwünschten und Unerträglichen.

Bettina mußte in allem und jedem den Weg ihres eigenen Geistes gehen. Beide, Philosophie wie Dichtung, waren für das unmittelbare Verhältnis ihrer Natur zum Geist immer noch zu sehr Form; sie standen noch wie eine fremde Schicht, eine Scheidewand zwischen ihr und dem Geist. Aber während sie die Dichtung als Denken, »das einen Leib angenommen hat«, begriff und ehrte, war ihr die Philosophie als leibloses abstraktes Denken überhaupt nicht als Wahrheit zugänglich. Erst in der Schönheit, im Bild, im Klang, erschien ihr das Leben zu seiner Wahrheit vollendet. Aber auch in der bildenden Kunst und in der Dichtung stand es doch zugleich noch unter einem fremden Gesetz. Ganz zu sich selbst gekommen erschien ihr das Leben erst in der Musik. In dem ätherischen Klangleib empfand sie keine trennende Form mehr, die sich zwischen die Unmittelbarkeit des Geistes und seinen Ausdruck drängte; hier sprach ihr das Leben seine eigene unmittelbar strömende Sprache. Daß in der Musik die Unmittelbarkeit des Lebens selbst als Gesetz sich ausspricht, mußte für sie die vollendetste Bejahung ihres eigenen geistigen Weges sein. In diesem Sinne war Bettinas ganzes Leben, war jede ihrer Äußerungen, war ihre Sprache selbst Musik. – Wenn aber um der Musik willen die Dichtung abseits gedrängt, die Philosophie völlig aus ihrem Gesichtskreis verstoßen ist – weit fremder noch sind Bettina die übrigen Wissenschaften, mit denen man sie bedrängt. Natur will sie nicht wissenschaftlich erkennen, sondern liebend begreifen. Geschichte will sie nicht studieren, sondern sie will sie leben. Es klingt zunächst fast komisch, wenn dies junge Wesen sagt: »Obschon ich keine Weltgeschichte studieren mag und beim Zeitunglesen vor Ungeduld mich kaum zusammennehmen mag, so ist’s doch die Welt, die ich regieren möcht, und mich reißt’s hin, darüber nachzudenken.« Ja, es erscheint ihr als ihr entschiedenstes Talent, die Welt zu regieren. »Weiß Clemens Gelegenheit, mich darin zu üben, so will ich fleißig sein Tag und Nacht.«

Diese Gestalt haben Bettinas Jugendträume früh schon angenommen: ihre Phantasie hebt sich empor ins Heroische. Und dieser überraschende Weg von der Musik des reinen Innern zum Traum vom realen Heldentum ist keineswegs ein zufälliger oder abwegiger, sondern gerade er offenbart erst den Gesamtzusammenhang ihres Wesens.

Ihr Glaube an die Musik als adäquateste Ausdrucksform des Geistes entspringt dem Urbekenntnis Bettinas zur Innerlichkeit reinen Selbstseins. Und so sehr war diese der einzige Sinn und Traum, das einzige Ziel ihres Lebens, daß selbst ihre mädchenhaften Liebesträume keinen anderen Charakter tragen. Ihr höchster Traum von Liebe ist: »Die Welt wäre mein, ich brauchte nichts von anderen und meine Liebe würde gar nicht ein sehnendes Verlangen, sondern eine wirkende Macht sein.« Vor allen Bindungen, allen Gefühlen, selbst vor der Freundschaft schreckt sie zurück. Sie will rein aus ihrem eigenen Selbst leben. »Gäb es Höhlen und Verberge, in die man sich könnte zurückziehen vor gewissen Gefühlsanrechten, ich würde dahin flüchten. Ich schaudre vor solchen Allgewalten des Daseins, sie erregen die Eifersucht der Eigentümlichkeit«, schreibt sie in leidenschaftlicher Abwehr an Clemens. »Heldsein ist nicht befreundet sein, Selbstsein ist Held sein; das will ich sein.«

So liegt in dem Bekenntnis zu dem musikalischen Grundgesetz ihres Lebens schon der Keim zu einem heldischen Leben. Und so ernst sind ihr die heroischen Träume, die sie in den berauschten Mondnächten ihrer Jugend träumt, daß es ihre einzige Angst ist, sie könnte mit ihnen in der bloßen Phantasie gefangen bleiben. »Wie mache ich’s, daß ich aus dieser Verbannung des Unwirklichen erlöst werde?« fragt sie den Bruder. Und wirklich ist Bettinas ganzes Leben ein unablässiges Bemühen gewesen, ihre leuchtenden Träume aus dem bloßen Innern in die gelebte Wirklichkeit überzuführen. Daß dies gelungen, daß dies phantastischste aller Wesen mit seinen Träumen nicht im Zaubergarten der Phantasie gefangen geblieben ist, daß Bettina aus ihm einen Ausweg gefunden hat in die Wirklichkeit, das ist nur aus der großen Wahrhaftigkeit ihrer Phantasie verständlich.

Diese Wahrhaftigkeit: der lebendige Sinn ihrer Natur für das Echte in jeder – der erhabensten wie der unscheinbarsten Gestalt hat Bettinas strömende Phantasie untrüglich in das Bett der Wirklichkeit geleitet. Die Liebe zu Veilchen, dem armen kleinen Judenmädchen, und die zu Goethe beide gehören gleich sehr zu Bettina. Wo das Reine und Große quillt, wo der lebendige Geist in irgend einer Form herrscht, da ist Bettina zu Hause. Und daß sie nur da zu Hause ist und nirgends sonst, daß es für sie kein Leben außerhalb der Echtheit und Reinheit des Daseins gibt – daß ihr das Reich der Zwecke und des Nutzens in jedem Sinne so glückselig fern liegt – das ist das Zweite, was sie für ein heldisches Leben prädestiniert. Indem sie sich einreihte in den Kreis derer, die nicht fragen nach dem Irdischen, hatte sie schon mit der einen Hand die Krone des Helden berührt. Wie im Unirdischen, Unnützlichen, im Traum, in der Phantasie alles Große, Hohe frei und uneingeschränkt vom Alltag und seinen Bedürfnissen und Bedenken seinen Weg nimmt, so auch in dem Leben Bettinas.

Und schließlich ist das Dritte, was sie den Weg zum Heldischen führt, der revolutionäre Charakter ihres Wesens, der aus dem unmittelbaren Anlegen der Maßstäbe ihrer eigenen Wahrheit an die Wirklichkeit des Lebens entspringt.

So ist das Heldische die ganz natürliche Mündung von Bettinas ursprünglicher Lebensform: der reinen, unirdischunnützlichen, allem Egoismus fremden, einzig vom Geist geleiteten Realisierung ihres inneren Gesetzes. Von Anfang an ist in Bettinas Lebenssicherheit – gegenüber der rein auf ihr eigenes Dasein bezogenen Carolinens – etwas Heldisches. Sie fühlt sich nicht nur als Selbst dem Leben gewachsen; sie will auch die anderen, will alle des Segens einer rein selbsthaften Lebensgestaltung teilhaftig werden lassen. An Stelle der üblichen Mädchenträume, sich Einem hinzugeben, Einen zu beglücken, quillt aus Bettinas Hingabe an den Geist die Sehnsucht, die Welt von der Herrschaft des Ungeistes zu befreien zum Leben im Geist.

Wer solche Träume träumt, wer sich so unmittelbar berufen, so aus dem Herzen des Lebens selbst geliebt fühlt, der wird der Liebe der Menschen nicht viel nachfragen. Und Bettina war wirklich von der Liebe der anderen immer erstaunlich unabhängig – in einem letzten Sinne selbst von der Liebe derer, die sie liebte. Verliebt – d. h. mit spontanem leidenschaftlichem Verlangen an einen Menschen gefesselt – war Bettina nie.

Wohl tritt schon in den frühen Briefen Clemens’ Freund Arnim auf. Clemens, der diese beiden Menschen vor allem liebt, wünscht von Anfang an, der Freund möge die Schwester, die Schwester möge ihn lieben. Und der Dichter Achim von Arnim war gewiß geschaffen, das Herz selbst einer Bettina im Sturm zu nehmen. Seine reiche dichterische Begabung hatte nicht wie bei den anderen Romantikern seine feste kraftvolle Männlichkeit erweicht und aufgelöst; sein Geist und sein Charakter hielten sich die Waage: er war und blieb zugleich der fest und sicher im Wirklichen wurzelnde märkische Junker. Bei aller fröhlichen und ernsten, blühenden und krausen Phantasie bleibt immer etwas von einer eigentümlich unantastbaren Nüchternheit in seinem Wesen. Und dies ruhige Gleichmaß einer festen, edlen und zugleich reichen Persönlichkeit prägte sich in seinem Wesen wie in seinem Äußeren hinreißend aus. »So soll der Mann sein«, schrieb Creuzer, der zurückhaltende Gelehrte, nach der ersten Begegnung mit ihm an die Günderode. Und Bettina schreibt an Clemens: »Der Arnim sieht doch königlich aus.« Aber sie fügt sofort hinzu: »Die Günderode auch; der Arnim ist nicht in der Welt zum zweitenmal. Die Günderode auch nicht.« Sie sieht die beiden Freunde nebeneinander gehen; ihr ist es selbstverständlich, als gehörten sie zusammen. Neidlos bewundernd sieht sie auf das schöne Paar. Wohl gesteht sie dem Bruder, ohne ein Hehl daraus zu machen: »Arnims wunderschöne Jugendnähe elektrisierte mich«, und einen Handschuh, der ihm unter den Tisch gefallen ist, bewahrt sie auf. Aber das alles ist so leicht, so spielend, so wunschlos, so ohne eine Spur von Leiden und Leidenschaft – so heiter und offen und kühl. – Und kühl empfand sie auch Arnim, wie er an Clemens schrieb.

Bettina hat auch in der langen Zeit, die sie noch von der Verbindung mit Arnim trennte, weder Sehnsucht noch Trauer, kein Hangen und Bangen, kein seelisches Kranken gekannt, und ebenso wie diese seelische gehört die vollkommene körperliche Gesundheit zu ihrem Leben. Daß sie niemals wirklich krank, bis auf ihre letzten Lebensjahre nicht einmal leidend war, das erscheint als unmittelbarer Ausdruck jenes vollkommenen Gleichgewichts von Körper und Seele, Natur und Geist in ihrem Leben, das bereits selbst eine seelische Verfassung ist: jene harmonia der Antike, die hier kein Erworbenes, sondern die leichte selige Grundlage des Daseins: sein ursprüngliches Versöhntsein mit sich selbst war. Das Leben hat sie wirklich geliebt, so wie sie sich selbst liebte. Es ist, als hätte diese Gewißheit, das aus ihr stammende heitere Gleichgewicht ihrer Seele selbst alle störenden Mächte von ihr ferngehalten.

Daß Bettina und Arnim einander doch noch fanden, geschah aus einer starken, im Geist und in einem tiefen Vertrauen zueinander gegründeten Freundschaft, die ihnen in langen Jahren gereift war, und die für eine dauernde Verbindung zwischen den einander so nahen und doch so ungleichen Menschen gewiß eine sicherere Bürgschaft war als leidenschaftliche Liebe. Sie kannten einander ganz, vertrauten einander ganz und richteten ihr Leben danach ein.

Arnim führte Bettina nach ihrer phantastischen heimlichen Hochzeit nach Berlin. Sie schildert Goethe das Leben der ersten Zeit mit seiner traumhaften Seligkeit, zu dem der große wunderbare Park um ihr Haus her, in dem nachts die Nachtigallen sangen, der rechte Rahmen war. Schön, beglückend, frei und froh, Segen und Fülle war alles um sie her. Es ist, als hätte das Glück ihrer Natur auch das Glück ihres Schicksals an sich gezogen. Selbst die Ehe und die Mutterschaft brachten ihr keine wirklichen Probleme. Immer wieder erfahren wir von Arnims Güte, Selbstverleugnung, Zartheit und Verantwortlichkeit. Sein zuverlässiges und wurzelhaftes Wesen, seine Festigkeit und Erdfrömmigkeit, sein Frohsinn und seine Wehmut als sein Erdenschicksal ganz bejahender Mensch waren für Bettinas Art Ergänzung und Bestätigung zugleich. Auch war die Ehe schön und glücklich bis ans Ende, weder durch äußere noch durch innere Schwierigkeiten getrübt. Beide lebten in einer vollen Freiheit nebeneinander, durch die ihnen die Ehe wohl zum festen Band, nie aber zu einer Fessel werden konnte. Aber alles Glück von Bettinas reichem Leben, auch das dieser Ehe, beruht doch zuletzt darauf, daß sie – wie sie nach ihrer Trauung an Goethe schrieb – nicht glücklicher werden konnte, als sie geboren war.

So wunderbar unbedürftig war Bettinas Liebe. Sie verlangte nichts, was sie nicht schon besaß. Selbst ihre Leidenschaft war ohne Qual, weil das Leben wie ein blumiger Teppich unter ihrer Seele ruhte und sie niemals auch nur für Augenblicke in seinen Abgrund sinken ließ. Ihre Liebe war jederzeit frei. lrgendwie fehlte ihrem rein im Geist gegründeten Leben jener letzte Wirklichkeitsgrund, aus dem die schmerzlichsten Bindungen und dunkelsten Qualen der Menschen steigen. Doch mochte sie gerade hierdurch für einen Menschen wie Arnim die rechte Lebensgefährtin sein: spendend, reich, blühend und in sich selber ruhend, ein unerschöpfliches Wunder für den, der neben ihr mit offenen Sinnen lebte: im Letzten immer einzig auf den Geist gestellt – die »Allgewalten des Daseins«, die die »Eifersucht der Eigentümlichkeit erregen«, immer abweisend.

Eine Art wirklicher Leidenschaft für einen anderen Menschen finden wir in ihremLeben nur ein einziges Mal: in ihrer Beziehung zu Karoline von Günderode, der sie später in ihrem Buch »Die Günderode« ein so reines und herrliches Denkmal gesetzt hat. Wie die siebzehnjährige Bettina zu der um fünf Jahre Älteren aufblickt, wie sie von ihr eine ganze Welt des Geistes und der Schönheit empfängt und leidenschaftlich aufnimmt, wie sie sich ihr beugt und eine Zeitlang nur an ihr lebt – das ist von anderer Art und Temperatur als ihre Liebe zu Clemens, ja auch die zu Arnim und selbst als ihre glühendeVerehrung Goethes.

Als aber die geliebte Freundin ihr plötzlich den großen vielleicht den einzigen ganz großen – Schmerz ihres Lebens antat, sich von ihr loszusagen, da versank Bettina dennoch nicht einen Augenblick in sich und in ihr Leid. Auch sie wie Caroline nahm ihr Leiden nicht auf sich. Aber ihr Heilmittel gegen seine Gewalt war nicht der Widerstand ihrer persönlichen Form gegen das Formlose, das auf sie einstürmte; sondern die Macht, die sie zu Hülfe rief, war auch hier allein die des Geistes.

So nur ist es zu verstehen, daß Bettina, die gerade aus dem Geist heraus unerschütterlich Treue, in diesem Augenblick in einer eigentümlichen Art von Flatterhaftigkeit scheinbar nur die Person zu wechseln strebte: daß sie nach dem nie zu überwindenden Verlust der Freundin kurzerhand zu Goethes Mutter ging und zu ihr sagte: »Frau Rat, mir ist an der Stiftsdame Günderode eine Freundin verloren gegangen – die sollen Sie mir ersetzen.« Goethes Mutter nahm Bettina voll Freude an ihrer Frische und Ursprünglichkeit, vor allem aber an ihrer grenzenlosen Verehrung für Goethe, auf. Und wie früher bei der Günderode, so verbrachte Bettina jetzt halbe Tage bei der Frau Rat auf einem Schemel zu ihren Füßen. Und immer sprachen sie nur von Goethe. Bettina hat Goethe aus den Erzählungen seiner Mutter von seiner Jugend später den Anstoß zu Dichtung und Wahrheit gegeben.

Auch über die Frau Rat und das Zusammensein mit ihr hat Bettina lange entzückende Briefromane geschrieben, die nicht nur durch den Zauber und die Frische der Darstellung, sondern auch durch die Fülle an erblicktem und überliefertem Leben hinreißen. Was aber im Mittelpunkt ihrer gesamten literarischen Leistung steht, das ist ihr heiß umstrittenes Buch: »Goethes Briefwechsel mit einem Kinde«.

Es ist das Konzentrierteste, was wir von Bettina besitzen. Es deckt zugleich die ganze Arbeitsweise ihrer Phantasie auf. Man hat Bettina – und mit Recht – den Vorwurf gemacht, daß sie auch hier nicht nur ihre eigenen Briefe, sondern sogar Briefe Goethes gefälscht und verändert wiedergegeben habe, daß sie sich auch hier wie überall nicht an die Tatsachen gehalten habe. Man hat daraus ihre Unwahrhaftigkeit abgeleitet; man hat – Mitlebende und Nachlebende haben überhaupt mit diesem Verwerfungsurteil nicht gespart – Bettina immer wieder für eine Lügnerin erklärt.

Vielleicht im alleroberflächlichsten Sinne genommen ist Bettina dies gewesen; in einem tieferen Sinne aber und von ihrem eigenen Lebensgesetz aus gesehen war sie das Gegenteil: ein Mensch letzter innerer Wahrhaftigkeit. Gewiß, dies ihr Gesetz selbst schloß sie als rein romantisches von der Wahrheit in einem streng objektiven Sinne aus: es band sie ausschließlich, aber um so tiefer an die innere Wahrhaftigkeit ihres eigenen Seins. Um ihr eigentümliches Verhältnis zur Wahrheit ganz zu verstehen, müßte man ein oben über sie gesagtes Wort umkehren und sagen: Bettina lügt wie die Phantasie; aber sie ist auch wahr wie die Phantasie. Und diese Wahrheit hebt jene Lüge auf; denn die Wahrhaftigkeit der Phantasie ist etwas unendlich Tieferes als ihre Lügen.

Es gibt ein kleines Gedicht von Mörike, in dem dies Verhältnis von Lüge und Wahrheit vollendet dargestellt ist.

 

Gestern entschlief ich im Wald, da sah ich im Traum das kleine

Mädchen, mit dem ich als Kind immer am liebsten verkehrt.

Und sie zeigte mir hoch im Gipfel der Eiche den Kuckuck,

Wie ihn die Kindheit denkt, prächtig gefiedert und groß.

Drum! dies ist der wahrhaftige Kuckuck! rief ich. Wer sagte

Mir doch neulich, er sei klein nur, unscheinbar und grau?

 

Es ist kein Zweifel der kleine, graue und unscheinbare Kuckuck ist der wirkliche. Aber der wahre Kuckuck ist trotzdem der, der nur mit Kindesaugen, mit Traumaugen, mit Dichteraugen gesehen wird. Denn so müßte er aussehen nach seinem zauberhaft geheimnisvollen Ruf aus dem mailichen Waldinnern.

Diesen Ruf allein: die Musik der Dinge allein hat Bettina vernommen. Die Tatsachen sind ihr immer gleichgültig, mehr: sie sind ihrem übersteigerten romantischenIdealismus gerade das gewesen, wovon der Geist sich freimachen, was er umwandeln muß, um Wahrheit zu sehen. Für uns ist freilich eine solche Auseinanderreißung in Wahres und Wirkliches nicht durchführbar und nicht denkbar; aber von Bettinas persönlicher, geschichtlich bedingter Lebenserfassung aus ist ihr Verhältnis zur Wahrheit – man mag es annehmen oder ablehnen – wahr und klar. Es ist wie alles in ihr eine äußerste Subjektivierung, Musikalisierung eines romantischen Lebensverhältnisses.

Und wie Bettina Goethe und ihre Beziehung zu ihm in ihrem Briefroman dargestellt hat, das ist von solcher lebendigen inneren Wahrheit, daß die Tatsachen hier wirklich wie bloße Schalen von dem Kern der Beziehung abzufallen scheinen. Gewiß war Bettina die großartige Objektivität Goethes, seine Ausbreitung in Welt und Gesetz zu erfassen, durch ihre Anlage selbst versagt. Sie begriff und ergriff auch in Goethes Geist gleichsam nur den Identitätspunkt: nur den schöpferischen Quellpunkt seiner Welt. Aber was in ihrem Buch an Geist und Fülle, an Liebe und Musik sich um dies rein innere Bild Goethes schlingt wie ein Meer von Kränzen, aus denen seine große Gestalt lebendig und erhaben zugleich herauf taucht, das ist – auch wenn es nicht ganz Goethe und nicht nur Goethe, sondern ein von Bettinas Geist verwandeltes, lyrisiertes, gleichsam Musik gewordenes Bild Goethes ist, in dem ihr Wesen und ihre Begeisterung nicht weniger mächtig als die Gewalt seines Wesens erklingt – dennoch, und vor allem in dem Augenblick seines Erscheinens, unendlich mehr und wirkender gewesen, als jede nur und noch so gewissenhafte objektive Darstellung es hätte sein können. Nie darf man es Bettina vergessen, daß sie es war, die in einer dichterisch seichten Zeit, wo Goethe als Wirklichkeit vergessen und nur noch sein Name lebendig war, ein mächtiges lebendiges Bild von ihm den Menschen wieder sichtbar gemacht hat.

Aber noch ein zweiter Vorwurf hat außer dem der Verlogenheit auf dies ihr zentrales Buch hin Bettina getroffen: der der Eitelkeit. Aber wer Bettina eitel nennt, der hat gewiß das Wesen der Eitelkeit nicht richtig begriffen. Eitelkeit ist nur unsicheren Menschen eigen, deren Selbstbewußtsein nicht zu stark, sondern zu gering ist. Eitelkeit ist Bestätigtseinwollen, wo man selbst nicht gewiß ist. Bettina ist ja aber gerade von jener unerschütterlichen Sicherheit des inneren Kernes und des eigenen Weges, durch die sie sich selbst nicht anders wollte, als sie war; und von Jugend auf war ihr darum am Beifall der anderen wenig gelegen. Die Konzentrierung alles Lebens um den eigenen Mittelpunkt, wie gerade das Goethebuch sie zeigt, ist bei Bettina nicht ein Zeichen der Eitelkeit: sondern dies ist ja so sehr die Grundform ihres Lebens, wie es die der Rose ist, indem sie sich entschließt, all ihre Blätter fest um ihren Mittelpunkt zu sammeln. Und weil nicht nur ihr eigenes, weil jedes Leben nach Bettinas Meinung diese Form haben sollte, darum war ihre tiefste, ihre eigentliche menschliche Beziehung die zum Genius – als zu dem, der die reichste Fülle des Lebens in der eigensten, eigentümlichsten Form erschließt. Auch ihr Verhältnis zu Goethe war im Grunde kein anderes als das reine Anstaunen des Wunders seines Seins – und das tiefe Glück darüber, dies Einzige unmittelbar im Kelch ihres eigenen Seins auffangen zu können.

Aus dieser selben Urbeziehung ihres Wesens zum Genius – die wiederum wie alles in Bettina ein in noch leidenschaftlichere Subjektivität emporgesteigertes urromantisches Verhältnis war, hat sie nicht nur mit Goethe, den Rahel aus einer letzten Scheu mied, sondern mit allen großen Männern ihrer Zeit in naher persönlicher Berührung gestanden und sie persönlich aufgesucht. Auch dies hat man Bettina als Eitelkeit ausgelegt. Und doch bedeutet es nichts anderes, als daß, während Rahels reale Person ihr selbst immer hindernd im Wege stand, Bettina, die die ihre ganz bejahte, sie gerade darum vergessen konnte.

Mit Goethe, mit Beethoven in einer Zeit gelebt und nicht den lebendigen Eindruck ihres Wesens empfangen zu haben – das wäre ihr gewesen, wie wenn die Tore zum Himmel offen gestanden hätten und sie sich abgewendet hätte, um Gottes Antlitz nicht zu schauen. Hier wollte sie nur schauen, mehr erkennen als erkannt sein.

Denn hier: im Genius – und nur hier – war ihr Gott und Göttliches unmittelbar bezeugt. Von einem Bekenntnis zu einer bestimmten Religionsgestalt, zu einem Gott außer ihr wollte auch sie so wenig wie Caroline, wie Rahel etwas wissen; endgültig und vermessen löschte ihr Geist in Gott die letzten Spuren eines überweltlichen Gesetzes, einer richtenden Wirklichkeit aus in dem Wort: »Gott ist die Leidenschaft.« Es ist die freie schrankenlose Leidenschaft des schöpferischen Geistes, wie sie sich sichtbar im Genius verwirklicht, die für Bettina zum Gott selbst wird.

Aus dieser reinen fraglosen Leidenschaft zum Genius und dem Gefühl, ihm innerlichst verwandt zu sein, mag sich auch jene eigentümliche Nähe der Begeisterung erklären, an der ihr persönliches Verhältnis zu Goethe scheiterte. Ihre Verehrung für den Genius war bei aller Schrankenlosigkeit die Verehrung für den primus inter pares. Sie begriff den ganzen Abstand – aber sie wußte auch, daß schon ihn zu begreifen eine innere Gleichheit voraussetzte. Daß sie aber Goethe so unklug mit ihrer Liebe bedrängte, stammt ganz gewiß nicht daraus, daß sie sich für ihn für unentbehrlich hielt – im Grunde faßte sie ihre Beziehung zu ihm sehr wahr und bescheiden auf – sondern aus jener selbstvergessenen Bewunderung seines Genius, die sie nicht zuviel, sondern zu wenig an ihre Wirkung auf Goethe denken, zu unbefangen und unbedenklich sich dem Glück, der Gnade der Beziehung hingeben ließ. – Überhaupt aber lag es Bettinas leidenschaftlicher Subjektivität fern, ihr Wesen rein auf den Klang, den Rhythmus eines anderen Wesens abzustimmen, das heißt: taktvoll zu sein. Diese Gabe war ihr notwendig versagt. Aber für die vollkommene Uneitelkeit ihrer Liebe spricht wohl am klarsten, daß der traurige Ausklang ihrer Beziehung zu Goethe: seine spätere Zurückweisung – so wenig wie der schroffe Bruch der Günderode mit ihr etwas an ihrem Gefühl verändert hat. Hier wird jene großartige selbstvergessene Treue ihres Wesens sichtbar, die bei Caroline nie denkbar gewesen wäre.

Überhaupt haben alle traurigen Erfahrungen ihres Lebens, alle Mißdeutungen geliebter und verehrter Menschen, die ihr unbedenklich sprudelndes Wesen reichlich erfuhr, Bettina wohl aufs schmerzlichste betroffen, aber nie verstört, nie aus ihrem eigenen Gleichgewicht gerissen, weder an den anderen noch an sich selbst irre gemacht.

In keiner Form hatte das Fremde Gewalt über sie, auch nicht in der des Schicksals. Sie vermochte alles zu verlieren außer sich selbst. Selbst Arnims verhältnismäßig früher Tod hat keinen entscheidenden Schnitt in Bettinas Leben gemacht. Ihr seltsam schöner Brief an die Brüder Grimm wenige Tage nach seinem Tode zeigt, daß sie ihn in ihr inneres Leben aufgenommen hatte. Alle Verzweiflung ist ihr fern. Auch in diesem dunkelsten Augenblick zieht Bettina sich auf sich selbst, auf ihre Innerlichkeit zurück. Sogar den Menschen, dessen nahe Gegenwart zwei Jahrzehnte hindurch der höchste Wert ihres Lebens war, nun statt an ihrer Seite ganz in ihrem Herzen zu finden, ist ihr Trost genug. In ihrem rein und reich ausgeschöpften Leben blieb kein Bodensatz von Gram und Bitterkeit zurück.

Und dennoch – und vielleicht gerade darum – beschleicht uns bis hierher immer wieder das Gefühl, als sei Bettina durch ihr rein in sich kreisendes, schwebendes Dasein, durch ihr seliges Leben im Geist, durch die Erfülltheit und Schmerzlosigkeit ihres Schicksals selbst irgendwie vom letzten gramvoll Menschlichen ausgeschlossen – als sei sie inmitten ihres vollen Menschenglücks und obwohl sie siebenmal Mutter war, dennoch nicht ganz und gar Mensch geworden, als sei sie ein Naturwesen, eine Undine oder ein Geist geblieben, der aus seinem Element nur vorübergehend aufgetaucht wäre und sich unter die Menschen, ihr Schicksal mitzuleben, gemischt hätte. Daß sie so ganz Phantasie, Harmonie, Geist- und Elementarwesen war, um das das Leben so vollkommen, so organisch wie um eine Blume sich ordnete, das scheint die mit Leid und Sterblichkeit erkaufte vollkommene Menschwerdung auszuschließen.

Man kann sich Bettina nicht alt denken. Man hat das Gefühl, nur als junger Mensch könne sie dies unmittelbar mit der Natur verbundene, aus den Quellen des Lebens selbst schöpfende, in sich selbst selige Wesen sein.

Aber nun erst erfüllt sich das Wunder ihres Lebens: gerade im Alter wird Bettina erst ganz sie selbst. Denn in ihr war noch Stoff zu vielen Leben. Nun erst trägt ihre Phantasie sie empor zu ihrem heroischen Jugendtraum: aus der Fülle des Geistes für die Befreiung der Welt, der Menschen zu wirken.

Und nun erst – nach dem Tode Arnims im Jahre 1831 sehen wir die ganze große,wahrhaft königliche Lebensenergie Bettinas in einer neuen Richtung sich entfalten: sie greift mit aller Macht ein ins politische und soziale Leben ihrer Zeit. Und das ist das vollkommen Erstaunliche: nicht lebensfremd, traumhaft, reaktionär und verwirrend wie die übrigen Romantiker, sondern aus der ganzen vorwärtsdrängenden Leidenschaft ihres Geistes im Leben wirkend.

Sie allein unter allen Romantikern hat dem Leben ihrer Zeit leidenschaftlichen Kampf angesagt. Während die anderen Romantiker durch ihre kontemplativen Ideen von der Bedeutung des Organischen, Formhaften auch im geschichtlichen Leben zu der Wertung der in sich geschlossenen und so zu bewahrenden Gebilde von Nation und Staat, zu dem Gedanken ihres naturhaften Wachstums, ihres Ruhens in sich selbst und damit zu einer reaktionären Politik geführt wurden, kannte Bettina auch hier, getreu ihrem Weg, nur die unmittelbare Beziehung des einzelnen Geistes auf den Gesamtgeist der Zeit. Im Gegensatz zu allen von ihr verehrten Männern ihres Kreises, zu Savigny, zu Friedrich Schlegel, ja zu Arnim selbst wahrte sie sich auch hier die reine Unabhängigkeit eines selbständigen Weges, indem sie durch alle einzelnen Volks- und Staatsgestalten hindurch auf das von der Wahrheit schlechthin Geforderte drang. Mag auch dies wieder nur eine andere Form der Romantik sein, so war es doch eine für das Leben unendlich fruchtbarere. Während Friedrich Schlegel seine hohe Geisteskraft in den Dienst Metternichs, Schelling die seine in den Dienst Friedrich Wilhelms IV. stellte, erhob diese Frau ihre Stimme unmittelbar zu Rat und Ermahnung an den König. Allen Ideen von Freiheit und Befreiung, die in der Revolution von 1848 Gestalt gewannen, griff sie in ihrem 1843 Friedrich Wilhelm IV. gewidmeten Königsbuch vor. Freilich durchaus in der ihr eigenen Art und Richtung, die nur in der persönlichen Freiheit und Größe den Quell der Befreiung und Erhebung auch der Völker sehen konnte, wollte sie den König zu einem Genius erziehen, der selbst aus der Fülle seiner Einsicht dem Volke die Freiheit schenken sollte. So weltfremd und romantisch dies erscheint und wie undurchführbar die Versöhnung des monarchischen und demokratischen Ideals in der Wirklichkeit sich erwies: Bettina offenbart doch in seiner Aufstellung einen so glühenden Geist der Freiheit und der Menschenliebe und eine so wundervolle persönliche Unabhängigkeit, daß sie selbst ihre Feinde zur begeisterten Anerkennung zwang. »Sie ist in dieser Zeit der eigentliche Held, die einzige wahrhaft freie und starke Stimme«, so spricht gerade der ihr sehr wenig wohlgesinnte Varnhagen die Erfüllung ihres großen Jugendtraumes aus.

Und was man ihrem Buch an Phantastik und Wirklichkeitsfremdheit nachsagen kann: es hat dennoch darin vollkommener als zahllose nüchterne politische Auseinandersetzungen sein Ziel erreicht, daß es lebendig gewirkt hat. Wenn sie auch aus dem begabten, aber schwachen König bei aller beschwörenden Auseinandersetzung mit ihm, und obwohl er ernsthaft in sie eintrat, keinen Genius machen konnte: ihr öffentlicher Ruf an ihn ist nicht im Leeren verhallt.

Weit mächtiger und unmittelbarer wirkend als ihre Politik ist aber, was sie auf sozialem Gebiet geleistet hat. Hier hat sie mit dem Blick der reinsten Menschenliebe noch unrealisierten Ideen unseres Zeitalters vorgegriffen und sich vor allem auch ganz persönlich in wahrhaft heroischer Weise der Armen und der Verbrecher angenommen. Sie hat nicht nur, um die Öffentlichkeit aufzurütteln, mit leidenschaftlichem Ernst über die Lage der Armen Buch geführt für alle von der Gesellschaft Bedrängten und Benachteiligten – vor allem auch für die, deren Geist durch den Ungeist der Zeit zu leiden hatte, setzte sie sich mit ihrer Person ein.

Die Gesinnung, aus der dies alles geschah, war dieselbe, die sie als halbes Kind schon dem armen kleinen Judenmädchen in Offenbach – der Meinung des ganzen Städtchens zum Trotz – beim Kehren der Treppe helfen ließ – dieselbe, die sie noch im Todesjahr Arnims während einer großen Cholera-Epidemie mitten in das große Sterben, in die Hütten der Armen und Elenden hineinführte und ihnen furchtlos Hülfe bringen ließ.

Ihre Lebenskraft, ihre Tatkraft ist in dieser Zeit, in der ihr heroischer Jugendtraum in die Wirklichkeit hinausgetreten war, unerschöpflich. Denn auch jetzt noch, während all dieser an sich schon gewaltigen Leistungen, blieb immer ihr schönes Haus in den Zelten der Mittelpunkt eines reichen geistigen Lebens. Immer neue Freundschaften mit außerordentlichen Menschen, immer neue lebendige Inhalte nimmt Bettina noch in diesen späten Jahren in ihr Leben auf. Kein Alter ist bis zuletzt an ihr zu spüren.

Im Februar 1859, 74jährig, ist Bettina aus ihrem reichen gesegneten Leben geschieden. Rückblickend erkennen wir, wie dies ganze Leben in seiner glückseligen Fülle hervorströmt aus der inneren strahlenden Gewißheit ihrer Jugend: »Es weissagt etwas in mir, daß eine Kraft in dieser Welt sei, die mit Leidenschaft mich liebt.« Aus dieser tiefen ursprünglichen Begnadung ihres Wesens hat Bettina gelebt – begnadet in allem Wechsel ihres Lebens vom Geist, dem sie treu blieb bis ans Ende. Da war kein Traum und keine Sehnsucht, die sie jemals auch nur für Augenblicke von dieser innersten Liebe ablenkte und ihr untreu machte. Denn begnadet war sie auch darin, daß der geschichtliche Augenblick, in dem sie lebte, wirklich ganz und gar der ihre war: daß sie – ganz Kind ihrer Zeit – gerade als solches rein aus der Ewigkeit des Geistes leben durfte.

Und so ist ihr Leben mit allem, was es an Widerspruchsvollem, an Naturhaftem und Menschlichem, an Traum und Wirklichkeit, an Ruhe und Unruhe, an Heroismus und Leichtigkeit, an Glauben und Unglauben umfaßt – doch als Ganzes wie eine einzige große Symphonie, die sich aus dem einen klargegebenen Thema emporentwickelt, immer vollere Harmonien und Melodien in sich aufnimmt, um zuletzt wie die Symphonie ihres großen Meisters aus dem traumhaften Klang in das volle Wort des ganzen Lebens auszubrechen.

 

 

Karoline von Günderode

 

Denn ich bin ewig meine Liebe selbst.

Karoline von Günderode

 

In Karoline von Günderode begegnet uns die reine Verinnerlichung des romantischen Lebensbildes wieder in einer anderen Gestalt. In ihr hat eine ganz bestimmte Welt, aus der die Romantik entscheidende Lebenswerte schöpfte, eine ergreifend reine innere Gestaltung gefunden: die Welt der griechischen Antike.

Ein Stück Griechentum, griechischen Lebens ist in ihr neu geboren und in die romantische Welt tief und leuchtend eingewebt. Die großen Zusammenhänge des griechischen Mythos bilden das Gewebe dieses ganz persönlichen Lebens, und die Romantik spielt zu seiner Entfaltung ihre vergeistigte Unendlichkeitsmusik. Es ist kosmisch orphische Musik von Liebe und Tod, wie sie mit diesem einzigen Klang dennoch nur in der Welt der Romantik möglich war. Und nicht in der Zeit der morgendlich quellenden Frühromantik mit ihren aufbrechenden Entdeckungen der inneren Welt – sondern in der Traumatmosphäre der müde und still und überreif gewordenen Spätromantik, die rein in die Sphäre des Kontemplativen eingekehrt war. Nur in dieser Zeit, in dieser Welt war die Gestalt der Günderode in ihrer bildgleichen, kaum mehr des Lebens fähigen Schönheit denkbar. Rein kontemplativ in weit abgelösterem Sinne als Caroline, deren starker Wirklichkeitssinn überall die Forderungen des Wirklichen mit denen des Traumes unmittelbar versöhnte  – rein geistig in schwebenderem, abgelösterem Sinn als die lebensselige Bettina  – in weltloser lautloser Innerlichkeit der Betrachtung des Lebens und dem Nachsinnen über seine letzten Fragen zugewandt, war das Dasein der Günderode. »So sehe ich dich dahinwandeln am Hain vorüber, wo ich heimatlich bin; nicht anders als ein Sperling, vom dichten Laub verdeckt, den Schwan einsam rudern sieht auf ruhigen Wassern«, schreibt Bettina einmal an die Freundin. Kein Bild vermöchte vollkommener ihr Wesen auszudrücken: ihren ruhigen, feierlich ernsten Rhythmus, die schimmernde Einsamkeit und Lebensferne, die sanfte majestätische Schwermut ihres Daseins.

Und auch bei ihr kamen die äußeren Umstände von Anfang an ihrer eigentümlichen Wesensgestaltung entgegen und halfen die Einheit eines Lebens weben, in dem mit dem Wort des Novalis Schicksal und Gemüt Namen eines Begriffes sind.

Karoline von Günderode war im Februar 1780, fünf Jahre vor Bettina, in Karlsruhe als Sprößling eines alten Adelsgeschlechtes, als Tochter zweier dichterisch begabter Eltern geboren. Sie war die Älteste von sechs Geschwistern; drei ihrer Schwestern starben ganz jung an der Schwindsucht. Sie verlor ihren Vater schon mit sechs Jahren, und da sie in wenig günstigen Vermögensverhältnissen war, wurde sie siebzehnjährig in das evangelische adlige Damenstift in Frankfurt aufgenommen.

Von ihrer frühen Jugend an war sie also ganz frei, ohne alle Bindungen und äußeren Pflichten. Sie hatte vollkommene Muße, ihren Geist zu bilden, zu denken und zu dichten. So wurde das rein geistige Leben ihr ebenso Voraussetzung wie Aufgabe: der ihr angewiesene Lebensraum selbst. Und nicht wie bei Bettina war es das Wirkliche, das sie immer wieder am Geist maß, mit Geist durchdrang; das Wirkliche, das Individuelle war weder im Leben noch in der Dichtung der Gegenstand ihrer Gestalt. Auf ihm haftete ihr Blick immer groß und fremd; sie kannte in beiden Bezirken einzig die Idee.

Dies war das für die anderen Hinreißende, für sie selbst Verhängnisvolle ihres Wesens: daß sie blind war für das Alltägliche und Geringe, für das Verwickelte und Vermischte, aus dem das reale Leben zum allergrößten Teil besteht. Sie blickte nicht wie Bettina lachend darüber hinweg  – sie konnte es überhaupt nicht sehen.

Man sieht sie nicht als die, die sie war, wenn man sie als volle plastische Gestalt in den Aufgaben und Wirrnissen der Wirklichkeit zu erfassen sucht wie Bettina; zu ihnen ist sie ohne jede Beziehung. Es ist, als wandelte ihre Gestalt wie ein schönes einsames Luftgebilde auf Wolken, wie im Traum, als haftete ihr Blick nicht an den Dingen dieser Erde, sondern würde durch sie hindurch unmittelbar fortgezogen ins Unendliche.

Schon in ihrem Äußeren  – wir besitzen nur sehr mangelhafte Bilder von ihr, aber sehr schöne lebendige Beschreibungen Bettinas  – drückt sich eine unendlich liebliche Lebensferne aus. »Sie hatte braunes Haar, aber blaue Augen, die waren gedeckt von langen Augenwimpern; wenn sie lachte, so war es nicht laut, es war vielmehr ein sanftes, gedämpftes Girren, in dem sich Lust und Heiterkeit sehr vernehmlich aussprach;  – sie ging nicht, sie wandelte, wenn man verstehen will, was ich damit auszusprechen meine; ihr Kleid war ein Gewand, was sie in schmeichelnden Falten umgab, das kam von ihren weichen Bewegungen her; ihr Wuchs war hoch, ihre Gestalt war zu fließend, als daß man es mit dem Worte schlank ausdrücken könnte; sie war schüchtern-freundlich und viel zu willenlos, als daß sie sich in der Gesellschaft bemerkbar gemacht hätte. «

Wir fühlen in dieser Schilderung das traumhaft Abgewandte, das gleichsam nur Hingehauchte dieses Lebens. Wir sehen darin zugleich die Unfähigkeit und den mangelnden Willen, sich durchzusetzen, der nicht einer Schwäche, sondern einer ursprünglichen Fremdheit gegen das Wirkliche entsprang. Nicht einmal die Geselligkeit, diese ohnehin schon von der vollen Wirklichkeit abgelöste romantische Form der Gemeinschaft, konnte der Günderode bei dieser Wesensart das sein, was sie allen anderen Frauen der Romantik war.

Sie hätte ganz in sich selbst versinken müssen  – wenn sie nicht dennoch eine Welt besessen hätte, die ihr ganzes Leben aufnahm: ihre Dichtung. Aber diese Welt, die sie über das Eigene hinausführte, mußte zugleich ihr Leben noch tiefer entwirklichen. Denn was der Dichter in seine Gestaltung legt, das entzieht er seinem Leben. Und die Dichtung der Günderode lebt, wie man sie auch im einzelnen bewerten möge, als ganze für sich. Karoline von Günderode allein von allen Frauen der Romantik trug in sich die Anlage nicht nur, sondern auch den Zwang zu objektiver künstlerischer Gestaltung. Und damit ist ihr Leben vor ein Problem gestellt, das wir im Leben keiner der anderen Frauen finden. Es ist in ihm jene ursprüngliche Spaltung in gelebtes und angeschautes Leben, wie wir sie als typisch männliche Lebensform aus dem Leben des schöpferischen Künstlers kennen. Karoline von Günderode war aber auf der anderen Seite ganz und gar Frau. Sie wußte  – anders als Bettina – von Anfang an, daß sie auf ein volles lebendiges Frauenschicksal gestellt war. Und dies bedeutet gerade ungespaltene Einheitlichkeit, Ganzheit des Daseins. Diese ursprüngliche weibliche Ganzheit ihres Daseins, in der sie aber durch jene Spaltung nicht unmittelbar zu leben vermochte, spiegelt sich überall in ihrem Schauen, in ihrer Dichtung. Und da sie sie in Wahrheit nur dort, nicht als gelebte, sondern als geschaute wieder ergreifen konnte, geschah ihr das Seltsame, daß sie nicht nur wie die gesamte Romantik Leben und Dichtung vermischte  – sondern daß sie selbst aus dem gelebten in das angeschaute Leben gleichsam hinüberglitt  – daß sie selbst zu einer Gestalt ihrer Dichtung wurde. In ihrem ganzen Dasein ist etwas von der geheimnisvollen Verschiebung der Wirklichkeiten, die die wiedererweckte mythische Helena Goethes erfährt: »Ich schwinde hin und werde selbst mir zum Symbol.«

Und auch mit der Günderode scheint ja eine Frauengestalt fernster Vergangenheit in das Leben zurückgekehrt, die immer mit einem leisen Schauder sich in den ihr fremden Zusammenhängen des gegenwärtigen Lebens wahrnimmt. Sie scheint nicht ganz in ihre Zeit, noch überhaupt ganz in dies Leben zu gehören, in ihm nicht ursprünglich verwurzelt zu sein. Das kommt bei ihr zunächst darin zum Ausdruck, daß die Form des subjektiven Lebens überhaupt ihr fremd und nachträglich erscheint. Nicht nur ihr Geist war im Gegensatz zu dem rein subjektiven Bettinas ein objektiv metaphysischer; nicht nur ihr Denken suchte, indem es sich von dem persönlichen Mittelpunkt ablöste, die Zusammenhänge des Lebens in sich selbst zu ergründen und vermochte erst von ihnen aus das eigene Dasein zu erfassen  – ihr Lebensgefühl selbst war ein metaphysisches. Im genauen Widerspruch zu der in sich selbst seligen Bettina drängte sie immer über ihr Selbst hinaus, sehnte sie sich ganz ursprünglich nach Erlösung von den zu engen Schranken ihrer irdischen Existenz, erschien ihr die Form des persönlichen Daseins an sich als eine zu enge gegenüber dem Ganzen des Lebens, das sie als ihre eigentliche Heimat erfuhr.

Entzückend hat Bettina der über alles geliebten Freundin gegenüber ihre Eifersucht auf dies ihr verschlossene Lebensreich und zugleich ihren neckenden verhüllten Zweifel an seiner Realität und Zulässigkeit für das menschliche Dasein ausgedrückt. »Ich weiß nicht«, schreibt sie der Günderode, »wie ich immer empfinde, als sei alles Leben inner mir und nichts außer mir, Du aber suchst in höheren Regionen nach Antwort auf Deine Sehnsucht, willst mit Deinen Gespielinnen den Mond umwallen, wo ich keine Möglichkeit mir denken kann mitzutanzen, willst erlöst sein von den engen Schranken Deines Wesens, und mein ganz Glück ist doch, daß Gott Dich in Deiner Eigentümlichkeit geschaffen hat.«

So sucht Bettina den Wert und die Schönheit, die Karoline von Günderode im Ganzen des Lebens sucht, rein in die Persönlichkeit der Freundin zurückzuverlegen. Und nur so: als Ausdruck dieser einzigen Persönlichkeit, als Gestaltung ihres Verhältnisses zur Welt liebt und verehrt sie auch deren Dichtung. Sie, die alle gedanklich ausgedrückte Metaphysik verabscheut, sieht in der dichterisch geformten der Günderode die das lebendige Ganze ihres Lebens widerspiegelnde Schönheit, und aus der Gläubigkeit ihres Herzens sagt sie zu ihr: »Du aber bist ein Dichter und alles was Du sagst, ist die Wahrheit und heilig.« Daß das Denken der Günderode kein bloßes abstraktes Denken war, daß es immer zugleich eine Gestalt hatte, Gestalt war, daß so auch sie der Schönheit diente und daß sie sie zugleich selbst verkörperte, war der Lebensnerv der Freundschaft zwischen ihr und Bettina. Hier beteten die beiden so ungleichen Freundinnen zu einem gemeinsamen Gott. Und ganz im Geist einer seligen, schwebenden Schönheit, jener »Schwebe-Religion«, die sie gemeinsam gründen und leben wollten, war diese von lebendigem Geist überströmende Jugendfreundschaft gegründet, die in keinem Frauenleben ihresgleichen gehabt hat.

Bettina war in ihr die Empfangende und die weit Leidenschaftlichere. Sie hat vielleicht nie wieder einen Menschen so geliebt wie die Günderode, die sie so tief und rein wie kein anderer Mensch verstanden, von deren adliger Seelengüte sie noch nach deren Bruch mit ihr so innig Zeugnis abgelegt hat, von der sie noch spät in ihrem überreichen Leben bekannt hat: »das Beste, was ich weiß, verdanke ich der Günderode.«

Sie saß der Freundin, die, der Jüngeren gegenüber in allem Persönlichen streng verschlossen, sie nur in die Welt ihres Geistes einführte, wie eine Jüngerin der Priesterin zu Füßen. Die Günderode las ihr ihre Dichtungen vor, die Bettina in immer neuer lebendiger Begeisterung an der Größe und Reinheit ihrer Bilder und Gestalten aufnahm. Diese eigentümliche Größe und Reinheit, die Bettina hinriß, stammte aus zwei gesonderten Quellen; sie stammte einmal aus der ursprünglichen Lebensferne der Günderode, die nur das Fremde und weit Entfernte: die verschimmernden blauen Grenzlinien eines Lebens erblickte, über dessen nahe Fülle und konkrete einzelne Gestalten ihr Auge hinwegschweifte; sie stammte zum andern aus der Gewalt einer leidenschaftlichen und von keiner Wirklichkeit eingeschränkten Empfindung, der nur das Größte gemäß und selbstverständlich, das Kleine und Halbe bis zum Nichterkennen fremd und unbegreiflich war.

So schwingt und schwebt die Dichtung der Günderode allein im Lebensraum des Unermeßlichen. Nichts ist ihr zum Ausdruck groß, gewaltig, fremd und fern genug. Nur von übermächtigen Ereignissen, Schicksalen und Taten, die wie riesenhafte Schatten des Zeitlichen auf die bleiche Nebelwand der Ewigkeit fallen: von blutigen Schlachten, heldenhaften Überwindungen und Selbstüberwindungen handeln die Dichtungen der jungen Stiftsdame, die  – wie Bettina einmal erzählt  – so schüchtern war, daß es sie jedesmal Überwindung kostete, im Stift, wenn die Reihe an ihr war, das Tischgebet zu sprechen. Wer die scheue, mädchenhafte Gestalt mit den sanften blauen Augen sah, wunderte sich über die gigantischen männlichen Themen ihrer Dichtung. Aber diese waren nichts anderes als die Spiegelungen eines Geistes, der nur in den ewigen Lebenszusammenhängen seine Heimat hatte, und einer Empfindung, deren hohe Wellen kein irdisches Ufer einzudämmen vermochte.

Dies urromantische Verhältnis einer reinen Spiegelung inneren Lebens ist in den Dichtungen der Günderode überall fühlbar. Sie gehen nie von äußeren Wirklichkeiten aus und haben die großen, nicht ganz ausgefüllten Linien des rein Imaginativen. Sie spielen wie fast alle Dichtungen der Romantik in fernen Ländern und Zeiten, von denen man nicht das Einzelne, Individuelle, sondern nur die allgemeinen großen Umrisse sieht. Und sie haben auch das aller romantischen Dichtung Gemeinsame: daß sie, auch wo sie epische oder dramatische Form haben, reine Lyrik sind, daß es allein der glühende Mittelpunkt des persönlichen Lebens ist, der sie von innen her beseelt und seine Strahlen unmittelbar in das Ganze des Werkes aussendet: was er nicht mehr ganz erreicht, läßt er kalt und leer zurück  – aber je mehr wir uns ihm annähern, um so lebendiger, wärmer und erfüllter strömt uns das Leben dieser Dichtung entgegen.

Der glühende Kern der Dichtung der Günderode ist die eigentümliche leidenschaftliche und leidvolle Beziehung ihres Lebens zu Schönheit und Tod. Nur am Tod entfaltet die Schönheit die ganze tragische Gewalt ihres Wunders; nur am Schönen wird der Tod in seiner ganzen zerrüttenden Kraft erlebt. So ist der durch alle Melodien immer wieder emporquellende Grundton der Dichtung der Günderode die Klage um die Vergänglichkeit des Schönen. Der Refrain ihres Gedichtes »Adonis Totenfeier«:

 

Wehe daß der Gott auf Erden

Sterblich mußt geboren werden

 

ist der Refrain ihrer Dichtung überhaupt. Wie kann es sein  – das ist die Urfrage ihres Lebens  –, daß das Schöne, das die Erscheinung des Göttlichen auf Erden ist, dennoch vergänglich ist? Ist denn das Göttliche nicht ewig? Es ist die Frage der Gestalt an das Chaos, der Ewigkeit an die Zeit, der Unsterblichkeit an die Vergänglichkeit: diese Urfrage der eleusinischen Mysterien, die ihre Urantwort bereits mit sich führt. In der Schönheit ist der Gott selbst in das Leben herabgestiegen, und das Leben, in dem er sich offenbart, ist dasselbe, das ihn in unaufhörlichem Wandel in sich zurücknimmt. Aber das Göttliche als seinem Wesen nach Ewiges kann nicht sterben. Sein Tod ist nur scheinbarer Tod. Was stirbt, ist nur seine Form. Es selbst bleibt im Wechsel erhalten, um in immer neuer Form aufzuerstehen.

Wir selbst aber sind Gestalt  – und Liebende der Gestalt. Und indem wir als vergängliche Gestalten in den ewigen Kreislauf eingehen, entströmt uns zugleich als Liebenden die Klage über den Tod jeder einzelnen Offenbarung des Göttlichen, jeder Schönheit, die unser Auge in ihrer Einmaligkeit schaut, an die unser Herz in dieser Einmaligkeit sich verliert.

Aber diese Totenklage um die einzelne Erscheinung des Göttlichen im Irdischen, um den »süßen Leib des Schönen« zieht selbst den Blick vom Irdischen hinweg in das Mysterium der Verwandlung, in die das Göttliche sterbend eingeht. Von der Liebe zum einzelnen Schönen wird durch seinen Tod selbst der sehnende Geist hinabgezogen in das Geheimnis der ewigen Auferstehung.

So führt die Schönheit mitten in das Mysterium der Unsterblichkeit hinein. Nur geweihten Augen offenbart es sich: Nur denen, die im vergänglichen Schönen den unsterblichen Gott erfahren, denen so die Totenklage um das Schöne schon durchweht ist von der ahnungsvollen Verheißung seiner Auferstehung.

 

Laßt die Klage uns erneuern!

rufet zu geheimen Feiern

die Adonis heilig nennen,

seine Gottheit anerkennen,

die die Weihen sich erworben

denen auch der Gott gestorben.

Brecht die dunkle Anemone

sie, die ihre Blätterkrone

sinnend still herunter beuget,

leise sich zur Tiefe neiget

forschend, ob der Gott auf Erden

wieder soll geboren werden.

 

Wie die dunkle Anemone neigt die Seele der Dichterin sich lauschend über das Mysterium des Todes, aus dem ihr die Verkündung des großen Kreislaufes von Liebe, Tod und Auferstehung aufrauscht. Der Tod selbst war ihr so letzte Erschließung, Sinn und Mittelpunkt des Lebens. In seinem Zeichen weihte sich ihre Seele dem Gott, dessen Priesterin sie war. Es war ein dunkler unerbittlicher Gott, obwohl es der berauschte selige Gott war, der in Platos Gastmahl den festlichen Hintergrund des Lebens wie einen Vorhang aufhebt und die bekränzten Zecher auf das große ewige Meer der Schönheit hinausblicken läßt: dies Meer, das dem, der es schaut, Glanz und Entzücken, dem, der sich hinauswagt, Gefahr und Tod ist.

Sie selbst aber kannte keinen Unterschied zwischen Schauen und Sein. Im Schauen selbst wagte sie sich, und das Wagnis ihres Seins selbst lag im Schauen.

 

Wer die Schönheit angeschaut mit Augen,

Ist dem Tode schon dahingegeben  –

 

 so hat ein späterer Dichter, Platen, das Mysterium solcher Einheit ausgesprochen. Dies war Karoline von Günderode: eine vom Eros Getroffene, von der Schönheit bis in Tod und Auferstehung hinein Entflammte. Das Leben, das sie trug, ging in größeren Wellen als das der anderen Sterblichen. Und sie konnte sich ungestört, unabgelenkt diesem Rhythmus ihres Lebens überlassen. In ihrem abgesonderten, rein nach innen gewandten Dasein mußte sie früh erfahren, daß sie in ihm wehrloser und schrankenloser als andere gebundenere Menschen den Stürmen ihres leidenschaftlichen Herzens preisgegeben war. Wir wissen von einer frühen Leidenschaft, die schon der entscheidenden vorausging, die zweifellos einen nie wieder ganz gelichtetenSchatten über ihr Dasein gelegt hat.

Neunzehnjährig, im Juli 1799, lernte sie auf einem Gut bei Freunden den späteren großen Rechtsgelehrten Savigny kennen. Er war um ein Jahr älter als sie; ernst, scharfblickend, früh gereift, sanft und verschlossen.  – »Dieser Mensch ist ganz wie ein inhaltreiches, tiefes Buch, das man lange studieren kann, ohne es ganz zu erkennen«, hat Creuzer später einmal von ihm gesagt. Und: »Du glaubst nicht, wie Wenige man findet in der Welt, die ganz frei sind vom Schlechten und Gemeinen, und wie ein Mann gleich Savigny ein wahres Wunderwerk ist«, schreibt Clemens an Bettina. Alle Menschen seiner Umgebung sind trotz seines einsamen abgeschlossenen Gelehrtenlebens und seiner großen Schweigsamkeit einig in dem Lobe seiner reinen Güte und großartigen Menschlichkeit. Ein klares Bild dieser tiefen, geistdurchströmten Menschlichkeit geben die Briefe, die er später an die Günderode geschrieben hat. Aber auch noch etwas anderes hat Creuzer an Savigny gesehen: »Er ist zurückhaltend wie im Wort so in den Gütern dieses Lebens. Ihm fehlt die Gabe zu verschwenden.« Und hierin hat er zweifellos den für Karolinens Schicksal verhängnisvollen Wesenszug des streng zusammengefaßten, herben Menschen ausgesprochen.

Schon beim ersten Anblick machte Savigny einen tiefen Eindruck auf sie, und sehr bald wurde ihr klar, daß es eine mächtige Leidenschaft war, die sie zu dem außerordentlichen Menschen hinzog. »Zürnen möchte ich mit mir selbst«, schreibt sie ihrer Freundin Karoline von Barkhaus, »daß sich mein Herz so schnell an einen Mann hingab, dem ich wahrscheinlich ganz gleichgültig bin; aber es ist nun so.«

Sie ist Savigny keineswegs gleichgültig gewesen, das sieht man klar aus manchenspäteren Äußerungen gegen sie. Und daß er sein Gefühl nicht Herr über sich werden ließ und eine strenge Zurückhaltung bewahrte, beruht sicher nicht auf der Schwäche dieses Gefühls, sondern auf einer eigentümlichen Klarheit seiner Person. Sicher hatte er in seiner planvollen Art bald erkannt, daß eine so schicksalhafte Liebe, wie es die zu dieser Frau notwendig werden mußte, den ihm vorgezeichneten Weg gestört hätte. Bei der genauen und tiefen Kenntnis von Karolinens Wesen, die seine späteren Briefe an sie zeigen, empfand er zweifellos schon damals, welcher Art ihre Liebe war: daß sie flammend gegenwärtig, doch nicht verläßlich und tragend: ganz Ewigkeit, Traum und Dichtung, aber nicht geschaffen sich in der Zeit zu bewähren, nicht das Leben des Tages unterbauende Ruhe und Festigkeit war,  – selbst ein glänzendes, weit hingebreitetes Meer, dem sein Lebensschiff anzuvertrauen Gefahr war. Bei Karolinens reiner Offenheit in der rasch aufblühenden Freundschaft beider mußte Savigny sehr bald das durchschauen, was er später oft ihre Narziß-Natur nannte: eben jenes sehnsüchtige Hingerissen- und Fortgezogenwerden von jeder lebendigen Schönheit um den Preis einer vollen schlichten irdischen Treue, das in Karolinens Dichtung immer wieder gestaltet ist, das sie in ihrem Zwiegespräch »Wandel und Treue« am unmittelbarsten ausgesprochen hat:

 

 Ich liebe Menschen nicht und nicht die Dinge,

Ihr Schönes nur  – und bin mir so getreu;

Ja Untreu’ an mir selbst wär andre Treue,

Bereitete mir Unmut, Zwist und Reue,

Mir bleibt nur so die Neigung immer frei.

Die Harmonie der inneren Gestalten

Zerstören nie die ordnenden Gewalten,

Die für Verderbnis nur die Not erfand. –

Drum laß mich, wie mich der Moment geboren.

In ew’gen Kreisen drehen sich die Horen,

Die Sterne wechseln ohne festen Stand,

Der Bach enteilt der Quelle, kehrt nicht wieder,

Der Strom des Lebens woget auf und nieder

Und reißet mich in seinen Wirbeln fort.

Sieh alles Leben! es ist kein Bestehen,

Es ist ein ew’ges Wandern, Kommen, Gehen,

Lebend’ger Wandel! buntes reges Streben!

O Strom! in dich ergießt sich all mein Leben!

Dir stürz’ ich zu! vergesse Land und Port!

 

Die Günderode hat diese ihr so sehr eigentümlichen Worte, in denen die Idee des platonischen Eros im romantischen Lebensrhythmus Gestalt gewonnen hat, selbst dem Narziß in den Mund gelegt. Die fortstürzende Liebe des ewig vom Eros, von jeder neuen lebendigen Schönheit Entflammten enthüllt sich dem rein nach innen gewandten romantischen Lebensgefühl zuletzt als bloße täuschende Selbstspiegelung; der Liebende wirft sich der geschauten Schönheit entgegen und sinkt sehnsüchtig in seine eigene Schönheit, seine eigene Unendlichkeit hinab. Diese Liebe des Narziß, des unentrinnbar an sich selbst hingegebenen Todes- und Unsterblichkeitssüchtigen, in der ewig die Priesterin neu um den Tod des Gottes klagt, um in immer neuer verwandelter Form seine Auferstehung zu erleben: diese echte Dichterliebe war die Form von Karolinens Liebe. »Sich in andern liebt der Mensch«  – dies Mysterium unersättlicher romantischer Liebe hat sie in unzähligen Formen immer wieder ausgesprochen.

So mochte Savigny mit seinem untrüglichen menschlichen Instinkt bald erkannt haben, daß für dies schöne und einzig im Schönen lebende Wesen die Treue gegen das Wirkliche und der reale Alltag des Lebens nicht existierten, daß sie ihm keine Gestaltung würde geben können. Er selbst aber hatte sich seinen Lebensplan des großen Wissenschaftlers früh mit voller systematischer Klarheit entworfen. Die Wissenschaft ging bei ihm dem Leben voraus und gliederte und ordnete sein persönliches Dasein. Er verheiratete sich fünf Jahre später mit Bettinas älterer Schwester Gundel, die unter allen Brentanos am wenigsten hervortritt und wohl eine lebendige, kluge, aber keineswegs eine außergewöhnliche Frau war.

Wir erfahren nichts darüber, wie diese erste schwere Zurückweisung in sich selbst Karoline traf. Sie war nach seiner Verheiratung öfter auf Savignys Gut zu Gast und mit ihm herzlich befreundet. Er hat alles getan, um sich ihre Freundschaft zu erhalten, ihre Zurückhaltung ihm gegenüber zu brechen; er hat wie ein Liebender und wie ein Künstler neckend und ernst an ihrer Gestalt gebildet und sie zum Verständnis ihrer selbst, zu einer größeren Straffheit und Bewußtheit in Leben und Arbeit und zu einer stärkeren Verantwortung gegenüber dem Wirklichen zu erziehen gesucht.

Trotzdem hat sicher dies Erlebnis in ihrer Seele unauslöschliche Spuren hinterlassen und sie noch tiefer in die Einsamkeit ihres Wesens und ihrer Liebe hinabgestoßen. Aus der Zeit ihrer Liebe zu Savigny stammt das Gedicht:

 

 Du innig Rot bis an den Tod

soll meine Lieb’ dir gleichen,

soll nimmer bleichen,

bis in den Tod

du glühend Rot

soll sie dir gleichen.

 

Es ist ein Gelübde an ihre einsame, rein in sich lebende Liebe. Ihr Eros war ein einsamer Gott. Da er in ihrem ersten großen Gefühl aus seiner Einsamkeit nicht erlöst wurde, wandte er sich noch tiefer in ihr Inneres zurück und prägte damit ihre Narzißnatur noch traumhafter und verhängnisvoller aus.

Später nahm Clemens Brentano, der auf seine Art heftig und verwirrend in Karoline verliebt war, durch die Schönheit seiner Dichtung und durch seinen großen persönlichen Zauber eine kurze Zeitlang ihr Herz gefangen; aber an der Augenblicklichkeit und Vielfachheit ihres Wesens, in der sie sich nicht zurechtfand, zerbrach ihre Neigung schnell.

Karolinens Schicksal erfüllte sich, als sie Friedrich Creuzer kennen lernte, der Professor der Philologie und Geschichte in Heidelberg war. Er war damals dreiunddreißig Jahre alt und seit mehreren Jahren verheiratet.

Creuzer und Karoline begegneten sich an einem Augustmorgen auf dem Altan des Heidelberger Schlosses; der erste Anblick Karolinens entschied über Creuzers Schicksal. Die schwebende Schönheit, die griechische Anmut ihrer Erscheinung riß ihn hin, und ihr Geist und ihr Wesen bestätigten alles, was ihr Anblick verhieß. Es war ihm, als ob in ihr der reinste Traum seines Geistes in das Leben herabgestiegen wäre. Denn sein ganzes Schaffen kreiste um die Welt der griechischen Antike; es war seine Sehnsucht, sie im Sinne der Romantik aus einer zentralen Idee heraus als einen in sich ruhenden Organismus, eine lebendige Gestalt zu erfassen. Dieser Idee des Griechentums, die ihm bis dahin nur unbestimmt vorgeschwebt hatte, entsprach Erscheinung und Wesen, Weltanschauung und Dichtung der Günderode in so wunderhafter Weise, daß seine Idee sich durch sie mit Blut und Leben füllte und das Griechentum unmittelbar aus ihr sich ihm zu einem klar geschauten Bilde gestaltete. So wurde sie ihm für sein Leben und sein Werk gleich entscheidend.

Nicht lange nach diesem ersten Zusammentreffen schon schreibt er ihr: »Das Vertrauen, das Sie in den ersten Stunden unserer Bekanntschaft gegen mich zeigten, war das gegen einen alten Freund. Aus mir aber sprach Liebe vom ersten Augenblick an. Kann ich es sagen, wie sie ward? Wer kann der Gottheit widerstehen?« Als eine Gottheit kam diese Liebe in sein Leben; als Gottheit ist ihm Karoline selbst erschienen. Und fast ist es, als hätte er bei aller Sehnsucht nach ihrer Liebe gewünscht, sie möchte ihm Gottheit bleiben, als wäre seine eigene Liebe ihm genug des Glücks gewesen. Es ist in diesem Brief nicht das einzige Mal, daß er sie darauf hinweist, daß sie anfänglich für ihn nur Freundschaft und Vertrauen empfunden habe. Er war äußerlich unschön, ein verheirateter Mann. Sein mühseliges und eingeschränktes Gelehrtendasein, seine Ehe mit einer um dreizehn Jahre älteren Professorenwitwe hatten ihn bereits innerlich gezeichnet. Aber im Maße, als die seltene geistige Übereinstimmung zwischen Creuzer und Karoline sich bestätigte, als seine starke und bewundernde Liebe wuchs, griff ihre Flamme auf Karoline über. Indem er sich mit ihrem Geist, mit ihrem Leben erfüllte, wuchs er selbst, wurde weiter, reicher, blühender, ihr gemäßer. Man kann sich kein wunderbareres geistiges Erblühen an einer Liebe denken als das seine. Aber auch er hatte ihr viel zu geben, er brachte ihr eine fremde, ihr tief gemäße Metaphysik: Schelling, Spinoza, den Neoplatonismus vor allem nahe, die ihr philosophischer Geist mit lebendiger Leidenschaft ergriff und in ihre eigene Weltanschauung einschmolz.   So führte er sie ein entscheidendes Stück tiefer und weiter in ihre eigene Welt hinein. Aber immer fühlte er sich durch ihre ursprünglich größere, weitere, dichterischere Anschauungsweise, durch die Schönheit ihres ganzen Seins als der Beschenkte, der zu ihr Aufblickende, der vor ihr Knieende.

Creuzer war eine reine, gütige, wahrhaftige Natur, mit einer tiefen Sehnsucht nach Schönheit des Denkens und des Lebens. Aber er war nicht nur durch eine ihm ungemäße Ehe gebunden; er war auch Professor und von allen Schranken seines Berufes eingeengt. Er war in seiner Wissenschaft wie in seinem Leben gebunden. Er stand den Gedanken der Romantik mehr in Sehnsucht als in Wirklichkeit nahe. Seinem Leben wie seiner Geistesart nach war er ihnen fern, weil er auf der einen Seite ein in allen Elendigkeiten des bürgerlichen und insbesondere des kleinstädtischen Universitätslebens gebundener Mensch  – auf der anderen Seite ein rein wissenschaftlicher, objektiver Denker war. Was ihm an ursprünglicher Lebendigkeit und Intuition gegeben war, war gerade genug, um ihn die Schranken seines Lebens wie seines Denkens empfinden zu lassen und ihm die Augen zu öffnen für die Schönheit und Fülle einer Totalität, die er zu schauen vermochte, von der er aber selbst schicksalsmäßig ausgeschlossen war. Das Verhältnis seines Geistes zur Romantik war dasselbe, wie das seines Lebens zu Karoline, die ihn über die Grenze seines Wesens hinausführte, in die Lücke seines Lebens selbst eintrat und ihn mit dem Versagten beschenkte.

Er konnte dies Geschenk nur noch als ein Hingerissener annehmen und sich geistig mit ihm erfüllen. Erwidern konnte er es nicht. Seiner schönen Natur waren in dürftigen Verhältnissen, in sorgenvoller Berufsarbeit und in einer seinem Wesentlichsten völlig fremden Ehe, die er wohl nur aus einer zu frühen Selbstbescheidung geschlossen hatte, die Flügel geknickt. Als er in seiner neuen, großen, überwältigenden Liebe die Flügel ausbreiten wollte zu vollem beseligendem Fluge  – da trugen sie ihn nicht mehr.

Er überschüttet die Geliebte in seinen Briefen mit Strömen verklärender Liebe. Er gibt ihr alle Namen seiner Sehnsucht, er nennt sie die Herrliche, die Große, er nannte sie zuletzt nur die Poesie selbst. Mit all dem sonderte er sie aber zugleich von seinem persönlichen Leben ab, wies er ihr ein schimmerndes Reich für sich: das Reich ihres eigenen Seins an, in dem er sie wie in einem Heiligtum verehrte, das er selbst zu betreten sich aber nicht getraute.

Von dem Augenblick an, wo er ihrer Gegenliebe inne wird, taucht die Angst herauf, ihrem Schönheitssinn vor allem durch sein Äußeres, aber auch durch sein Wesen und Leben nicht genügen zu können. Er ist darin von Anfang an von tiefer Wahrhaftigkeit. Immer wieder sagt er, daß er unwürdig sei, von der Poesie geliebt zu werden, daß ihm die Anmut der Erscheinung und des Ausdrucks fehle, die Schönheit, die doch ihre Lebensluft sei. »Die Natur war ja überhaupt ungütig gegen mich im Äußeren; besonders auch in der Kunst und im Reiz des Ausdrucks«, schreibt er ihr. »Ich bin eine von den hölzernen Silenenfiguren, wie einmal Plato sagt im Gastmahle, die, selber schlecht, zu Behältern dienen von herrlichen Götterbildern, die man darin verschließt des Staubes wegen. Das Götterbild ist mein Gemüt, das fähig war, Ihren Wert zu fühlen.« So verlegt er immer wieder allen Wert seines Lebens in das ihre. Und als sie ihm dennoch ihre Liebe immer wieder beteuert, als er nicht mehr daran zweifeln kann, daß er von ihr geliebt ist, taucht noch eine andere Angst herauf: er beginnt zu fürchten, daß sie ihm die Schönheit, die ihm fehlt, andichte, daß sie ihn idealisiere  – daß er gar nicht der sei, für den sie ihn halte, daß er sie darum durch seine Wirklichkeit immer wieder um so schwerer enttäuschen müsse. Und wirklich scheint oft beim Wiedersehen nach längerer Trennung ein Schatten der Enttäuschung an ihm sich über die Beziehung gelegt zu haben. Zum mindesten empfand er es so, und es quälte und beunruhigte ihn im tiefsten.

»Nun darf ich mich doch der Hoffnung überlassen, Sie den Sommer zu sehen«, schreibt er ihr einmal. »Sie fragen, ob ich mich darauf freue  – wie die finstere Welt auf das Erwachen des Tages! Ob ich mich freue? Nein, dennoch, ich freue mich nicht  – ich bin bang und sehe mutlos entgegen dieser Zusammenkunft  – denn ich ahne es: die längere Entfernung hat in Ihrer Seele wieder untergeschoben ein günstigeres Bild von mir, gemalt mit den Farben Ihrer idealisierenden Dichtung  – und nun ich dann selber komme in meiner Armut  – so kann ich nicht bestehen  – und das verwundet mich tief  – und ich muß trauern. «

Die eigentümliche, etwas gespreizte Art des Ausdrucks, die pathetische Umstellung der Worte, die sich wie in diesem Brief so auch sonst zuweilen in seinen Briefen an sie findet und seinen sonst so freien und klaren Stil beeinträchtigt, scheint auf ein Bestreben hinzuweisen, sich der »Poesie« und ihrer poetischen Denk- und Sprechweise anzunähern – ein Bestreben, das in seiner rührenden Vergeblichkeit den Abgrund, den es zu überbrücken strebt, um so deutlicher offenbar werden läßt.

Immer angstvoller empfand Creuzer, daß ihre Liebe gar nicht ihn meinte, sondern einen Traum, ein selbstgeschaffenes Wunschbild, daß die Geliebte an ihm selbst, an seiner Wirklichkeit vorbeiliebte. Diese Befürchtungen blitzen freilich zunächst nur zwischen den Beteuerungen glühendster Liebe und Verehrung und mitten im Beglücktsein durch ihre Liebe auf. Aber sie kehren immer wieder.

Wir besitzen nur Creuzers Briefe; die Karolinens sind bis auf einige wenige verloren. Aber der Reflex ihrer Briefe ist in den seinigen deutlich sichtbar. Und Schritt um Schritt entrollt sich darin das Schicksal.

Die Bande seiner Ehe werden zuerst im schwebenden Glück der Beziehung kaum gefühlt, dann namentlich für Creuzer immer drückender; schließlich wird die Scheidung erwogen. Aber nun tritt das schwerste Hindernis dazwischen  – das kein harter Stein ist, den man mit Mut überspringen, kein verzweifelter Knoten, den man mit dem Willen durchhauen kann  – sondern etwas Weiches, Elastisches, das immer zurückweicht und doch immer dableibt: die Güte von Creuzers Frau. »Ach wäre doch Sophie recht groß  – oder recht schlecht!« schreibt er verzweifelt seinem Freunde. »Aber bei dieser tötenden Güte!«  – und gleich darauf leidenschaftlich: »Du siehst, daß hier zwei Personen aufgeopfert werden, weil sie eine dritte nicht aufopfern können.« Der Wahnsinn solchen Opfers war also Creuzer vollkommen klar; aber gegen die Güte seiner Frau besaß er keine Waffen. Und für Menschen so zarten Gewissens wie Creuzer und Karoline mußte diese immer nachgiebig zurückweichende Güte wohl in der Tat das Unüberwindbarste sein.

Und doch wurde der Entschluß zur Scheidung gefaßt; Creuzers Frau selbst gab in einem wirklich guten, wenn auch vielleicht etwas zu guten und zu leidenden Brief ihre ausdrückliche Einwilligung dazu. Ob aber die Nachgiebigkeit gegen seine Frau vielleicht doch ein ihm unbewußter Selbstschutz Creuzers gewesen war? Jedenfalls treten nun, wo das Äußere sich zu entwirren beginnt, erst die in der Beziehung selbst liegenden Schwierigkeiten hervor. Auf einen Sturm von Seligkeit Creuzers folgt bald der leise, aber auch immer wiederkehrende Zweifel, ob das geliebte Mädchen – die frei über den Dingen schwebende Jungfrau  – die »Poesie« geschickt sei, eine Ehe zu führen und immer Treue zu ihm zu bewahren. Zuerst berichtet er diese Zweifel immer als Bedenken anderer  – aber, wenn sie seine Seele nicht berührt hätten, hätte er sie sicher nicht gegen die Geliebte geäußert.

Überhaupt ist für unser Gefühl die Rolle, die die Anderen  – lauter gute, oft allzu gute Freunde – in diesem Verhältnis spielen, störend und oft peinvoll. Es beweist eine innere Unsicherheit Creuzers, daß er in dieser Sache immer andere zu Rate zog, und auch Karoline ist davon, wenn auch sicher nur unter dem Einfluß seines Schwankens, nicht frei. Wäre die Beziehung in sich selbst problemlos gewesen – so hätten die Liebenden gewiß die schwierigen äußeren Verhältnisse allein bezwungen. Am entscheidensten hat wohl Savigny auf beide eingewirkt, als sie den Entschluß zur Scheidung und damit zur Heirat bald schon wieder fallen ließen. Savigny hatte gesagt, daß er die Scheidung, zu der der Entschluß Creuzers Frau nur abgerungen sei, als ein Unrecht an ihr empfinde, und ihnen darum davon abgeraten. Ob aber nicht seine abgründige Klugheit diesen Grund vorschob, weil er die beiden ihm teuren Menschen vor einer Verbindung schützen wollte, aus der er für beide nur Verwirrung und Unheil hervorgehen sah?

Abenteuerliche, echt romantische Pläne tauchen nun auf. Karoline will als Jüngling verkleidet in Creuzers Nähe leben; sie wollen nach Rußland auswandern – alles Pläne einer vollkommen unwirklichen Phantasie, bei der Creuzers Natur und Verhältnisse ganz aus dem Spiel gelassen waren. Mitten in diesen Kämpfen und verwirrten hoffnungslosen Plänen, die Karolinens zarte Natur in der Tiefe erschütterten, war der Todesgedanke ihr steter Begleiter. Es war in dieser Zeit, daß die letzte ihrer drei jüngeren Schwestern, die ihr im Alter und in der Empfindung am nächsten gewesen war, plötzlich starb. Bettina berichtet uns von einer Erscheinung, die Karoline drei Wochen später hatte. Sie lag im Bett bei brennendem Nachtlicht, als plötzlich die Schwester zu ihr hereintrat. Sie schritt auf das Bett zu, ergriff den Dolch, den Karoline immer neben sich liegen hatte, hob ihn empor und legte ihn langsam wieder hin, und sah dabei die Schwester fragend an, ob sie verstände. Darauf nahm sie die Nachtlampe und blies sie aus – »denk nur«, sagte sie voll Schauer – »ausgeblasen«.

So nah wandelte Karoline damals immer am Rand des Todes, daß diese Erscheinung ihr nur einen lang erwogenen Gedanken sichtbar machte. Der Tod war ihrer sonst so zaghaften Natur nichts Fremdes; er war nicht nur der Mittelpunkt ihrer Weltanschauung, sondern auch das Grunderlebnis ihres Daseins. In ihrem Lebensgefühl selbst war er ihr beständig nah. Es war, als wäre das lose gewirkte, durchscheinende Gewebe ihres Lebens an sich durchsichtiger für den Tod. Ihr Wesen war ursprünglich wie von tieferen Mächten aufgelockert. Er hielt dem Leben nicht stand. Die Gewalt ihrer Empfindungen traf auf eine blumenhaft zarte, schwache Vitalität. Ihre Leidenschaften waren, als schüttelte der Sturm eine zarte weiße Rose, die nur noch leicht am Stengel hängt.

So erscheint ihre Weltanschauung als die Auseinanderfaltung ihres Lebensgewebes selbst, in das der Tod klarer und erkennbarer als in das gewöhnliche Menschenleben seine reine Linie eingezeichnet hatte. Und ihr Schicksal grub diese Linie einem Schnitt gleich noch tiefer und verhängnisvoller ein und gab dem Tode wachsende Gewalt über ihr Leben. Wenn jedes nahen und geliebten Menschen Tod unser Leben dem Tode um eine Spanne näher bringt – wie nah mußte Karolinens Leben ihm kommen, dadurch, daß ihre drei jüngeren Schwestern eine nach der anderen in kurzem Zeitraum vor ihr hinstarben. Man sieht ihr Leben tiefer und tiefer in den Schatten des Todes hineinrücken.

Man sieht zugleich in ihren Dichtungen und Briefen, wie in diesem Schatten ihre Liebe immer süßer, duftender, lebenssehnsüchtiger ihre große Traumkrone entfaltet und aus der Todbefangenheit alles Schönen in seine Unsterblichkeit hineindrängt.

Und Creuzer? Fast könnten wir ihn vergessen, wenn wir von ihrem Leben sprechen – so sehr ist sie ein Geschehen in sich selbst.

Der irdische Mann, den sie liebte, muß es in wachsendem Maße gefühlt haben, daß er diesem Leben, dieser Liebe fremd war. Und doch war er ihrem Leben nötig zu seiner höchsten Blüte und zur Vollstreckung ihres Schicksals. Und seine Liebe wuchs unter allen Gefahren; sie überstieg ihn selbst. Das Übermaß war – nach seinem eigenen Wort – Gebot und Sinn seines Lebens geworden – Gebot und Sinn eines Lebens, das diesem Übermaß nicht gewachsen war.

Nach einem kurzen Wiedersehen mit Karoline schreibt Creuzer in dem vergeblichen Bemühen, die verwirrten Verhältnisse auseinanderzulegen, an seinen Freund: »Ich weiß das alles nicht – das aber weiß ich, daß dieses Leben eher aus meinem Leibe weicht als diese Liebe aus meinem Herzen. . . Kein Mensch wird es ändern – denn es ist nicht Menschenwerk.«

Karoline hatte der schon beschlossenen Ehe mit Creuzer voll Milde und Hoheit entsagt. Als dann auch alle anderen phantastischen Pläne nach und nach scheiterten, faßten beide den Entschluß, in entsagender Liebe für einander zu leben. Aber dies Verhältnis, obwohl von den schönsten Worten und Versprechungen umrankt, war ein zu künstliches, zu unwahres, um durchführbar zu sein. Bald zeigen sich Schwierigkeiten, Mißverständnisse, Reizungen. Und zwar ist es diesmal Karoline, die zuerst die Sinnlosigkeit und Halbheit einer solchen Entsagung empfindet. Creuzer dagegen schreibt ihr, er dürfe sie nicht binden; er beginnt zu bereuen, daß er ihr Leben gestört habe durch Wünsche, die er nie hätte nähren dürfen, teils weil er unfrei gewesen sei, teils weil es ihm an allem dem gebreche, was ihn berechtigt hätte, sich das Schönste zu dauerndem Besitz zu unterwerfen.

Und Karoline schreibt ihm darauf in ahnungsvoller Angst: »Mein ganzes Leben bleibt Dir gewidmet. Liebe mich auch immer, Geliebter! Laß keine Zeit, kein Verhältnis zwischen uns treten. Den Verlust Deiner Liebe könnte ich nicht ertragen. Versprich mir, mich nimmer zu verlassen. O du Leben meines Lebens, verlasse meine Seele nicht!«

Karoline hat Creuzer damals das gewiß größte Opfer gebracht, das sie ihm zu jener Zeit bringen konnte: sie hat auf seinen Wunsch mit Bettina kurz gebrochen. Creuzer hatte Bettina kennen gelernt; und sie, die von der Liebe Karolinens zu ihm nichts wußte, hatte ihn, als er darauf hindeutete – zugleich von heftiger Eifersucht auf ihn und von leidenschaftlicher Abneigung gegen seine Häßlichkeit ergriffen, die ihr Karolinens Liebe zu ihm unmöglich erscheinen ließ –, in ihrer unbesonnenen Art tödlich verletzt. Er verlangte von Karoline, daß sie Bettina aus ihrem Leben weise, und sie, die nichts als ihre Liebe kannte, gab ihm nach.

Creuzer versuchte allmählich sein Leben wieder zu sammeln. Er sucht der Beziehung die rein geistige Seite abzugewinnen. Er versenkt sich in seine Arbeit. »Doch ich weiß, was ich will – schreibt er zu dieser Zeit an Karoline – ich will: die beste Blüte meiner männlichen Geisteskraft auf ein Werk verwenden, das, indem es den Mittelpunkt des frommen heiligen Altertums zu enthüllen sich bestrebt, nicht unwert wäre, der Poesie zum Opfer dargebracht zu werden.«

Dies Gelöbnis hat Creuzer gehalten. Kein Wort seines Hauptwerks: »Die Symbolik und Mythologie der alten Völker« – das ohne Karoline denkbar wäre, hinter dem nicht ihre Gestalt steht. Aber um welchen Preis?

Wir können die schauerliche Wendung, die das Verhältnis nahm, aus dem Reflex ihrer Briefe in den seinen nur ahnen. Im Maße, als Creuzer seine Liebe aus dem vollen Leben in das rein geistige zurückzog, wuchs Karolinens schmerzvolle Leidenschaft. Mit Schrecken sah Creuzer die Göttin als liebendes, begehrendes Weib in die volle Wirklichkeit herabsteigen und ihr verlorenes Leben einklagen. »Um Gotteswillen, Lina, überlaß Dich doch solchen Stürmen nicht«, heißt es angstvoll in einem seiner letzten Briefe. Er mahnt sie zur Ruhe, er weist sie an ihr Reich. Er fühlt, daß ihm hier etwas Übermächtiges, Schrankenloses entgegentritt, mit dem er nicht gerechnet hatte, und dem sein Leben mit all seinen Hemmungen und Fesselungen in keiner Weise gewachsen ist. Er hatte die Muse, die schöpferische Verklärerin seines Lebens und seines Werkes in entsagender Liebe anbeten wollen, und er traf auf ein Element.

Die täuschenden Hüllen eines vorläufigen und halben Schicksals, einer Liebe ohne den vollen fordernden Lebensernst der Liebe fallen plötzlich von der ragenden Gestalt der Günderode ab. Die Frau, die das Wort gesprochen hatte: »Denn ich bin ewig meine Liebe selbst«, konnte sich bei aller Wirklichkeitsferne ihres Lebens nicht mit einer lyrischen Fälschung und Vergeistigung der Liebe begnügen. Sie versteht gar nicht, was in all dem vor sich geht. Ihre Gestalt fällt aus dem bürgerlichen Drama von Ehescheidung und Entsagung, in dem sie mitspielen soll, vollkommen heraus. Sie hat darin keinen Raum. Wie ein unruhiger Vogel mit seinen Schwingen an lauter Gitterstäbe schlagend, flattert sie darin umher. Sie selbst fühlt, daß sie zur Ehefrau nicht taugt. Sie will auch im Grunde gar nicht dies: sie will nur eins: den Geliebten.

Jede Form der Verbindung erschreckt sie – und erst als die Frage nach der Form gefallen ist, falten sich die mächtigen Schwingen ihrer Liebe zu freiem Fluge los. – Noch ein kurzes Wiedersehen folgte. Unmittelbar danach brach Creuzer an einem Blutsturz in schwerer Krankheit zusammen. Man bangte um sein Leben.

Als er das Bewußtsein wiedererlangte, sprach er mit voller Festigkeit und Besonnenheit die Erklärung aus, daß das Verhältnis zwischen ihm und Karoline aufgehoben und vernichtet sein solle.

Sein Freund, der Theologe Daub, der auch Karolinens Freund war, teilte Creuzers Entschluß ihrer Freundin Susanne von Heiden mit und bat sie, Karoline, die zu dieser Zeit bei Freunden in Winkel am Rhein war, die Nachricht zu überbringen. Frau von Heiden zögert. Sie verlangt ein Zeichen, ein Wort von Creuzer selbst, damit Caroline ihm glauben könne. »Oder –« schreibt sie –, »was ich fast aus Ihrem Briefe schließe, ist Creuzer tot? Und mit Liebe für Karolinen gestorben? O so lassen Sie ihr diesen Trost.«

Die Absage Creuzers, die ihr durch die Freundin gegeben werden sollte, fiel Karoline, die schon lange vergeblich auf Briefe gewartet hatte und dem Briefträger entgegenging, unvermittelt in die Hände. Sie schien vollkommen ruhig. Sie ging noch kurze Zeit auf ihr Zimmer und schrieb ihre letzten Verfügungen auf.

Dann ging sie still und unauffällig, wie sie alles tat, zu ihrem gewöhnlichen Spaziergang an den Rhein hinunter. Dort fand man sie am nächsten Morgen, am 27. Juli 1806, mit ihrem Dolch im Herzen tot auf.

Wir kennen die Ursachen von Creuzers schroffem Bruch nicht. Daß er ihn mit sovoller Ruhe und Besonnenheit vollzog, läßt bei seiner Art auf die innere Notwendigkeit schließen. Er konnte Karoline nicht halten. Er kam erst wieder zu sich selbst, als diese große fremde Blüte von dem zu kargen Stengel seines Lebens abgefallen war. Er war ihrer Liebe noch weniger als ihrem Sein überhaupt gewachsen. Er mochte zu sehr erfahren haben, daß der Kuß eines Gottes den Sterblichen, den er berührt, zerschmettert. Er mochte aber auch zu stark empfinden, daß diese Liebe mit ihrer Gewalt rein in sich selbst kreiste, daß er nur ihre Veranlassung, aber nicht ihr wirkliches Ziel war, daß er darum der geliebten Frau das für sie Entscheidende niemals hätte geben können. Dies letzte, und nur dies allein – kann imstande gewesen sein, das Gefühl der furchtbaren Schuld, das ihn bei der Nachricht von ihrem Tode überfallen mußte, zu mildern. – Wir erfahren nichts darüber. Aber wir wissen, daß Creuzer genas. Es ist, als wäre Karoline für ihn in das ferne Reich zurückgekehrt, das ihre Heimat war: in den Geist und in die Unsterblichkeit des Geistes, wo sie ihm von Anbeginn heimisch war.

Seine Beziehung zu ihr lebt von nun an allein im Geist. Wie eine Vorahnung erscheint nun, was er ihr früher einmal schrieb: »Da werde ich ganz zurückgewiesen aus Gegenwart und Leben dem Altertum angehören – wie wird es mir da sein? O ich fühle es deutlich: es wird ein Wandeln sein in einer ernsten Nacht. Ich werde um mich fühlen in der Finsternis und Marmorwerk eines Meisters ergreifen – im Dämmerlicht werde ich Götterbilder sehen und Säulengänge und Hallen von großartigem Bau, und Sphinxe werden stumm am Eingang liegen. Aller Schauer wird mich fassen über der stillen Größe und der Schmerz der Einsamkeit, und ich werde zwei warme Hände suchen, die mich führen, >zwei Augen wie Sterne<, die mir leuchten, und einen begeisterten Blick einer frommen Seherin, die die Rätsel der Sphinx mir löse aus heiligem Gemüte und mir das Ferne und Fremde der Vorwelt heimlich und menschlich nahe bringe in ein liebes, warmes Leben – und das alles wird nicht mehr zu finden sein, und mich wird das Entbehren töten vor der Zeit.«

Für Creuzers Werk sind diese Worte wahr geworden nicht aber für sein Leben. Das Entbehren hat ihn nicht vor der Zeit getötet; er hat Karoline lange: um mehr als ein halbes Jahrhundert überlebt. Er ist in sein enggebundenes Gelehrtenleben zurückgekehrt. Ein anderer Creuzer spricht aus den Briefen nach Karolinens Tod. Er hat gefunden, was Savigny ihm zurückgewinnen wollte und was dieser für sich selbst nie aus den Augen verloren hatte: Ruhe und ein geordnetes Leben zur Arbeit – wie sie ihm die, die er die Poesie nannte, nie hätte schenken können – wohl aber seine brave Sophie. Man mag Creuzers Bruch mit Karoline, der auch ihn fast das Leben gekostet hätte, und seine Schuld an ihrem Tode als unvermeidliches Schicksal zu begreifen suchen; man mag seine Redlichkeit selbst noch in seinem Versagen ehren – unerträglich bleibt die Freude der guten Freunde über seine »Rettung«, mit der keineswegs nur die körperliche gemeint ist – unerträglicher noch nach Karolinens Tod sein Wort: »Wenn ich nur meine Sophie noch recht lange behalte.«

Mit diesem Wort scheidet Creuzer aus dem Kreis unseres Interesses aus. Er hat damit für sein persönliches Leben verraten, was in seinem Werk als Entscheidendes geblieben ist: die unsterbliche Geliebte, Heil und Ewigkeit seines Geistes.

Das reale Leben mit seinen allzu engen Verhältnissen, das Creuzer zuletzt doch in sich festhielt, hatte nicht Raum für die schrankenlose Gestalt der Günderode. Es stieß die Dichterin, die Seherin des Lebens und Todes aus wie eine fremde und in seinen Zusammenhängen störende Erscheinung. Auch von der griechischen Sappho wird berichtet, daß sie sich vom leukadischen Felsen stürzte, als ihr Geliebter sie verließ.

Der Schluß der schönsten Unsterblichkeitsdichtung der Günderode lautet: »Wohl mir, daß ich die heilige Ahndung meines Herzens wie der Vesta Feuer, treu bewahrte; wohl mir, daß ich den Mut hatte, der Sterblichkeit zu sterben und der Unsterblichkeit zu leben, das Sichtbare dem Unsichtbaren zu opfern.« – So hat sie ihr eigenes Leben gedichtet und ihre Dichtung gelebt. Sie hat die heilige Ahnung ihres Herzens treu bewahrt, das Sichtbare ihres Daseins seinem Unsichtbaren geopfert. Wie sie durch den Tod jedes Schönen hindurch ahnend seine Unsterblichkeit suchte, so konnte sie, die ihre Liebe selbst war, die Unsterblichkeit der Liebe nur suchen durch ihren eigenen Tod.

Darum ist dieser Selbstmord nicht ein schrilles Abreißen, nicht Wahnsinn oder Willkür und nicht einmal im eigentlichen Sinne eine Tat der Verzweiflung – sondern er ist ein freies Opfer für ihren Gott. Karoline von Günderode folgte ihrem Gott – mit dem sie eins war, wie nur ein Mensch mit der letzten Stimme seines Innern eins sein kann. Sie gab ihr Sterbliches frei dem Kreislauf von Liebe, Tod und Auferstehung: der wahren Heimat ihrer Seele zurück. Ihre ganze Einsamkeit unter den Menschen die ganze Einsamkeit ihrer Liebe spricht aus der Grabschrift, die sie sich noch am letzten Tage bestimmte: der von ihr etwas veränderten Herderschen Übersetzung der Abschiedsworte eines indischen Einsiedlers:

 

 Erde, du meine Mutter, und du mein Ernährer der Lufthauch

Heiliges Feuer mir Freund, und du, O Bruder, der Bergstrom,

Und mein Vater, der Äther, ich sage euch allen mit Ehrfurcht

Freundlichen Dank; mit euch hab ich hienieden gelebt,

Und geh jetzt zur anderen Welt, euch gerne verlassend,

Lebt wohl denn, Bruder und Freund, Vater und Mutter lebt wohl!

 

 So ist das Leben dieser ihrer reinsten Gestalt in anderem Sinne als das der übrigen Frauen für die Romantik repräsentativ. Es erscheint als der Schwanengesang der Romantik selbst: ihre Vollendung und Auflösung in einem.

Die romantische Ironie: jenes allentwirklichende Gericht des Ganzen und Absoluten über alles Einzelne und Bedingte – von Creuzer einmal so schön als die Natursprache eines höheren Lebens definiert – ist in Karoline von Günderode aus der abgelösten Sprache des Geistes wie aus der bewußten Gestaltung eines Lebensideals, zur reinen unmittelbaren Sprache eines leidenschaftlichen Lebens selbst geworden. Ein höheres Leben hat in ihr das einzelne irdische entwirklicht und wie ein Rosenblatt ins Nichts verweht. Es ist, als hätte das lose blumenhafte Gewebe dieses Daseins, das ganz aus Liebe und Unendlichkeit, Traum und Dichtung gesponnen war, einmal in dervollen geschichtlichen Wirklichkeit ausgebreitet werden müssen, um das Schicksal der vollendeten Weltlosigkeit der Romantik, ihr Einmünden in den realen Tod in dem Augenblick, wo sie mit ihrer Wahrheit die Schwelle zum realen Leben überschreitet, sichtbar werden zu lassen und so das Gericht der Ironie an der Romantik selbst zu vollziehen.

 

 

Die Weltanschauung der Romantik

 

Helft uns nur den Erdgeist binden,

Lernt den Sinn des Todes fassen

Und das Wort des Lebens finden.

Einmal kehrt Euch um!

Novalis

 

Die romantische Bewegung im engeren Sinne nimmt in der deutschen Geistesgeschichte eine eigentümlich paradoxe Stellung ein. Der Tiefsinn und der Leichtsinn, der Überschwang und die Kühle, die Dunkelheit und die Helle, das Versunkene und das Überwache der Romantik sind zum Teil aus ihrer geschichtlichen Lage zu verstehen. Wenn die deutsche Metaphysik und Dichtung von Kant bis Nietzsche ein einziger Versuch gewesen waren, inmitten des Zerfalls der positiven Religion das Religiöse im Geist und in der einzelnen Seele noch einmal zu retten, in einem Kosmos grandioser Symbole das zu bewahren, was in der Wirklichkeit des Gemeinschaftslebens verloren gegangen war, so hat die deutsche Romantik sich einerseits mit leidenschaftlichem Rhythmus in diese Bewegung eingeordnet, anderseits sich ihr aber aus einem völlig anderen Wissen auch entgegengestemmt. Bis zu ihr hin zeigte das geistige Leben in all seiner Vielfalt eine einzige Richtung: die vorwärts in immer weitere Erschließungen. Die Romantiker als erste fühlten, daß die europäische Gesamtentwicklung den Sinn der Welt entstellt hatte. In Novalis’ Vers »Einmal kehrt euch um« ist das letzte aufrufende Wort zu einer neuen Lebensrichtung enthalten.

Die Romantiker traten in dem Augenblick in die Geschichte ein, in dem die Epoche der Klassik abgelaufen und die in ihr noch nachleuchtende Erscheinung der christlichen Wahrheit fast im Erlöschen war. Gott war aus seiner lebendigen Verbundenheit mit dem Menschen gelöst und die Welt dadurch aus einer Welt beseelter Dinge zu einer leeren, bereits von der Technik geformten Sachwelt geworden. Überall traf die Romantik statt auf Ursprüngliches auf bereits Gestaltetes und Gedeutetes, das ihr den Weg zum Eigensten verstellte. Denn Romantik ist das Heraufrufen des einmal wirklich Gewesenen in das bewahrende Eingedenken. Und es ist dies Wiederaufleben, diese unmittelbare Vergegenwärtigung eines Vergangenen, die das ganze Denken der Romantik bestimmt.

Die gesamte Romantik ruht auf dem Heimweh: Heimweh nach den Quellen und Gründen des Lebens, nach einer Welt, die die wirkliche Welt, nach einem Leben, das das ganze Leben, nach einer Wahrheit, die mehr als nur die Wahrheit des Geistes ist. Und dahin bricht die gesamte Romantik auf. Sie wendet sich um, sie sucht den Weg zurück.

Und indem sie mit neuem, geschichtlich geschärftem Auge die gesamte Wirklichkeit hinter sich überblickte, stieß sie neu auf das Grundfaktum, das Ens Realissimum der abendländischen Geschichte: das Wunder der einmal dagewesenen, im irdischen Leben verwirklichten Göttlichkeit. Und so tauchte dies Urwunder, von dem die Entwicklung den Geist immer weiter abgetrieben hatte, ohne daß je der Faden ganz abgerissen war, alles Geschichtliche überstrahlend, im Kern der romantischen Welterfassung als Ziel ihres Heimwehs wieder auf. Aus ihrer Erinnerung heraus hatten die Romantiker so den verwegenen, den echt romantischen Mut, der Geschichte ihre eigene persönliche Einsicht in das Ganze des Lebens entgegenzustellen, für sich selbst etwas sein und schaffen zu wollen, das von der Geschichte schon fast überholt schien.

Aber damit ändert das Wunder, aus dem die Romantik das Leben wieder aufzubauen strebte, selbst seine Gestalt.

Denn das Mysterium ganzen göttlichen Lebens ist nun in der äußeren Wirklichkeit nicht mehr zu ergreifen. Nur im Innern kann in diesem Augenblick die erinnerte Göttlichkeit wiedergefunden werden. Und so bedeutet die von der Romantik geforderte Umkehr des Lebens gegen seinen geschichtlichen Verlauf notwendig zugleich Abkehr und Einkehr: Abkehr vom Außen und Einkehr ins Innen – bedeutet sie Erinnerung nicht nur, sondern auch Verinnerlichung. »Nach innen geht der geheimnisvolle Weg.« Es ist dies dunkle Wort, das den tiefen, ringenden Definitionen eines Friedrich Schlegel, den trunkenen Todesvisionen eines Novalis zugrunde liegt, ja, der Begriff der Romantik, so wie sie ihn selbst konzipierte, ohne je zu seiner vollen begrifflichen Klarheit zu gelangen (»Ich kann dir meine Bestimmung des Wortes Romantik nicht schicken, weil sie hundertundfünfundzwanzig Bogen lang ist« schreibt Friedrich an August Wilhelm Schlegel), weist auf das eigentümliche Bedrängtsein von einem nicht mehr Aussprechbaren hin.

So ist es erschütternd zu sehen, mit wie leidenschaftlicher Inbrunst immer neuenSuchens, mit wie immer neuen und vertieften Wendungen das romantische Denken konzentrisch, oder eher noch einer in die Tiefe dringenden Spirale gleich, diese lebendige innere Wirklichkeit umkreist.

»Das Äußere ist ein in Geheimniszustand erhobenes Innere – vielleicht auch umgekehrt«, – alles in der Romantik blüht und flammt und wogt von der Entfaltung dieser äußersten Identität beider uns angewiesener Lebenssphären. Alles Licht sinkt ins Innere. Alle Philosophien und Dichtungen, alle Märchen und Sagen, die in buntester Fülle aus allen Ländern und Zeiten einströmen, ja auch alle Religionen sind nur noch die Hülle dieser Wahrheit. Unendlich ist der mystische Zug in die gestaltdurchwagte Nacht dieser Innerlichkeit. Noch über Fichte hinaus, der das schöpferische Selbst als absolutes Ich erfaßt, löst dieser Zug ins Innere alle äußeren Bestimmungen auf. DasselbeWunder einer nur im Innern erfaßbaren Wahrheit, das den großen Geist Friedrich Schlegels geistflüchtig unter die festeste Form der Offenbarung treibt, begründet das mystische Christentum des Novalis. Das bestimmungslose Absolute allein bleibt der Romantik von dem Wunder der ganz realen Vergöttlichung des Lebens. Und so radikal entwirklicht ist in diesem Absoluten der Romantik das Wunder der Ganzheit und Göttlichkeit, das in der vollen Wirklichkeit des Lebens wiederzuerringen sie ausgezogen war, daß es ihr zuletzt – erst hierin die ganze Paradoxie ihres Denkens entschleiernd – am reinsten, am eigentlichsten in der Gestalt des Todes erscheint.

Im Leben hat sich ihr alles als einzeln, als bedingt, als vorläufig enthüllt, als Wirkliches bleibt ihr nur der Tod. Der Tod allein ist es, der das Leben zu seiner Ganzheit vollendet, er schenkt ihm Erlösung aus aller Vereinzelung, Aufhören des Heimwehs, Vereinigung alles im Leben Getrennten, Heimkehr alles Endlichen in die Unendlichkeit. » Im Tode ward das ew’ge Leben kund«.

Der Tod wird zum Sinn des Lebens selbst. Nicht mehr vom Leben, sondern vom Tode aus wird das Leben verstanden und gelebt. Die Romantik hat, um die Tiefe der Erinnerung kreisend, diese Richtungsänderung vollzogen. Vor allem Novalis, von dem Tod seiner frühverstorbenen Braut ihr nachgezogen, selbst von den Schatten frühen Todes angeweht, wird nicht müde, das Wunder des Todes und seinen unergründlichen Sinn für das Leben zu preisen. Seine ganze, besonders seine spätere Dichtung erscheint wie ein wunderbar leuchtender See, in dem die Landschaft des Lebens umgekehrt steht. Diese Umkehrung des Lebens durch den Tod singt er in süßen schwelgenden Melodien als die, die der Welt des Tages alle Schauer des Geheimnisses, des Entzückens, der Schönheit, der Liebe und Freude schenkt.

 

Helft uns nur den Erdgeist binden,

Lernt den Sinn des Todes fassen

Und das Wort des Lebens finden;

Einmal kehrt euch um.

 

In diesem Geisterruf der Toten an die Lebenden hat Novalis sein letztes Wissen um den Sinn des Todes für das Leben niedergelegt. Vom Tode, vom Ende aus leben heißt aus der Urrichtung, der Wahrheit des Daseins leben. Und so trifft Novalis hier mit unmittelbarer Wucht sich ganz dem Tode übergebend in den Mittelpunkt der lebendigen Existenz. Und selbst wenn das ganz andere, das tiefe, das finstere Schweigen über den Tod, wie es der späte Goethe den Menschen gegenüber wahrte – nicht weil er zu wenig, sondern weil er zuviel vom Tode wußte, um zu Sterblichen vom Tode zu reden, dies »niemand, nur den Weisen« sagte – in schroffem Gegensatz zu den überströmenden Todesgesängen des Novalis steht, so waren diese beiden einander so fremden, so grundverschiedenen Todeserfassungen an diesem Punkt doch nur in ihrer gleich intensiven Beziehung zum Tode in der deutschen Geistesgeschichte möglich.

Wie an der Erfassung des Todes als der Grenze des Lebens sich am klarsten dieGestalt einer Epoche abzeichnet, am deutlichsten ihre Wirklichkeit abzulesen ist, so auch an der Todeserfassung der Romantik. Es ist nicht die religiöse, es ist auch nicht die begrifflich philosophische Sphäre – alle Sphären mischen sich in ihr. Man könnte sie die Sphäre des subjektiven Mythos nennen. Dies aber ist die Sphäre der Lyrik. Die Glut der sehnsüchtigen, vom Tod gezeichneten, auf das Ewige gerichteten Einzelseele, die so viel wissender, beladener, verlassener vor dem Ewigen steht als die von einem gemeinsamen Glauben und Geist getragene, mündet in der Romantik in die lyrische Gestaltung. Lyrik ist in der Tat ihr eigentliches, jede ihrer Äußerungen durchdringendes Lebenselement. Die ganze schwere ringende Lebensproblematik ist, unablässig durch ihr Saitenspiel rauschend, in ihrer Lyrik zu Klang und Schönheit geworden. Wie dem morgenländischen König alles, was er berührte, zu Gold wurde, so wurde ihr alles, was sie berührt – es sei das Finsterste oder das Lichteste – zu Lyrik. Im vollen Strom des singenden Innern findet sie alles im wirklichen Leben Verlorene wieder. Nichts lag der Romantik ferner als das düstere Wissen um das Überwältigtwerden des Menschentumsvom Schöpfertum, wie es im Blutpakt Fausts mit Mephistopheles gestaltet ist, oder als die verzweiflungsvolle Selbstentzauberung Prosperos, der nach dem Abwerfen seines Zaubermantels sich nackt der Gnade anheimgibt. Die Romantik hat nie im Schöpfertum die Stimme des bösen Geistes vernommen, wie es alle großen Künstler seit der Renaissance getan hatten. Sie hat es schrankenlos bejaht.

Dennoch war ihr zugleich das Wissen um die Ganzheit des Wirklichen zu unverrückbar eingepflanzt, als daß sie in der Schönheit und Vollendung eines einzelnen Gestalteten sich hätte beruhigen können. Gerade dies konnte sie nicht, gerade dies war der Stachel, der sie überall aufjagte: daß dennoch mit aller Schönheit, die sie im einzelnen Gebilde sah und anbetete, kein noch so gewaltiges Einzelne – sei es ein Werk oder eine Gestalt – ihr das Ganze ersetzen oder verdecken konnte. Aber nicht, indem sie sich von allem Bilden abwandte zur Unmittelbarkeit der Tat, zum Leben im Wirklichen – sondern rein negativ: nicht vom Leben, sondern vom Tode und seiner vom Leben nie zu erreichenden Ganzheit aus gab die Romantik diesem unmittelbaren Wissen um das Ganze Gestalt.

Der Tod und das romantische Todeswissen wirkt so nicht nur in der geistig-lyrischen Sphäre – sondern er wird zu der vom schöpferischen Geist selbst an allem Gestalteten zu vollziehenden Aufgabe. Die Wahrheit des Todes als des allein Ganzen soll vom Menschengeist selbst an allem Einzelnen vollzogen werden. Dieser geistige Vollzug des Todes am Lebendigen ist die romantische Ironie.

»Wir müssen uns über unsere eigene Liebe erheben und was wir anbeten, in Gedanken vernichten können, sonst fehlt uns der Sinn für das Unendliche« – in diesem Wort Friedrich Schlegels, das nur die subjektive Seite seines anderen Wortes ist: »Denn von des Einzelnen Tod blüht ja des Ganzen Gebild«, ist der Begriff der Ironie und damit das Verhältnis der Romantik zum Ganzen und zum Einzelnen mit voller Klarheit niedergelegt. Der Geist setzt sich in der Ironie über die Liebe. Es ist der Sinn des Geistes für die Unendlichkeit des Ganzen, der die Endgültigkeit alles Endlichen und Einzelnen vernichtet. Dem beschränkten vorläufigen Einzelnen kommt der Unendlichkeit des Ganzen gegenüber kein voller Ernst zu. Und sei es das Schönste, das Geliebteste, das Angebetetste: ein Mensch, ein Kunstwerk, die Verwirklichung einer Idee in irgendeiner Form – wer den Sinn für das Ganze und seine Unendlichkeit hat, der kann nicht an ihm und nicht an der Liebe zu ihm haften bleiben: er muß an ihm das Vereinzelte, das Vergängliche und Unvollkommene sehen und so an ihm das Gericht der Ironie vollziehen.

Vom Absoluten, vom Ganzen aus gesehen ist die Würde und Wahrheit alles Einzelnen hinfällig: es ist ein Anklang an spinozistische Erkenntnis, der in diesem Wissen ihr selbst unbewußt die ganze Welt der Romantik durchdringt. Nur aber in einem völlig veränderten Weltaugenblick. Die Welt war nicht mehr Gott, alles Göttliche war ins Innere gesunken. Und so springt hier wiederum die tiefe Paradoxie der Romantik auf. Nur vom einzelnen Menschen kann das Gericht des Ganzen über das Einzelne vollzogen werden, und nur darum ist der Einzelne überhaupt fähig zum Vollzug des Gerichtes der Ironie, weil in ihn, in sein Inneres die Göttlichkeit des Lebens sich zurückgezogen hat. Aber eben darum kann nicht jeder Einzelne es sein, nur der Mensch als Vertreter des Weltganzen: das Genie, die schauende schöpferische Vertretung des Absoluten ist dazu berufen.

Der romantische Geniebegriff ist von der romantischen Ironie unabtrennbar. Weitentfernt, eine allgemein menschliche Position auszudrücken, überfliegt sie vielmehr das eigentlich Menschliche und führt in der Genialisierung des Göttlichen die Vergöttlichung des Schöpferischen auf ihren Gipfel. In dem romantischen Geniebegriff scheint der Mensch alle menschliche Fragwürdigkeit und Bedingtheit abgelegt zu haben. Das Genie ist der Romantik das Sichtbarwerden des Weltgesetzes selbst. So liegt in der Vollstreckung der Ironie die Gefahr schrankenloser Selbstüberhebung, weil sie eine grundsätzlich das Menschliche übersteigende Haltung ist. Das Gericht des Ganzen über das Einzelne zu vollziehen, kommt letzthin nur Gott zu, ist nur von ihm aus möglich. In dieser bewußten Repräsentation Gottes durch den Genius liegt die Quelle des intransigenten Hochmuts der Romantik.

Und dennoch liegt in dieser übermütigen gottähnlichen Haltung, in der sich Spielund Ernst, Frivolität und Religiosität, Witz und Tragik unheimlich nahe berühren, auch wieder eine letzte Bescheidung und Selbstbescheidung alles Menschlichen. Wenn Friedrich Schlegel mit dem Wort Lamartines: »C’est pour la vérité que Dieu fit le génie«, die Bestimmung des Genius ausspricht, die ihn zum legitimen Vollstrecker des Gerichtes des Ganzen über das Einzelne werden läßt, so liegt in dem stolzen Wort doch auch eine letzte wahrhaftige Demut. Die Ironie hebt sich gleichsam selber auf. Denn nicht vom Subjekt – auch nicht vom genialen Subjekt – sondern von der Idee des Ganzen, von der Wahrheit selbst aus, die es repräsentiert, durch die es zugleich aber auch selbst gerichtet wird, geschieht ja das Gericht der Ironie. Die späte Einordnung so vieler Romantiker in einen bestimmten bestehenden Religionskreis drückt nur diese andere, ins Objektive umgeschlagene Seite des ironischen Lebensverhältnisses aus.

Denn indem die Ironie die Bewegung und Funktion des Todes am Leben nachzeichnet, indem in ihr die Vergänglichkeit alles Einzelnen nicht als natürliches Schicksal, sondern als Ausdruck der unbedingten Überordnung des Ganzen über das Einzelne erfaßt und verwirklicht wird, mündet die Ironie zuletzt notwendig in Selbstvernichtung in irgendeiner Form. Der Traum von der Vollendung in der Vernichtung alles Einzelnen als eines Unvollkommenen, von der Selbstwerdung im Zerbrechen des Selbst, muß in seiner Erfüllung alle Grenzen des Einzellebens sprengen. So hat die Gewißheit »Denn von des Einzelnen Tod blüht ja des Ganzen Gebild« das feste, lebenbejahende, tatenfrohe Ideal des Bürgers völlig umgekehrt. Der romantischen Ironie als geistiger Haltung entspricht mit Notwendigkeit das Ideal eines Lebens aus dem Ganzen, in dem alles Einzelne seinen letzten Ernst verliert. Dasselbe allvernichtigende Todeswunder, das in seinen trunkenen nächtlichen Melodien Novalis immer aufs neue singt, das in strengen schwer erfaßbaren Gedankenreihen die romantische Philosophie entwirft, aus dem heraus sie jene einzige leuchtende Fähigkeit der Kritik entwickelt, die ihr eine besondere Stellung in der Geistesgeschichte anweist, ist es, dessen Unendlichkeitsrhythmus die Romantiker in ihrem Leben gestaltet haben. Hiermit – und nur hiermit – ist es der Romantik im Tiefsten Ernst gewesen.

Ihr Ernst liegt also an völlig anderer Stelle als der des Bürgers: des den Ernst gerade im Realen und Einzelnen Erkennenden. Verantwortung kennen die Romantiker nur gegenüber dem Ganzen. Der Wert des einzelnen Lebens lag für sie ausschließlich in seinem Verhältnis zum Ganzen und in dessen unabgelenkter Verwirklichung. Nur wo sie diese fanden, liebten sie, verehrten sie, beteten sie an. Sie erkannten keine einzelnen Tugenden und Handlungen an, sondern nur das Wesen, sei es einer Zeit, eines Werkes oder eines Menschen. Die Weise, wie alle diese untereinander so ungleichen Menschen ihr Leben auffaßten und formten, wie sie durch alle Einzelheiten, Pläne, Beziehungen und Schicksale, Erkenntnisse und Bekenntnisse hindurchgingen, ohne sich je gebunden zu erachten – und ohne doch letztlich sich selbst: ihre unmittelbare Beziehung zum Ganzen in diesem oft erschreckenden Wechsel zu verlieren, ja, in der Gewißheit, erst in ihm sich selbst wahrhaft zu finden – auch dies war in der Romantik der Versuch, allein aus der Unendlichkeit eines Ganzen zu leben.

Gewiß war es nichts Geringes, was mit diesem neuen Lebensideal für immer verloren ging. Der große Begriff der in sich selbst begründeten Humanität beginnt in der Romantik sich aufzulösen. Zwei Begriffe – eben die, die in der großen klassischen Humanitätsepoche ihre vollkommenste Erfüllung gefunden hatten: Maß und Charakter, waren der Welt der Romantik versagt. Es ist dieser Lebenserfassung durchaus eigen, nach allen Seiten über das Menschliche hinauszuschweifen, das menschliche Leben aus außermenschlichen Bezirken fortwährend mit Auflösung zu bedrohen und sie in bunten schwebenden Erscheinungen überall hineinspielen zu lassen. Traum, Spuk, Zauber und Phantastik umlagern überall ihr Gebiet; Sterne fallen ihr mitten in das Alltagsleben hinab, wie dem Kind im Märchen in den Suppenteller. Die Wirklichkeiten vermischen sich; bunt verwickelte Schicksale, Scherz und Witz heben Ernst und Wirklichkeit alles Einzelnen immer wieder wie in einem einzigen lachenden Sommernachtstraum auf.

Und wenn es die ganz großen Geister der modernen Welt charakterisiert, daß sie sich durch das Bekenntnis zur freien Tat von dem Fluch der Verwirrung des Unglaubenszu erlösen suchten, daß sie wie der alte Faust das Spiel der regellosen, sinnlosen Elemente durch die gesetzhaft freie Menschentat zu überwinden und zu ordnen suchten: der Romantik war dieser Weg versagt. Während jener Größte in freier Selbstbeschränkung, die titanische Entwicklung seines Geistes anhaltend, in die bürgerliche Lebensgemeinschaft, über die sein Geist sich so unermeßlich erhob, sich wieder einordnete, schweiften die Romantiker nach allen Seiten, in Denken und Leben, in Erkennen und Bilden, in Trotz und Übermut über diese bürgerliche Welt hinaus.

Und damit springt auch hier – in ihrem Leben selbst noch einmal notwendig ihre paradoxe Lage auf und führt sie mitten im Wirklichen aus der Wirklichkeit heraus. Auch in dieser ganz realen Gestaltung ihres Lebens verfuhren die Romantiker rein kontemplativ, handelten sie lebensfremd, abgesondert vom Wirklichen. Denn dies selbe Geschlecht, das die bürgerlichen Lebensformen unbedenklich verschmähte und überflog, war doch ohne sie als Grundlage seines Lebens und Schaffens nicht denkbar. Gerade in dem Abstrahieren von den sie selbst konstituierenden Lebensbedingungen ist die unbürgerliche Lebenserfassung und Lebensführung der Romantik eine spezifisch bürgerliche Haltung, und das ganze sprudelnde Durcheinandermischen der Wirklichkeiten in ihrem Leben erscheint so gesehen als eine einzige blendende Flucht und Ausflucht vor der tatsächlichen Realität, die sie trug. Die Einordnung Goethes in die bürgerliche Welt, die die Romantiker nicht verstehen und nicht verzeihen konnten, die ihnen als eine bloße Verengung erschien, ist eine weit unbürgerlichere Haltung, insofern Goethe in ihr die Wirklichkeitsbedingungen seines Lebens durchschaute und auf sich nahm. Mehr als einmal hat dieser ihnen selbst nie aufgegangene innere Widerspruch in die Lebensschicksale der einzelnen Romantiker verwirrend und fälschend eingegriffen und sie vor allem für die Gegenwart des kollektiven Daseins, für alles praktische Wirken im Realen, für politische und soziale Aufgaben untauglich gemacht. Dasselbe Verhältnis zum Leben, das sie zu den großen, überschauenden Kritikern machte, die mit ihrem völlig unbeirrbaren Blick in das Wesen eines Werkes, einer Erscheinung, einer Epoche eindrangen, die gewissermaßen ein Werk, eine Zeit, eine Erscheinung nur anzuschauen brauchten, damit das Wesenlose abfiel und das Wesenhafte sich offenbarte, machte sie im politischen Leben zu phantastischen Reaktionären, die nirgends einer Wirklichkeit gewachsen waren. Dieselben Menschen, die mit Leidenschaft auf eine Umgestaltung der Welt im Ganzen und von einem geschauten Ganzen aus drängten, waren blind für das Einzelne, Gegenwärtige, das ihnen keine selbständige aufrufende Bedeutung haben konnte. Denselben Menschen, die die schönsten, vollkommendsten Träume von irdischer Gemeinschaft, von Staat und Kirche geträumt und ausgebaut haben, die goldene Zeitalter und chiliastische Erfüllung himmlisch-irdischer Durchdringung heraufführen wollten, mußte darum die unmittelbar tätig männliche Umgestaltung der Welt völlig mißlingen.

Ihre wahren Sünden und grotesken Unzulänglichkeiten sind immer da entstanden, wo sie sich dennoch, sich selbst und ihre Sendung mißverstehend, in das Leben des Tages einmischten. Die politische Haltung der Romantiker ist fast immer qualvoll, eine spezifische Steigerung noch jenes unglückseligen Verhältnisses, in dem die deutsche Metaphysik von je zur deutschen Wirklichkeit stand.

Die Romantik selbst aber kann aus diesen Mißverständnissen niemals begriffenwerden. Als Ganzes freilich und von ihrem eigensten Wollen aus betrachtet war sie Versuch und mußte Versuch bleiben. Die Romantiker haben nichts verwirklicht; sie haben erkannt und geschaut. Aber überall drangen sie auf Letztes, Erschöpfendes. Ungeheuer ist die geistige Bemühung dieser Menschen um Unmittelbarkeit, um Ganzheit und Wahrheit des Lebens, um die Wiederversöhnung von Gott, Geist und Leben. Es ist wie ein Greifen sehnsüchtiger Arme ins Leere: Tantalus’ goldene Früchte glänzen über dem Haupt dieser zu höchsten Träumen beflügelten und verurteilten Geister. Aber nichts von dem, was sie erblickten, ist in ihrer Gestaltung verloren.

Romantik, das ist die Zeit, in der die Seele mit aller versunkenen Göttlichkeit des Lebens genährt, in einsamer Selbstherrlichkeit dem Abgrund der Glaubenslosigkeit entsteigt und ihren schweigenden, strahlenden Weg in die Nacht antritt. Wo sie wandelt, da verklärt sich das Leben, da blüht und funkelt jeder Weg und Steg. Tränen des Leides wie der Freude werden zum Tau, der das ganze Leben in unzähligen Tropfen aufleuchten läßt: zu dichterischen Sinnbildern innerer Wirklichkeit. Aber das Ziel dieses unendlichen Weges läuft in seinen Ausgangspunkt zurück: es verliert sich in der Nacht des Inneren.

Keine Neubelebung und Neubeseelung einer für alle gültigen Erlöserbotschaft, keine Schöpfung einer neuen religiösen Wirklichkeit, keine neue Gestaltung des Gemeinschaftslebens – dies ihr letztes utopisches Ziel – ist der Romantik gelungen. Neben der Leistung der Ironie hat sie nur ein Gebiet wirklich umgestaltet: das der Beziehung zwischen Mann und Frau. Was ihr in der Gemeinschaft notwendig versagt bleiben mußte: die Rückführung des Lebens in die erinnerte Göttlichkeit, das hat sie im einzelnen Leben gerade dadurch, daß sie allen Wert und Sinn des Lebens ins Innere verlegte, so nah wie keine andere Zeit angerührt. Und obwohl sie uns so ihr überschwängliches Persönlichkeitsideal deutlich als ein zeitlich bedingtes, als das äußerste Gegenbild einer entseelten Welt enthüllt hat, ist doch der Duft dieser großen Blüte für immer über der europäischen Welt hängen geblieben.

Es ist der Duft der blauen Traumblume des Ofterdingen, die unter dem Bilde der durchsichtigsten und vollendetsten Gestalt des Lebens die Seele in immer weitere Fernen und auf immer weitere Höhen hinauslockt, ohne ihr ein anderes Ziel zu zeigen als immer nur dies ihr eigenes Traumbild, dies reinste Symbol der lyrisch-ironischen Lebensgestaltung der Romantik: des Weges der Seele in einer entgöttlichten Welt zu einem nicht mehr angebbaren Heil, das nur die Spiegelung ihrer Träume ist: nichts anderes als die Vergöttlichung des Lebens durch die Seele selbst in ihrem rastlosen Hindurchgehen durch alle seine Pfade und Möglichkeiten.

Denn sie findet nichts mehr, an das sie sich binden könnte. Wie sie sich an keineeinzelne Gestalt des Lebens für immer binden kann, so auch an keinen festen sittlichen Maßstab. Die Ethik der Romantik ruht einzig auf der Gewißheit der im Leeren hängenden einzelnen Menschenseele. Jede außerhalb ihrer liegende Gewißheit hat sie verworfen. Die Kraft des Gewissens, die Kant als Auswirkung des moralischen Gesetzes mit eherner Festigkeit begründet hatte, kann in der Romantik keine Quelle mehr außerhalb ihrer haben. Das Gewissen ist hier nicht mehr Verantwortung, es ist Schöpfer; es ist selbst zum Weltschöpfer geworden. Novalis nennt es geradezu »die sinn- und welterzeugende Macht, den Keim aller Persönlichkeit, und wiederum den eingeborenen Mittler jedes Menschen, des Menschen eigenstes Wesen in voller Verklärung, den himmlischen Urmenschen.«

So ist der Grundgedanke der romantischen Ethik der eines schöpferisch organischen Weltwachstums, das im innersten Keim der Persönlichkeit, der Persönlichkeitsform überhaupt, seinen Anfang nimmt und im Traum vom großen, Natur und Gott versöhnenden Messias endet. Und so mündet die Erinnerung der Romantik in die Hoffnung – oder Erinnerung und Hoffnung einen sich in ihr im zeitlosen Bilde göttlich erfüllten Menschentums.

Der romantische Messias, das Bild des göttlichen Menschen, der in der eingeborenen Identität mit allem Leben zugleich die Natur erlöst: so hat sich in der Romantik das Bild Christi gewandelt. Und so ist die Liebe, die in diesem Christus verkörpert ist, nicht die christliche Agape: nicht das aus Gott herabfließende Band realer menschlicher Gemeinschaft, sondern es ist eine irdischere zugleich und geistigere Liebe, die Erde und Himmel mystisch verknüpft: die Liebe des todberührten Unendlichkeitstraumes der romantischen Lyrik: Eros.

Aber der romantische Eros ist nicht nur der antike Eros als Weltbildner und auch nicht allein der Gott des Plato, der durch die Schönheit des einzelnen erblickten Bildes zum Urbild aller Schönheit emporreißt; obwohl er auch dies beides ist, ist er noch ein drittes: er ist zugleich der ironische Gott der Vernichtung. Im romantischen Eros lebt das Hingegebensein an die Schönheit jeder einzelnen Erscheinung im Erblicken ihres Getroffenseins vom Tode, das sehnsüchtige Erkranken der Seele an jeder einzelnen Vollendung, das Fortgezogenwerden durch sie in immer weitere und tiefere Zusammenhänge: diese einzige Fähigkeit, die letzte Schönheit, Symbolik und eigenste Tiefe jeder Erscheinung zu begreifen und in ewiger Liebe zu jedem vergänglichen Bild eines Ganzen zu entbrennen, um dennoch ahasverisch durch alles Einzelne hindurchzurasen, sich in keinem beruhigen, keines in sich selbst genießen zu können: dieser Rhythmus des ewig erotisch Entflammten, den nur der göttlich erlösende Mensch, den nur der romantische Christus zuletzt ganz in sich aufnehmen und zur Ruhe bringen kann. Aber wenn so aus der unendlichen Nacht des Inneren Christus im reichgewebten Mantel lyrischer Symbolik, verwandelt als Natur und Geist in sich versöhnender Messias, als eine Gestalt unendlicher Zukunft hervortritt, so tritt neben ihn noch eine andere, bescheidenere, irdischere und gegenwärtigere Gestalt, die, in ihrer höchsten Form gleichfalls aus dem Inneren hervorgezogen, doch in erblickbarer Wirklichkeit dem romantischen Sehnen entgegenkam: die Frau! Christus und Sophie – Novalis hat den Mut, sie nebeneinander zu stellen: die höchste göttliche Gestalt des Lebens und die frühverklärte kindliche Braut: gleichsam als Symbol der Welterlösung und der persönlichen Erlösung – auch hier wieder der Erschließer und Vermittler tiefsten romantischen Schauens. Denn nur am Mittelpunkt der romantischen Welterfassung ist die eigentümliche Beziehung der Romantik zur Frau zu verstehen. Sie selbst hat messianische, hat erlösende Bedeutung.

Christus und Sophie, Sophie und die Madonna, die Geliebte, die Mutter und Erlöserin sind eins. Die Frau als die, die in den Mittelpunkt des männlichen Denkens trifft und es zu sich selbst entzündet, ist zugleich die, die unabgelenkt von einer leblosen zerstückelten Sachwelt: aus dem reinen mystischen Verhältnis zum Ganzen des Lebens lebt und es so aus seiner Unmittelbarkeit ursprünglich zu gestalten vermag. Unendlichkeit, Nacht, Tod und Frau gehören zusammen. Das Lebensreich der Frau ist jenes erstgesetzte, vor allem menschlichen Eingriff, aller menschlichen Ordnung Seiende, das Hegel als die unbewußte Substanz, als Träger der Einzelheit unterhalb aller Allgemeinheit mit dem Namen des göttlichen Gesetzes ausgesprochen hat. Diese dunkle vorbewußte Sphäre des in sich ruhenden Einzellebens, die Hegel der des menschlich-männlichen Gesetzes nur als tragende zugleich und feindliche Nachtwelt unterbaut, mußte für die Romantiker, die die allzu helle Welt des männlichen Gesetzes und seiner allgemeinen Ordnungen verachteten, denen die geheimnisvollen, tragenden Daseinsmächte, die für Leben und Wirklichkeit entscheidend waren, zum Quell letzter Erschließung werden. Und wenn Hegel selbst das weibliche Prinzip der Einzelheit »die ewige Ironie des Gemeinwesens« genannt hat, so hat er damit jene Funktion des Weiblichen am Lebensreich des Mannes bezeichnet, die es den Romantikern gerade zur Erfüllung ihres Lebensideals selbst werden ließ. Im Grunde konnte nur die Frau das romantische Lebensideal wirklich erfüllen, da ihr die männlichen Ordnungen überhaupt fremd und nachträglich sind. Jener dunkle schöpferische Mittelpunkt des Universums, den Novalis das Gewissen nennt – dies in keiner Weise mehr moralisch oder christlich zu verstehende Urphänomen des Menschendaseins überhaupt – war der Frau fragloser zu erfahren, reiner zu bewahren gegeben als dem Mann. So repräsentiert sie die unmittelbare Möglichkeit eines Lebens, das der Mann nur sucht und denkend und dichtend darstellt. Aber auch sie nur der Möglichkeit nach, auch sie nur als Ideal, nicht als Wirklichkeit. Die »selbständige Diotima« Friedrich Schlegels, die Frau, die aus dem Geheimnis und der Liebe, deren Erfassung der Mann sich immer nur im Geiste annähert, unmittelbar lebt und redet, und die zugleich aus ihnen heraus ein neues rein zentral bestimmtes, in alle Sphären sich ausbreitendes Leben entfaltet, die unbekümmert um alles Gesetzte wie »eine moralische Anadyomene« frei und leuchtend aus dem großen Weltmeere der Vorurteile herauf taucht und so aus ihrer tieferen ursprünglicheren Gesetzlichkeit alle nachträglichen, vom Mann gesetzten Ordnungen und Gesetze mit göttlicher Ironie auflöst – diese Frau ist noch keine Wirklichkeit.

Die wirkliche Frau aber wird angeschaut als reinste Gewähr und als tiefstes Sinnbild des romantischen Erlösungstraumes. »Könntest du nur sehen, wie du mir erscheinst,« sagt Heinrich von Ofterdingen zu Mathilde, »welches wunderbare Bild deine Gestalt durchdringt und mir überall entgegenleuchtet, du würdest kein Alter fürchten. Deine irdische Gestalt ist nur ein Schatten dieses Bildes. Die irdischen Kräfte ringen und quellen, um es festzuhalten, aber die Natur ist noch unreif; das Bild ist ein ewiges Urbild, ein Teil der unbekannten heiligen Welt.«

Die Natur ist noch unreif – das, was eigentlich an der Geliebten geliebt wird, ist in ihrer natürlichen Erscheinung noch nicht vollendet; in ihr reift es erst zu seiner Vollendung; die Erfüllung göttlicher Menschlichkeit ist in der irdischen Frau nur symbolisch dargestellt und wirklich angelegt. Darum fordern auch die Romantiker unablässig von der wirklichen Frau, daß sie ihrer Vollendung entgegenreife, daß sie sich zu dem vollende, was sie ist. Nie hat das hohe Bild von der Frau, das sie in sich trugen, ihr klares Urteil über die wirkliche Frau getrübt: unablässig haben sie von ihrem Frauenideal aus neue Forderungen herangetragen. Das vom romantischen Eros in seiner Unmittelbarkeit vergöttlichte und doch zugleich aller Dumpfheit enthobene weibliche Menschentum als Gegenstand der Verehrung, aber eben darum auch der unnachsichtigen Forderung, erlegte der Frau eine Verantwortung auf, wie sie sie bis dahin in der Geschichte noch nicht gekannt hatte: in ganz bewußter menschlicher Freiheit den tiefer in das Unbewußte hinabgesenkten natürlichen Kern ihres Wesens zur höchsten geistigen Blüte zu entfalten, um aus ihm heraus Richter aller männlichen Werke und Werte zu werden. Nichts hat der Romantiker an der Frau so sehr geliebt wie ihre unmittelbar einschlagende Kritik aus einem Gewißheitsgrunde, der sich ihm entzog.

Was mit alldem von der Frau gefordert war, war keineswegs die Verwirklichungeines rein weiblichen Lebensideals – sondern es war die reinere Verwirklichung des romantischen Lebenideals überhaupt. Und weil die Frau dies ihrem Wesen nach reiner als der Mann zu verwirklichen vermochte, weil das, was er von ihr verlangte, nicht etwas durch ihn von außen her an sie Herangetragenes, sondern eben ganz und gar das ihr Eigene war, fand die Frau im romantischen Kreis den Boden einer Lebenswahrheit, in dem sie wie niemals früher Wurzel schlagen konnte. Ihre Entwicklung zum Geistigen aber brachte sie in der Entfaltung des Eigenen zugleich dem Leben des Mannes wieder näher, als Freundin und als Gefährtin. Wie in der Romantik alle Werte und Beziehungen des persönlichen Lebens sich erneuten und vertieften, so vor allem das Verhältnis zwischen Mann und Frau. Nie klang der Akkord zwischen dem Wesen des Mannes und dem der Frau reiner zusammen als in dieser Zeit; nie hat darum das Leben der Frau voller, erfüllter geblüht.

So hat die romantische Frau wirklich etwas von der messianischen Bedeutung, die der Mann ihr lieh, bewahrheitet, indem sie von seinem Bild aus den Horizont der romantischen Welt selbst an mehr als einem Punkt erweitert und sogar überschritten hat.

Und doch hat die Romantik auch hier wie in jeder ihrer Erscheinungen die Lage einer glaubenslosen Welt vollendet, indem sie die Erinnerung an das göttliche Dasein, die in ihr lebte, als eine Fata Morgana in unerhörtem, unwirklichem Glanz am Horizont ihres Lebens aufsteigen ließ. Aber sie hat uns auch damit unmittelbar an alle Probleme unserer heutigen Welt herangeführt. Denn mit dem Erlöschen des zauberhaften Luftbildes wurde erst die drohende Leere eines Horizontes sichtbar, den zu verhüllen sie die ganze Leuchtkraft ihrer schwermütig-strahlenden Schönheit ausgesandt hatte.

 

 

Ferne Spiegel

Margarete Susmans

»Frauen der Romantik«

 

Nachwort von Barbara Hahn

 

Nicht die Nähe faszinierte Margarete Susman an den Frauen der Romantik, als sie ihnen 1929 das vorliegende Buch widmete. Im Gegenteil. Keine »Lebensstimmung« liege den Menschen der zwanziger Jahre ferner als die der Romantik, so schreibt sie im Vorwort zur zweiten Auflage ihres Buches. Doch gerade in dieser Ferne sieht Margarete Susman eine Chance. Von niemandem ließe sich im eigenen Leben Entscheidenderes lernen als von einem »wirklich erkannten, ehrlich gewürdigten Gegner«[i]. Und keine andere historische Zeit, so könnte man daraus schließen, lehrt so viel über die Gegenwart wie die, die am fernsten erscheint.

Liest man Margarete Susmans Buch heute, bald siebzig Jahre nach seinem ersten Erscheinen, geraten Nähe und Ferne erneut durcheinander. Die Frauen der Romantik, die uns in Textsammlungen und Biographien in den letzten Jahren sehr nahe gebracht wurden, rücken wieder von uns ab. Margarete Susman entwirft ein anderes und sehr ungewohntes Bild von ihnen. Fern wird damit auch die Zeit der Weimarer Republik, in der dieses Buch entstand. Eine vergangene, ja zerstörte Denkwelt, an die die heutige nicht einfach anzukoppeln ist. Margarete Susman zufolge also die beste Voraussetzung für eine Lektüre, die Züge und Umrisse des eigenen Denkens nur dann wirklich erkennt, wenn sie in ferne Spiegel schaut.

Wir wissen nicht, warum sich Margarete Susman entschloß, dieses Buch zu schreiben. In den Jahren zuvor hatte sie ausschließlich kürzere Texte in Zeitungen und Zeitschriften publiziert; ihre letzte Buchveröffentlichung lag fast zwanzig Jahre zurück. Sehr viele und sehr verschiedene Fragen hatten sie interessiert: In der Frankfurter Zeitung waren ihre Besprechungen wichtiger Bücher erschienen, in Zeitschriften Aufsätze über das Verhältnis der Juden zur Revolution, über Jean Paul und die Unsterblichkeit, über neue Übersetzungen der Bibel oder auch das »Frauenproblem in der gegenwärtigen Welt«, über den Expressionismus, Spinozas Leben oder die Psychoanalyse. Nun also eine Phase äußerster Konzentration, die Arbeit an einem Buch.

Folgt man einem Hinweis in Margarete Susmans Autobiographie, Ich habe viele Leben gelebt, dann schrieb sie das Buch in einer Zeit der Trennung und Entfernung. Nach fünfundzwanzig Jahren war ihre Ehe auseinandergegangen, sie selbst in eine tiefe Krise geraten: »Ich versuchte zu jener Zeit streng zu arbeiten. Langsam entstand das Buch Frauen der Romantik, bei dem ich mich nur an die Quellen hielt. Aber die Schattenwelt um mich her ließ sich von meiner Arbeit nicht bannen.«[ii]

Wer war diese Frau, die den fernen Spiegel der Romantik auch entwarf, um mit einer tiefen Depression umgehen zu können? Margarete Susman wurde am 14. Oktober 1872 in einem wohlhabenden jüdischen Elternhaus in Hamburg geboren; sie starb am 16. Januar 1966 in Zürich. Ihr langes Leben zeigt einen eigenartigen Rhythmus: Während die erste Hälfte äußerlich und sicher auch innerlich sehr bewegt war, wirkt die zweite nach außen hin sehr ruhig. Wie auf dem Grat dazwischen: das Buch über die Frauen der Romantik.

Die Kindheit verbrachte Margarete Susman in Hamburg, dann zog die Familie nach Zürich. Erst nach dem Tod des Vaters durfte sie studieren. Sie wurde in Malerei und Kunstgewerbe ausgebildet, wanderte über Düsseldorf, München und Berlin nach Paris. Nach ihrer Heirat mit dem Maler Eduard von Bendemann 1906 zog sie nach Berlin, wo der Sohn Erwin geboren wurde. 1912 verließ sie Deutschland, um in Rüschlikon in der Schweiz zu leben. Nach zwei schwierigen Kriegsjahren in Frankfurt am Main kehrte sie 1917 in die Schweiz zurück. Nachkriegszeit und Inflation erlebte sie in Säckingen, nahe der Schweizer Grenze, wo ihr Mann einen Bauernhof gekauft hatte, den er zu bewirtschaften versuchte. Nur in der Nacht blieb Margarete Susman Zeit für Lektüren und Schreiben; dort begann wahrscheinlich auch die Arbeit am Romantikbuch. Nach der Trennung zog sie nach Frankfurt am Main, und noch im Sommer 1933 emigrierte sie in die Schweiz, um nie mehr nach Deutschland zurückzukehren. In einer Züricher Dachwohnung verbrachte sie die letzten dreißig Jahre ihres Lebens. Keine Ortswechsel mehr, doch Ruhe konnte nicht einziehen. In ganz Europa war Krieg, und langsam wurden die bösen Ahnungen über das Schicksal der europäischen Juden zur Gewißheit. 1946 erschien Margarete Susmans Buch Hiob und das Schicksal des jüdischen Volkes, ein Kaddisch für ihr ermordetes Volk, ein Buch, in dem »mein ganzes Leben ist«[iii].

Das furchtbare Wissen um die Shoa veränderte im Rückblick auch die früher verfaßten Bücher. Als Margarete Susman 1960 ein neues Vorwort für die dritte Auflage der Frauen der Romantik schrieb, sah sie im fernen Spiegel der Romantik ganz nah den »schonungslosen deutschen Nationalismus«, der um 1800 begonnen und jetzt zu einer »letzten und höchsten Aufgipfelung des Irrationalen« geführt hatte, »dem Millionen von Toten keine Gewissenslast bedeuteten«. Nun, wo es kein deutsches Judentum mehr gab, war ihr Buch »unter einen anderen Stern getreten«, wie sie schreibt. Die intellektuelle Welt, in der es entstanden war, existierte nur noch in der Erinnerung der wenigen Überlebenden.

Vergleicht man die Wirkung der Frauen der Romantik in der Bundesrepublik mit der, die das Buch am Ende der Weimarer Republik hatte, dann zeigt sich deutlich, daß es im Nachkriegsdeutschland kaum noch ein Publikum fand. In den fünfziger und sechziger Jahren wurde Margarete Susman als Autorin gelesen, die zum Verhältnis von Deutschen und Juden befragt wurde, nicht aber zu Frauen. Zwar wird das Romantikbuch in den Bibliographien der vielen Studien genannt, die seither den Frauen der Romantik gewidmet wurden, doch nirgendwo findet man einen Dialog oder eine Auseinandersetzung mit den Gedanken, die Margarete Susmans Buch durchziehen. Eine Ausnahme bildet Konrad Feilchenfeldts Aufsatz »Rahel-Philologie im Zeichen der antisemitischen Gefahr«, der dem Buch allerdings nicht viel abgewinnen kann, weil es »geradezu konventionell« sei, was Feilchenfeldt auch auf Susmans »feministische« Interpretation zurückführt.[iv]

Anders zur Zeit der Weimarer Republik. Als das Buch 1929 zum ersten Mal erschien, traf es offenbar einen Nerv; bereits nach zwei Jahren wurde eine weitere Auflage nötig. Obwohl in den großen Tageszeitungen keine Besprechungen erschienen, fanden sich genügend Leserinnen, wie zu vermuten ist. Denn alle nachgewiesenen Rezensionen in Zeitschriften stammen von Frauen, und fast alle waren Jüdinnen. Sie berichten durchweg von dem tiefen Eindruck, den ihnen das Buch gemacht habe, und alle lasen es wie einen Schlüsseltext – allerdings zu sehr unterschiedlichen Problematiken.

Ina Britschgi-Schimmer attestiert Margarete Susman einen »gewissen Mut«, da sie sich in einer »der neuen Sachlichkeit verfallenen Zeit« mit einer so weit weggerückten Epoche befaßt habe. Sie liest das mit »besonderer Wärme« geschriebene Buch in Blick auf dessen Autorin, der es »in hohem Maße gegeben (ist), in allen Erscheinungen des geistigen Lebens und der menschlichen Persönlichkeit den tiefsten Wesenskern aufzuspüren und von diesem zentralen Punkt aus Wesen und Bedeutung zu erhellen«.[v] Aus dieser Rezension erfahren wir auch, daß Margarete Susman in Berlin eine Reihe von Vorträgen über die Frauen der Romantik gehalten und damit eine neue und interessante Produktionsform erprobt hatte: Nicht erst das fertige Buch wurde dem Publikum präsentiert, sondern Vorformen, über die öffentlich debattiert wurde.

»Man kann kaum zu hoch sprechen von dem Glanz und der Schönheit dieser Frauenbildnisse«, so beginnt Marie Joachimi-Dege ihre Besprechung und sieht in Margarete Susmans Buch »ein neues Verständnis für das Wesen der schöpferischen Frauennatur überhaupt.«[vi] Einen Schritt weiter geht die Hebbel-Forscherin Elise Dosenheimer, wenn sie schreibt, daß es kein Zufall sei, wenn »wohl das Beste über [die Romantik] vorerst von einer Frau geschrieben wurde. Denn wenn die vorliegendem Buch zugrundeliegende Ansicht zu Recht besteht, wonach der Geist der Romantik am ehesten in den Frauen zur Erscheinung kommt, so dürfte diese Kongenialität wie jenen unmittelbar erlebenden, so auch den einfühlend-darstellenden Frauen zukommen.«[vii]

Damit liegt der Schwerpunkt dieser drei Besprechungen auf der Achtung vor der intellektuellen Arbeit einer Frau, die Stimmen von Frauen aus einer vergangenen Zeit allererst hörbar gemacht hat. Anders Margarete Susmans enge Freundin Gertrud Kantorowicz, deren Rezension im Morgen erschien, einer Zeitschrift, in der Margarete Susman selbst viele Artikel publiziert hatte. Hier werden Die Frauen der Romantik gleichsam weitergeschrieben. Dem Text ist deutlich anzumerken, daß Gertrud Kantorowicz nicht erst das fertige Buch las, sondern bereits dessen Entstehung mitdenkend und mitdebattierend begleitet hatte. Leider läßt sich diese gemeinsame Arbeit aus der Korrespondenz der beiden Frauen nicht mehr rekonstruieren: Die Briefe von Margarete Susman gingen zusammen mit dem gesamten Nachlaß von Gertrud Kantorowicz verloren, als diese 1942 nach Theresienstadt deportiert wurde, wo sie 1945 starb. Und in dem dicken Paket von Briefen, die Gertrud Kantorowicz an die Freundin schrieb, finden sich keine aus den Jahren 1923 bis 1928.[viii] So bleibt uns nur, die Rezension von Gertrud Kantorowicz als großen Brief an ihre Freundin Margarete Susman zu lesen, den diese im Vorwort für die Neuauflage 1931 präzise beantwortete.

Gertrud Kantorowicz beginnt programmatisch: »Margarete Susman stellt die großen Frauen der Romantik unmittelbar in deren letzten Wurzelgrund: sie, und nur sie, sind Erfüllung des romantischen Lebensideals, weil im Wesen der Romantik, in ihrer besonderen historischen Problematik ein notwendiger Zusammenhang mit dem Wesen der Frau besteht.«[ix] Margarete Susman hat also nicht ein Buch über einen Aspekt der Romantik geschrieben, den man vernachlässigen könnte, sie hat vielmehr das Wesentliche dieser geistigen Konstellation allererst erfaßt und zur Darstellung gebracht. Die Frauen der Romantik sind daher das Buch über die Romantik in Deutschland – kein Beiwerk zu vorliegenden Studien, keine Ergänzung, kein Zusatz. Hier artikuliert sich ein Selbstbewußtsein intellektueller Frauen, das auch in späteren, frauenbewegten Zeiten lange nicht wieder erreicht wurde. Keine Spur von Legitimation. Es scheint völlig selbstverständlich, daß eine Frau sich mit ihren Texten ins Zentrum theoretischer Debatten setzt. Jegliche intellektuelle Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern, in der Zuständigkeiten verteilt und Wertigkeiten festgeschrieben sind, wird hier souverän durchquert.

Von diesem Gestus ließ sich Margarete Susman offenbar anstecken: Während dieErstausgabe ihres Buches mit dem Kapitel über Die romantische Weltanschauung begann, änderte sie die Anordnung der Kapitel für die zweite Auflage und setzte dieses Kapitel an den Schluß. Am Anfang steht nun ein Vorwort, in dem Margarete Susman die Argumentation der Freundin bis in die Metaphorik hinein aufnimmt. Sprach Gertrud Kantorowicz gleich im ersten Satz vom »letzten Wurzelgrund«, in den die Frauen der Romantik gestellt würden, so präzisiert und bestätigt dies Margarete Susman, wenn sie nun ebenfalls im ersten Satz ihres Vorwortes »vom gemeinsamen geschichtlichen Wurzelgrund« spricht, aus dem das Leben der ausgewählten Frauen »aufsteige«. Eine sehr genaue Antwort also, fast ein Echo. Und tatsächlich beginnt jetzt auch Margarete Susman mit den »fünf Frauengestalten«, die sie ohne Umweg in den Mittelpunkt stellt. Es bedarf keines Rahmens, keines Überblicks mehr, um sich ihnen zu nähern. Der neue, andere Beginn soll zeigen, daß »durch das Leben der Frauen selbst die Geisteswelt der Romantik so weit sichtbar werden wird, daß es einen Zugang auch zu deren dunkler und komplizierter gedanklicher Ausgestaltung zu eröffnen vermag«.[x]

Der öffentliche Dialog der Freundinnen verträgt dabei durchaus Differenzen. Über den Sinn von Geschichtsschreibung sind sie zum Beispiel nicht einer Meinung. Gertrud Kantorowicz’ Rezension endet folgendermaßen: »Zauber und Rausch der Romantik sind vielleicht nie leuchtender gemalt worden als in diesem Buch, das dennoch in jedem Moment fühlbar macht, wie sehr heut eine andere Verantwortung den Menschen zwingt, sich vor der vollen Wirklichkeit zu bewähren. So besitzt es die Gerechtigkeit jedes wahren Geschichtswerks, vorwärts gerichtet, den Sinn der Vergangenheit zu bewahren.«[xi] Dieser Blick nach vorn fehlt in Margarete Susmans Text. Sie scheint eher zurückzuschauen, um sich in der »Schärfe der Trennung« von den Menschen der damaligen Zeit gleichzeitig auch dessen zu vergewissern, was »innerlich vertraut«[xii] ist. Sie nähert sich der »Doppelstellung alles geschichtlichen Lebens«, indem sie sich der Fremdheit des Vergangenen aussetzt.

Bertha Badt-Strauß schließlich liest die Frauen der Romantik als grundlegende Studie zur Geschichte des deutschen Judentums.[xiii] Vor allem in der Schilderung der beiden Jüdinnen Dorothea Mendelssohn und Rahel Levin sei Margarete Susman »weit über alle ihre Vorgänger und Vorgängerinnen hinausgelangt«, auch über Ricarda Huchs große Romantikstudien von 1901/02. Den Grund dafür sieht Bertha Badt-Strauß darin, daß in Susmans Buch »unsere Sprache gesprochen wird, unser Schicksal wird hier verhandelt«. Und nun zeige sich, daß auch eher zionistisch ausgerichtete Juden im Deutschland der Weimarer Republik von den beiden getauften »abtrünnigen Jüdinnen« im hier präsentierten »neuen Spiegelbilde« einiges lernen könnten. So will Bertha Badt-Strauß Dorothea Mendelssohns Hinwendung zu Friedrich Schlegel stärker noch als Margarete Susman nicht unter dem Zeichen einer unbedingten romantischen Liebe sehen, in der man – wie Schlegel schreibt – »in Einem leben und über Einem alles vergessen« kann und soll, sondern als Substitution des Einen Gottes des Judentums durch den Einen weltlichen Gott der Liebe. In Rahel Levins Briefen findet sie gar das »Grundgefühl des entwurzelten Juden in deutscher Umwelt«: »Verletzung, schicksalhaft wiederholt, bestimmt das Grundverhältnis ihres Daseins zur Welt; und das Judentum wird ihr zum Symbol dieser Verwundungen.« Bei beiden Frauen sieht Bertha Badt-Strauß schließlich eine Bewegung der Rückkehr. In den Altersbriefen an Henriette Herz spreche nicht mehr Dorothea Schlegel, sondern noch einmal und wie am Anfang ihres Lebens Dorothea Mendelssohn, verwurzelt im »alten Vätererbe«. Und Rahel Levin finde am Ende ihres Lebens »so schlicht zu Gott wie ein müdes Kind nach Hause«. In Margarete Susmans Buch liest Bertha BadtStrauß also die Möglichkeit, daß man als Jude in Deutschland leben kann, daß Deutscher und Jude keine sich gegenseitig ausschließenden Möglichkeiten sein müssen: »Es gibt keineabtrünnigen Juden, so scheint es, wenn man die Seelengeschichte dieser romantischen Jüdinnen betrachtet. Einmal kehren sie alle zurück.« 1933, drei Jahre später also, hat sich diese Hoffnung zerschlagen. Ebenso wie Margarete Susman verläßt auch Bertha Badt-Strauß Deutschland, um nicht mehr zurückzukehren.

 

Die Frauen der Romantik

 

Fünf Frauen stellt Margarete Susman in ihrem Buch vor, die in verschiedenste Konstellationen miteinander treten: Caroline Schlegel Schelling, Dorothea Schlegel, Rahel Levin Varnhagen, Bettina von Arnim und Karoline von Günderode. Zwei Jüdinnen also und drei Christinnen. Vier Briefschreiberinnen und eine Frau, die als Autorin präsentiert wird. Zwei Frauen, die sich schön, und zwei, die sich häßlich fanden. Zwei, die das Leben schwer, zwei, die es eher leicht nahmen. Margarete Susman begründet nicht, warum sie diese und keine anderen Frauen gewählt hat. Bekanntlich wurden auch andere Frauen unter dem großen und weiten Begriff der Romantik tradiert: Sophie Mereau wäre in Frage gekommen oder auch Henriette Herz, Caroline de la Motte Fouqué oder auch Charlotte von Kalb. Doch bei einer anderen Anordnung wäre ein wesentliches Gestaltungsprinzip des Buches nicht anwendbar gewesen. Margarete Susman hat die Porträts der Frauen, die sie dem Alter nach anordnete, kunstvoll miteinander verwoben. Mit einer Ausnahme: das der Karoline von Günderode wird ans Ende gestellt, auch wenn diese fünf Jahre älter war als Bettine von Arnim, weil sie die einzige ist, die im Buch als Autorin gelesen wird. Verbindungen der Frauen ergeben sich durch persönliche Bezüge, auf die Margarete Susman hinweist, weit stärker aber dadurch, daß sie die Schreibweisen und Denkwelten der Frauen immer wieder vergleicht, voneinander abhebt und verknüpft. Folgt man diesen Bewegungen, dann wird die Lektüre zu einer aufregenden Wanderung in einem eng verschlungenen Ring von Essays. Margarete Susman, diese »Grenzgängerin zwischen Dichtung und Theorie«[xiv], wie Ingeborg Nordmann schreibt, hat in diesem Buch ihre Form gefunden.

Man könnte die Frauen der Romantik als ein theoretisches Selbstporträt der Margarete Susman lesen, das in vielfacher Brechung in fernen Spiegeln entsteht. Sie schreibt nicht über historische Figuren, sondern tritt in einen Dialog mit Gedanken und Problemen ein, denen sie in der Lektüre von Texten um 1800 begegnet. Um diesen Dialog nicht im Monolog dessen stillzulegen, der später alles klarer sieht und besser weiß, wählt Margarete Susman gerade nicht das Genre, das in der Beschäftigung mit Frauen bis heute vorherrschend ist: die Biographie. Sie erzählt zwar immer wieder biographische Details, doch der Bau der einzelnen Essays orientiert sich an anderen Ordnungsmomenten, vor allem der Choreographie von Begegnungen. In dieser Darstellungsweise ähneln die Frauen der Romantik Margarete Susmans später verfaßten Autobiographie Ich habe viele Leben gelebt, denn auch hier wird nicht die Entwicklung einer Persönlichkeit aus sich selbst heraus dargestellt, sondern eine Vielfalt von Begegnungen mit anderen Menschen und anderen Büchern.

An zwei Frauen der Romantik schildert Margarete Susman diese Fähigkeit zumDialog, zur Begegnung als einer neuen und äußerst produktiven Form intellektueller Arbeit. Caroline Schlegel Schellings Beziehung zu Friedrich Schlegel sei »eine jener wahrhaft fruchtbaren (gewesen), deren es in der Geistesgeschichte nur einige wenige gibt, in denen im Geben und Nehmen eine neue Gestalt des Geistes sich bildet«. (36f.) Und Rahel Levin Varnhagen steht geradezu für eine Geistigkeit, die sich nur im Austausch realisiert. Die Beschäftigung mit ihr bildet daher ein eher verborgenes Zentrum des Buches, gerade weil Rahels »Lebens- und Wesensform uns die denkbar fremdeste ist«, wie Margarete Susman 1933 schreibt.[xv] Die Faszination dieser Fremdheit ist so stark, daß Margarete Susman immer neu den Versuch wagt, Rahel Levin Varnhagens »ganzes großes Gedankensystem« zu rekonstruieren, das »wie Goldadern in Urgestein« in ihre Briefe eingesprengt ist. Nur deren Texte, nicht aber die der anderen Frauen der Romantik, wollen immer neu gelesen und analysiert werden: Neben dem Buchkapitel sowie dem bereits zitierten Aufsatz von 1933 sind zwei weitere Arbeiten überliefert, die zeigen, wie intensiv sich Margarete Susman mit ihrer fernen und fremden Schwester befaßte, die hundert Jahre vor ihr gelebt hatte.[xvi]

An Rahel Levin Varnhagens Texten liest Margarete Susman ein Problem, das man das Unbehagen am Werk, am großen geschlossenen theoretischen Wurf nennen könnte. Sie begreift es – wohl zum ersten Mal – nicht als Mangel oder Defizit, daß Rahel Levin Varnhagen »nur« Briefe und Tagebuchnotizen schrieb, und sieht darin kein Beispiel für die vermeintliche Unfähigkeit von Frauen zu schöpferischer Arbeit, sondern eine große Chance: »Mag man das Fehlen eines geschlossenen Werkes bei der eminenten Kraft dieses Geistes beklagen – es ist dennoch nicht abzumessen, was Rahels unmittelbare, ganz persönlich hingeworfene, aber zugleich weit ins Überpersönliche hineingeworfene Äußerungen dafür an Freiheit, Unmittelbarkeit, ja an uneingeengter Unbedingtheit der Wahrheit gewinnen.«[xvii] Vorgegebene und überkommene Schreib- und Überlieferungsformen reglementieren das Denken. Sich von ihnen zu entfernen, andere Wege des theoretischen Schreibens einzuschlagen erfordert allerdings einen hohen Preis: Man wird leicht vergessen und übergangen und bekommt keinen gesicherten Platz in der Geschichte des Denkens.

Über den Platz, der den Frauen der Romantik in dieser Geschichte zukommt, reflektiert Margarete Susman lediglich im Kapitel über die romantische Weltanschauung. In den einzelnen Porträts dagegen enthält sie sich einer Wertung. Damit die Unterschiede deutlich hervortreten, arbeitet sie mit Parallelisierungen, nicht jedoch mit Hierarchisierungen. Diese würden im überkommenen Wertungsraster bleiben und pauschalisierende Urteile über die Frauen der Romantik nur noch einmal bestätigen. Im Schlußkapitel dagegen wechselt sie die Darstellungsweise. Hier geht es nicht um Frauen, sondern um die Frau. Der Blick wandert von historischen Individuen mit ihren Widersprüchen, von Briefen und anderen Texten zu einem kulturgeschichtlichen Konstrukt, dem Bild der Frau – einer durch und durch männlichen Projektion. Bereits in früheren Aufsätzen hatte Margarete Susman die europäische Kultur als »extrem männlich« charakterisiert, in der die Frau in »vorethischer Existenz« verharre, im Bild des Mannes verschwinde und als Ort des Schweigens imaginiert würde.[xviii] Die europäische Frau, so folgert sie, »war bisher nichts anderes als ein Bestandteil der männlichen Welt«.[xix] Ein Bild, sprachlos.

Wie aber ist auf diesem Hintergrund die Zeit der Romantik zu lesen? Hier tut sich in Margarete Susmans Texten ein interessanter Widerspruch auf. Im Blick auf die Frauenbewegung der Weimarer Republik, im Blick auf den Kontext also, in dem das Buch über die Frauen der Romantik entstand, kommt Margarete Susman zu einer wenig optimistischen Sicht auf frühere Frauen: »Wir stehen heute inmitten eines Versuches weiblicher Selbsterkenntnis, wie ihn Europa so noch nicht gesehen hat. Denn wohl hat es schon mehrmals in der Geschichte der extrem männlichen europäischen Kultur Frauenbewegungen gegeben; aber sie sind immer wieder versunken und versandet, ohne deutliche Spuren zurückzulassen.«[xx]

Im Buch selbst, das man ja auch als erfolgreiche Suche nach den Spuren von Frauen lesen könnte, wird ein optimistischerer Ton angestimmt. Die romantische Frau habe vom männlichen Bild der Frau aus »den Horizont der romantischen Welt selbst an mehr als einem Punkt erweitert und sogar überschritten«. (S. 219) Doch gerade in diesem Widerspruch zeigt sich ein weiteres Mal die äußerst produktive, offene und auch vorsichtige Herangehensweise Margarete Susmans. Keiner einzelnen Frau der Romantik wird ein Konzept der Kultur Europas aufgebürdet, keine wird an etwas gemessen, jede darf eine einzelne bleiben. Keine spricht für alle, keine repräsentiert die anderen. Nur auf der Ebene einer kulturtheoretischen Reflexion wird ein Maßstab eingezogen. Doch der mißt gerade nicht das Denken und Leben historischer Individuen, sondern dient zum Vergleich historischer Konstellationen.

Daher demontiert Margarete Susman die überlieferten Bilder der Frauen der Romantik, in dem sie sie seiten- und spiegelverkehrt betrachtet. Ihre Suche gilt nicht deren wahrem und unverfälschtem Bild hinter dem projektiven des Mannes, vielmehr konstruiert sie eine Collage aus den Splittern und Bruchstücken der Überlieferung. Sie entwirft sie als »Gestalt« – und diesen Begriff könnte man geradezu als Gegenbegriff zum immer projektiven Bild lesen. Caroline Schlegel Schelling wird als die »geschichtliche« Gestalt bezeichnet, Rahel Levin Varnhagen als die »problematische« und Bettine von Arnim als die »schöpferische«. Dorothea Schlegel dagegen ist geprägt von »der tiefen Unsicherheit der religiösen Naturen in der modernen Welt«, und Unsicherheit bildet keine »Gestalt«. Weit stärker als in die anderen Porträts sind daher in das ihre die Züge ihres Vaters Moses Mendelssohn und ihres Ehemanns Friedrich Schlegel eingetragen. Karoline von Günderode scheint dagegen nur lesbar zu sein, wenn sie im Dialog mit der griechischen Antike gesehen wird. Sie signalisiert im Buch die stärkste Ungleichzeitigkeit, gerade auch weil sie die einzige Frau ist, die den Schritt zur Autorschaft wagte. In ihr – so heißt es – hat die Welt der Antike eine »reine innere Gestaltung gefunden«.

Die Frauen der Romantik ergeben also kein einheitliches Bild, sondern zeigen eine Vielfalt von Annäherungen und Zugängen. Doch gerade weil Margarete Susman den Plural Frauen so ernst nimmt und Unterschiede in den Mittelpunkt stellt, ist das Buch so lebendig geblieben.

 

 

Zu dieser Ausgabe

 

insel taschenbuch 1829: Margarete Susman, Frauen der Romantik. Der Text folgt der Ausgabe: Margarete Susman, Frauen der Romantik. Mit 16 Bildtafeln. JosephMelzer Verlag, Köln 1960. Einzelne Sachfehler wurden nach einem Vergleich mit der ersten Auflage, die 1929 im Eugen Diederichs Verlag, Jena erschien, korrigiert. Für die zweite Auflage von 193I veränderte Margarete Susman die Anordnung der Kapitel: Das Kapitel “Die Weltanschauung der Romantik„ bildete nun nicht mehr den Anfang, sondern den Schluß des Buches. Dem Buch wurde ein Vorwort vorangestellt, das hier ebenso abgedruckt wird wie das der Nachkriegsausgabe von 1960. Diese dritte Auflage wurde von Margarete Susman redigiert: In den Kapiteln über Caroline Schlegel-Schelling und Bettina von Arnim strich sie mehrere Sätze und veränderte einzelne Passagen geringfügig. Das Schlußkapitel dagegen wurde erheblich gekürzt und teilweise auch umgeschrieben.

Für die Ausgabe von 1960 wurden andere Abbildungen ausgewählt, auf denen die Akteure durchweg jünger sind als in den ersten beiden Ausgaben. Diese Abbildungen werden zum großen Teil in der vorliegenden Fassung beibehalten. Die Reproduktion erfolgt mit freundlicher Genehmigung von: AKG photo, Berlin: S.45; Archiv für Kunst und Geschichte, Berlin: S.113; Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin: S. 17, 25, 35,56,65 (Foto: Jörg P. Anders), S. 123 (Foto: Jörg P. Anders), S.136, 143, 151; Ursula Edelmann, Frankfurt am Main: S.162; Freies Deutsches Hochstift - Frankfurter Goethe-Museum, Frankfurt am Main: S.191 (Foto: Ursula Edelmann); Historisches Museum, Hanau: S. 183; Insel Verlag Frankfurt am Main und Leipzig, Archiv: S. 172. Umschlagabbildung: Friedrich Overbeck, Italia und Germania. Öl auf Leinwand, 1811/1828. Ausschnitt. Neue Pinakothek, München. Foto: Artothek.

 

 

 

 

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[i] Vgl.S.10.

 

[ii] Margarete Susman, Ich hahe viele Leben gelebt. Erinnerungen, Stuttgart 1964, 5.120.

 

[iii] Ebd., S. 159.

 

[iv] Konrad Feilchenfeldt, Rahel-Philologie im Zeichen der antisemitischen Gefahr, in: Rahel Levin Varnhagen. Die Wiederentdeckung einer Schriftstellerin, hrsg. von Barbara Hahn und Ursula Isselstein, Göttingen 1987, S. 188.

 

[v] Jüdische Rundschau 13 (1930), S. 89.

 

[vi] Die schöne Literatur 31 (1930), S. 608.

 

[vii] Die neue Generation 26 (1930), S. 195.

 

[viii] Ein Teil der Briefe von Gertrud Kantorowicz bewahrt das Deutsche Literaturarchiv, Marbach, den größeren das Leo-Baeck-Institut, New York.

 

[ix] Der Morgen 6 (1930), S. 207-209; hier S. 207.

 

[x] Vgl. S. 11.

 

[xi] Der Morgen, S. 209.

 

[xii] Vgl. S. 11.

 

[xiii] Dorothea Mendelssohn und Rahel Levin. Gedanken zu Margarete Susmans Buch >Frauen der Romantik<, in: Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 6 (1930), S. 330-332.

 

[xiv] Ingeborg Nordmann, Wie man sich in der Sprache fremd bewegt. Zu den Essays von Margarete Susman, in: Vom Nah- und Fernsein des Fremden, Essays und Briefe, hrsg. und mit einem Nachwort versehen von Ingeborg Nordmann, Frankfurt a.M. 1992, S. 230.

 

[xv] Rahel Varnhagen von Ense. Zu ihrem 100. Todestag, in: Die literarische Welt 9 (1933), Nr. 10, S. 7-8; Nr. 11/12, S. 11-12. Nachdruck in: Vom Nah- und Fernsein des Fremden, S. 169-178, hier S. 169.

 

[xvi] Vgl. Rahels geistiges Wesen, in: Neue Jüdische Monatsschrift 2 (1918), S. 464-477; sowie: Rahel, in: Der Morgen 4 (1928), S. 118-138.

 

[xvii] Rahel Varnhagen von Ense, S. 170.

 

[xviii] Vgl. Margarete Susman, Das Frauenproblem in der gegenwärtigen Welt, in: Vom Nah- und Fernsein des Fremden, S. 143-167.

 

[xix] Ebd., S. 150.

 

[xx] Ebd., S. 143.